"Windhauch und Würde – Erinnern, widerstehen, Menschen bleiben“ (zu Koh 8, 9 –14.16, Einheitsübersetzung)

Predigt im Gottesdienst zum Gedenken an die Opfer der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft – 27. Januar 2026 in der Abdinghofkirche Paderborn. (Es gilt das gesprochene Wort!).

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, liebe Gemeinde,

Das Entsetzen wird nicht kleiner. Wenn es kleiner würde, wäre das kein Fortschritt, sondern ein Warnsignal. Denn dann haben wir uns nicht an die Wahrheit gewöhnt, sondern an das Ungeheuerliche. Dann ist nicht das Grauen „weiter weg“, sondern unser Gewissen weniger empfindlich. Vielleicht ist das die erste Aufgabe dieses 27. Januar: nicht zu beruhigen, nicht zu glätten, nicht schnell „einzuordnen“, sondern wach zu bleiben. Wach für das, was Menschen anderen Menschen antun können – und wach für die leisen Wege, auf denen Verachtung normal wird.

I.

Wir hörten soeben einen Abschnitt aus dem 8. Kapitel des Buches Kohelet, in der protestantischen Tradition das „Buch der Prediger“ genannt. Für mich ist er ein Text, der nicht tröstet, indem er erklärt, sondern der tröstet, indem er wahrnimmt. Kohelet schaut auf die Welt ohne Schutzbrille. Er beschreibt, was er sieht: Menschen, die Unrecht tun, werden geehrt und bekommen ein anständiges Begräbnis – als hätte ihr Leben niemandem geschadet. Und Gerechte erleben, was eigentlich die Unrecht-Tuenden treffen müsste. Kohelet sagt dazu: „Auch das ist Windhauch.“

Wenn Kohelet „Windhauch“ sagt, meint er nicht: „Das ist unwichtig.“ Er meint: Das entzieht sich. Es passt nicht in eine einfache Rechnung. Es lässt sich nicht festhalten, nicht sortieren, nicht sauber auflösen. Zumindest in unseren innerweltlichen Kategorien, „Windhauch“ ist das Wort für die Erfahrung: Ich will die Welt verstehen – und merke, sie rinnt mir durch die Finger.

Kohelet legt damit den Finger auf eine Hoffnung, die viele von uns tief in sich tragen: den Wunsch nach einem verlässlichen Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen. Wenn ich anständig lebe, wird es gut. Wenn ich gerecht bin, bleibt mir das Schlimmste erspart. Wenn ich mich bemühe, wird das Leben mich nicht zerstören. Diese Hoffnung ist menschlich. Aber Kohelet sagt: ‚Schaut hin – so funktioniert die Welt nicht immer. Es gibt Zeiten, in denen das Böse nicht sofort scheitert. Es gibt Zeiten, in denen Gerechte leiden. Und es gibt Zeiten, in denen Täter fast so leben, als hätten sie recht gehabt.‘

Am heutigen 27. Januar wird diese Wahrheit schmerzhaft konkret. Der Holocaust ist nicht einfach „Leid“, das vom Himmel fiel. Er war Menschenwerk – und zwar übelster Art: perfide geplant, straff organisiert, fabrikmäßig durchgeführt. Und er war möglich, weil zu viele mitmachten, zu viele schwiegen, zu viele wegschauten, zu viele sich sagten: „Was kann ich schon tun?“ Kohelet würde sagen: Auch dieses Wegschauen ist „Windhauch“ – eine Flucht ins Ungefähre, ins Unverbindliche, ins „Das wird schon nicht so schlimm“. Aber gerade das Ungefähre hat eine furchtbare Macht: Es macht das Unmenschliche möglich, Schritt für Schritt.

Kohelet hält uns also den Spiegel hin: Nicht nur die Welt ist widersprüchlich – auch unser Bedürfnis nach schnellen Antworten kann gefährlich werden. Denn wenn wir unbedingt erklären wollen, warum Gerechte leiden, greifen wir manchmal zu Sätzen, die wie Trost klingen und doch verletzen: „Gott hat das zugelassen, weil …“ oder „Das musste so sein, damit …“Solche Sätze können wie ein zweiter Kälteschock wirken. Sie machen aus dem Leid eine Lektion – und aus den Opfern ein Mittel. Kohelet geht diesen Weg nicht. Er sagt nicht: „Ich verstehe es.“ Er sagt: ‚Ich sehe es. Und es bleibt Windhauch.‘ Das ist unbequem. Aber es ist eine Sprache, die dem Leid nichts wegnimmt.

II.

Damit wir, Schwestern und Brüder, nicht in Abstraktionen oder im Allgemeinen stecken bleiben, möchte ich einen roten Faden aufnehmen: ein Lebenszeugnis – und zugleich eine Lebensaufgabe, die bis zuletzt gelebt wurde.

Ich erinnere heute an die bekannte Jüdin Margot Friedländer, die 1921 in Berlin geboren wurde. In der Zeit der Judenverfolgung verlor sie ihre Familie: Ihre Mutter und ihr Bruder wurden deportiert und ermordet; auch der Vater wurde Opfer der nationalsozialistischen Vernichtung. Margot Friedländer lebte als junge Frau im Untergrund, wurde 1944 gefasst und nach Theresienstadt deportiert – und überlebte. Bevor ihre Mutter verschleppt wurde, ließ sie der Tochter eine Nachricht ausrichten, die Margot Friedländer ein Leben lang getragen hat: „Versuche, dein Leben zu machen.“ Nach dem Krieg emigrierte sie in die USA. Und dann – viele Jahrzehnte später – kehrte sie 2010 nach Berlin zurück. Von da an machte sie etwas, das man gar nicht hoch genug einschätzen kann: Sie ging immer wieder zu jungen Menschen, in Schulen, in Gesprächsrunden, in öffentliche Veranstaltungen. Sie erzählte – nicht um anzuklagen, sondern um zu warnen, zu klären, zu wecken, aufzurütteln. Sie wurde in den letzten Jahren zu einer der bekanntesten Stimmen der Erinnerung in Deutschland. Ihre Botschaft fasste sie in einen Satz, der schlicht klingt und doch alles fordert: „Seid Menschen.“ Bis ins hohe Alter blieb sie dabei. Im Mai 2025 – in der Woche des 80. Jahrestags des Kriegsendes – trat sie noch öffentlich auf. Ihr letzter Auftritt war bei einer Gedenkveranstaltung im Roten Rathaus in Berlin am 7. Mai 2025. Dort las sie aus ihren Erinnerungen über die Befreiung. Und sie beschrieb diesen Augenblick nicht mit großen Worten, sondern mit dem Staunen einer Überlebenden: „Das Tor steht offen, zum ersten Mal steht es offen. … Träume ich? Kann es wahr sein, dass ich überlebt habe?“ Am Ende sagte sie wiederum den Satz, der wie ihr Vermächtnis klingt: „Bitte seid Menschen.“ Kurz danach, 2 Tage später, am 9. Mai 2025 starb sie in Berlin im Alter von 103 Jahren.

III.

Schwestern und Brüder, liebe Gottesdienstgemeinde,
wenn Sie dieses Zeugnis hören – „Versuche, dein Leben zu machen“ – und wenn Sie diesen Moment der Befreiung vor sich sehen: ein Tor, das sich öffnet; ein Mensch, der kaum glauben kann, noch am Leben zu sein – dann merken Sie: Hier wird nichts erklärt. Hier wird nichts schön geredet. Da ist keine fertige Antwort. Da ist Wirklichkeit: Staunen, Zittern, Leben – und eine Wunde, die bleibt.

Genau das ist der rote Faden, der uns heute tragen kann: Wir sollten nicht so tun, als könnten wir das Grauen des Holocaust „verstehen“, als wäre es am Ende, nach der Befreiung am 27. Januar 1945, doch irgendwie in Ordnung. Und wir sollten zugleich nicht verstummen, als wäre alles sinnlos. Zwischen diesen beiden Versuchungen – dem schnellen Erklären und dem stummen Aufgeben – führt uns Kohelet hindurch.

Denn Kohelet spricht in seiner Sprache genau von dieser Erfahrung. Er sieht, dass das Leben nicht aufgeht. Dass das Gerechte nicht automatisch gewinnt. Dass das Böse nicht automatisch scheitert. Dass manchmal sogar die Falschen geehrt werden. Und er sagt: „Auch das ist Windhauch.“ Nicht als Ausrede, sondern als ehrliche Diagnose: Es entzieht sich unserem menschlichen Zugriff. Es passt nicht in unsere Rechnung.

Und so wird Margot Friedländers Zeugnis für mich zu einer Tür in den Kohelet-Text hinein: Nicht, weil es Kohelet „beweist“, sondern weil es uns zeigt, was Kohelet meint. „Windhauch“ ist nicht ein Wort für Gleichgültigkeit. Es ist ein Wort für das, was uns an die Grenze bringt: dass Leben zerstört werden kann, obwohl es kostbar ist; dass Menschen leiden, obwohl sie nichts verbrochen haben; dass der Sinn sich nicht greifen lässt – und dass wir dennoch nicht aufhören dürfen, Menschen zu sein.

Darum steht ihr Satz „Bitte seid Menschen“ nicht unverbunden neben dem Buch Kohelet, sondern mittendrin. Denn wenn Kohelet uns die Illusion nimmt, die Welt sei automatisch gerecht, dann bleibt umso mehr die Frage: Wer sorgt dann dafür, dass die Welt nicht völlig verroht? Wer zieht Grenzen, wenn Verachtung laut wird? Wer schützt den Namen des anderen, wenn er zur Nummer gemacht wird? Kohelet gibt darauf keine schnelle Theorie – aber er zwingt uns, diese Frage an uns selbst heranzulassen.

Kohelet geht im Text noch einen Schritt weiter. Er sagt: Ich habe mir vorgenommen, Weisheit zu erkennen; ich wollte verstehen, was Gott tut – aber der Mensch kann es nicht in der Ganzheit finden. (Koh 8,16) Das heißt: Es gibt eine Grenze. Wir können suchen, denken, deuten – aber wir werden nicht alles in den Griff bekommen. Gerade an Tagen wie diesem stehen wir an dieser Grenze. Stumm und fassungslos.

Das ist schwer. Denn wir möchten gerne sicher wissen: Wie wird Gott am Ende handeln? Wird Recht geschehen? Werden die Opfer nicht vergessen? Kohelet beantwortet diese Fragen nicht mit einer Rechnung, sondern mit einer Haltung: Gott bleibt Gott. Er ist nicht verfügbar. Er ist und bleibt unbegreiflich. Er ist nicht die Verlängerung unseres Wunsches nach Ordnung. Genau das bewahrt uns davor, Gott zu einer Rechenmaschine zu machen.
Und trotzdem endet Kohelet nicht in Gleichgültigkeit. Denn wenn Gott größer ist als unsere Rechnungen, dann heißt das auch: Das letzte Wort liegt nicht bei den Tätern. Nicht bei der Gewalt. Nicht bei der Verachtung. Wir wissen nicht, wie Gott am Ende handeln wird. Aber wir dürfen hoffen, dass sein Handeln nicht die Logik der Täter wiederholt: dass Gott keinen Namen verliert; dass er die Tränen sieht, die niemand gesehen hat; dass er Schuld nicht verharmlost und die Opfer nicht vergisst.

Gerade weil wir das nicht beweisen können, wird unser Handeln umso wichtiger. Kohelet nimmt uns nicht aus der Verantwortung heraus, sondern hinein. Wenn die Welt nicht automatisch gerecht ist, dann braucht sie Menschen, die nicht einfach mitlaufen. Wenn Tun und Ergehen nicht zuverlässig zusammenpassen, dann darf Menschlichkeit nicht davon leben, dass sie sich „lohnt“. Sie muss davon leben, dass der Mensch Würde hat – ohne Bedingungen. Ja, ohne Wenn und Aber!

IV.

Und damit ist der Gedenktag nicht nur Rückblick und Erinnerung. Er fragt Sie und mich nach unserer Gegenwart: nach unserem Denken, Handeln und Fühlen hier und jetzt.

Wenn Sie heute das Wort Kohelet hören, dann hören Sie auch einen Ruf zur Nüchternheit: Rechnen Sie nicht damit, dass Unrecht sich von selbst erledigt. Warten Sie nicht darauf, dass „die Dinge sich schon beruhigen“. Der Windhauch des Unrechts wird nicht weniger, wenn man ihn ignoriert.

  1. Darum: Widersprechen Sie, wenn Menschen herabgesetzt werden. Es beginnt oft mit Worten: mit Witzen, mit dem Satz „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“, mit Sprüchen über „die Juden“, über „die anderen“, über Minderheiten. Vieles kommt nebenbei daher. Aber Sprache ist nie nur Luft. Worte schaffen Räume – oder sie vergiften sie. Wenn Verachtung unwidersprochen bleibt, wird sie normal. Und wenn sie normal wird, wächst sie. „Bitte seid Menschen“ heißt dann: Ziehen Sie eine Grenze. Ruhig, klar, ohne Theater: So redet man nicht über Menschen. Das ist nicht kleinlich. Das ist Schutz.
  2. Und ein Zweites: Halten Sie Erinnerung konkret – belassen Sie es nicht nur bei einem feierlichen Moment wie heute. Gedenktage können zu Ritualen werden. Darum braucht Erinnerung Namen. Vielleicht nehmen Sie sich vor, in diesen Tagen ein Zeugnis zu lesen, eine Biografie, einen Brief. Vielleicht bleiben Sie an einem Stolperstein stehen und lassen den Namen in sich nachklingen. Vielleicht erzählen Sie weiter – in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz –, nicht um Schuld aufzurechnen, sondern um Wahrheit zu schützen. Konkrete Erinnerung verhindert, dass Menschen zu einer Zahl werden. Und sie verhindert, dass wir uns selbst für „immun“ halten.
  3. Und schließlich: Üben Sie Menschlichkeit dort, wo Sie Einfluss haben. Viele denken beim Holocaust: Das ist zu groß, ja letztlich unvorstellbar; das hat mit mir heute wenig zu tun. Aber die Frage ist: Wo beginnt Entmenschlichung heute? Wo werden Menschen auf Nutzen reduziert? Wo werden Menschen in Schubladen gesteckt? Wo wird über Menschen geredet, als wären sie ein Problem, keine Personen? In der Familie, am Arbeitsplatz, in der Schule, im Verein, in der Nachbarschaft – überall gibt es Situationen, in denen einer ausgeschlossen wird, einer lächerlich gemacht wird, einer allein steht. „Bitte seid Menschen“ heißt dann: Sehen Sie hin. Sprechen Sie jemanden an. Stellen Sie sich dazu. Manchmal reicht eine kleine Bewegung, um eine große Kälte zu brechen.

Liebe Schwestern und Brüder,
Kohelet nennt vieles „Windhauch“. Er sagt damit: Wir können nicht alles festhalten, nicht alles erklären, nicht alles ordnen. Aber wir können entscheiden, was wir nicht preisgeben: das Gedächtnis an die Opfer, die Würde des Menschen, die Grenze gegen Verachtung.
Und wir können – trotz aller Unbegreiflichkeit – Gott zutrauen, dass er anders ist als unsere Welt oft ist. Dass er barmherzig ist, ohne billig zu sein. Dass er gerecht ist, ohne kalt zu sein. Dass er am Ende das Unrecht nicht mit einem Achselzucken stehen lässt.
So wird dieser Tag zu mehr als Erinnerung. Er wird zu einer Haltung: Wir wollen nicht abstumpfen. Wir wollen nicht schweigen, wenn Menschen verachtet werden. Wir wollen Menschen bleiben. Amen.
 

Schrifttext zur Predigt:
Kohelet 8, 9-14.16

Sodann habe ich (Kohelet) beobachtet, wie Menschen, die das Gesetz übertreten hatten, ein Begräbnis erhielten, während andere, die recht getan hatten, entfernt von der heiligen Stätte umherirren und in der Stadt der Vergessenheit anheimfallen. Auch das ist Windhauch. Wo keine Strafe verhängt wurde, / ist die Bosheit schnell am Werk. Deshalb wächst im Herzen der Menschen die Lust, Böses zu tun. Denn: Ein Sünder kann hundertmal Böses tun / und dennoch lange leben. Freilich kenne ich das Wort: Denen, die Gott fürchten, wird es gut gehen, / weil sie sich vor ihm fürchten; dem, der das Gesetz übertritt, wird es nicht gut gehen / und er wird kein langes Leben haben, gleich dem Schatten, / weil er sich nicht vor Gott fürchtet. Doch es gibt etwas, das auf der Erde getan wurde und Windhauch ist: Es gibt gesetzestreue Menschen, denen es so ergeht, / als hätten sie wie Gesetzesbrecher gehandelt; und es gibt Gesetzesbrecher, / denen es so ergeht, / als hätten sie wie Gesetzestreue gehandelt. Ich schloss daraus, dass auch dies Windhauch ist.

Als ich mir vorgenommen hatte zu erkennen, was Wissen wirklich ist, und zu beobachten, welches Geschäft eigentlich auf der Erde getätigt wurde, da sah ich ein, dass der Mensch, selbst wenn er seinen Augen bei Tag und Nacht keinen Schlaf gönnt, das Tun Gottes in seiner Ganzheit nicht wiederfinden kann, das Tun, das unter der Sonne getan wurde. Deshalb strengt der Mensch, danach suchend, sich an und findet es doch nicht wieder. Selbst wenn der Gebildete behauptet, er erkenne - er kann es doch nicht wiederfinden.

Editorische Anmerkungen

Msgr. Dr. Michael Menke-Peitzmeyer ist Direktor der Katholischen Akademie Schwerte.

Quelle: Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Paderborn e.V. Mit freundlicher Genehmigung.