Schlechte Menschen.
Antisemitismus in Südamerika
— weit verbreitet und wenig erforscht.
Klaus Hart
Antisemitismus in
Südamerika ist ein Gebiet, das noch nicht
ausreichend erforscht ist. Umso willkommener ist ein kürzlich
in Brasilien erschienener gewichtiger Sammelband*, der das
Phänomen in seinen vor allem in Lateinamerika erschreckenden
Ausmassen beschreibt.
Viele Lateinamerikaner tragen amtliche Vornamen wie Hitler, Himmler und
Eichmann, im Telefonbuch von São Paulo steht allen Ernstes
ein «Himmler Hitler Göring Ferreira
Santos». Immer wieder werden Anschläge auf Synagogen
verübt, die Zahl antisemitischer Websites und neonazistischer
Gruppierungen hat erschreckend zugenommen, jüdische
Persönlichkeiten erhalten oft Morddrohungen. Erstmals liegt
jetzt ein 740 Seiten starker Sammelband vor, in dem Experten das
Phänomen des Judenhasses in Nord- und Südamerika aus
verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Herausgeberin und Mitautorin ist
Lateinamerikas führende Antisemitismus-Forscherin Maria Luiza
Tucci Carneiro, die bereits zahlreiche Bücher zu diesem Thema
publiziert hat. Carneiro lehrt an der Universität
São Paulo und baut derzeit in Kooperation mit dem
Yad-Vashem-Institut in Jerusalem ein virtuelles Archiv über
Holocaust und Antisemitismus auf. Ausserdem erarbeitet sie dringlich
notwendiges didaktisches Material für Brasiliens Lehrer
– Material, das seit Jahrzehnten vorliegen sollte.
Der Antisemitismus in Kanada und den USA wird in dem
Sammelband als
unbedeutend und kaum bedrohlich beschrieben, daher auch relativ kurz
abgehandelt. Ganz im Gegensatz zum Riesenland Brasilien und zu seinem
Nachbarn Argentinien, die Lateinamerikas grösste
jüdische Gemeinden aufweisen, welche zunehmendem Neonazismus
und Antisemitismus ausgesetzt sind. Erinnert werden muss an den
Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum in Buenos
Aires von 1994, bei dem 85 Menschen getötet wurden. Dieses
Attentat und andere Vorkommnisse führten auch in Brasilien zu
scharfen Sicherheitsvorkehrungen an den Synagogen. Brasilianische
Rabbiner betonen, dass die iberische Kultur bis heute stark
antisemitisch geprägt ist und dass Spanien und Portugal den
von ihnen kolonisierten Ländern Lateinamerikas sowohl den
christlichen Antijudaismus als auch den rassistischen Antisemitismus,
mit all ihren Stereotypen und Vorurteilen, tief einpflanzten.
Eine Prachtausgabe von «Mein Kampf»
Für Maria Luiza Tucci Carneiro tarnt sich
Antisemitismus in
Brasilien und den anderen Ländern Nord- und
Südamerikas heute gewöhnlich als Antizionismus, als
Hass auf Israel. «Doch wenn man genau hinschaut, geht es
gegen die Juden, sehen wir jenen tiefsitzenden, traditionellen
Antisemitismus.» Vor allem in Brasilien, Argentinien und
Chile sei die antijüdische Mentalität stark und
artikuliere sich politisch. Antisemitische Machwerke aus der Nazizeit
würden neu aufgelegt. In Brasilien selbst ist die
Übersetzung von Hitlers «Mein Kampf» als
Prachtausgabe seit Jahren ein rasch ausverkaufter Bestseller;
Buchhändler raten einem stets, sofort zuzugreifen. Seit dem
19. Jahrhundert wurden die wichtigsten Rassentheorien aus Deutschland
und Frankreich in Brasilien von führenden Kreisen
übernommen und von renommierten Intellektuellen propagiert.
«Man wollte hier eine reine Rasse – weiss,
nichtjüdisch und katholisch.»
Im Sammelband findet sich eine überraschende Studie
der
Historikerin Silvia Cortez Silva über eine Ikone der
brasilianischen Kultur, den Schriftsteller Gilberto Freyre, dessen 100.
Geburtstag im Jahr 2000 mit offiziellem Pomp gefeiert worden war.
Freyre hatten schon zu Lebzeiten viele grosse Universitäten
der Welt geehrt – obwohl er in seinem Klassiker
«Herrenhaus und Sklavenhütte»
übelste antijüdische Vorurteile verbreitet. Gilberto
Freyre habe nie versteckt, was er über die Juden denke,
schreibt Silva. «Die Art und Weise, wie er das Profil und die
Identität der Juden beschreibt, könnte
antisemitischer nicht sein.» Es finden sich
Ausdrücke und Attribute wie Blutsauger, Parasit, Ausbeuter,
Skrupellosigkeit, Gerissenheit, Judennase, Geiergesicht – um
nur weniges zu nennen. Als besonders interessant hebt Silva hervor,
dass solches in den langen Jahren der Rezeption unbeachtet geblieben
sei.
Bis heute sind in Lateinamerika antisemitische Ansichten
gängig. In manchen brasilianischen
Fremdwörterbüchern steht unter Jude allen Ernstes
«schlechter Mensch». Auch offiziell wird in
Brasilien nach wie vor der Diktator und Judenhasser Getulio Vargas als
grösster Staatsmann in der nationalen Geschichte verehrt, der
indessen ab 1936 per Geheimdekret die Erteilung von Einreisevisa
für verfolgte Juden verboten hatte. »Wir wissen von
über 10 000 abgelehnten Visaanträgen – und
es sind noch viel mehr», erklärt Carneiro. Zudem
wurden zahlreiche Juden nach Deutschland deportiert.
Hunderte von Kriegsverbrechern
Der Forscherin liegen viele anonyme Briefe nicht
deutschstämmiger Brasilianer vor, die in das Tropenland
geflohene Juden denunzierten. «Brasilien kooperierte bei der
Judenvernichtung, die Vargas-Regierung hat sich am Holocaust
mitschuldig gemacht – was sich die Brasilianer endlich einmal
bewusst machen sollten.» Vargas förderte die
Ausbreitung der NSDAP in Brasilien, liess Nazi-Instrukteure ins Land,
die auch an den deutschen Schulen Indoktrination betrieben. Man
grüsste mit «Heil Hitler», sang bei
Aufmärschen der Ortsgruppen Rio und São Paulo SA-
und SS-Lieder. In keinem Land ausserhalb Deutschlands brachte es die
NSDAP auf mehr Mitglieder. Nach Filinto Müller, dem
berüchtigten Chef und Oberfolterer der politischen Polizei von
Vargas, sind bis heute Schulen, Plätze, Strassen und sogar ein
Plenarsaal im Nationalkongress von Brasilia benannt. Erst 1942 bricht
der Diktator Vargas mit Nazideutschland, um nicht auf der
Verliererseite zu stehen – auch auf Druck der USA.
Deutschland wird noch der Krieg erklärt. Im ebenfalls stark
antisemitischen Argentinien lässt sich der wie Vargas bis
heute populäre Nazi-Kollaborateur Juan Domingo
Perón damit bis vier Wochen vor Hitlerdeutschlands
Kapitulation Zeit. Wie er nach 1945 die Einreise Hunderter
Kriegsverbrecher organisieren liess, ist bestens dokumentiert und
hinreichend bekannt.
Nach dem Krieg wurde in Brasilien die antisemitische Politik
sogar
fortgesetzt. Noch 1949, so beschreibt Carneiro in ihrem Klassiker
«O Antisemitismo na Era Vargas», werden
Einreisevisa für Juden erneut per Geheimdekret verweigert mit
dem Argument, es handle sich um Überlebende der KZ, also
psychisch gestörte Leute, an denen Brasilien kein Interesse
haben könne. Brasiliens Deutschstämmige spielten
dabei keine geringe Rolle. Tausende von ihnen teilten die
Nazi-Begeisterung, nahmen in Europa an Krieg und Judenvernichtung teil
und kehrten nach 1945 ungeschoren nach Brasilien zurück, wo
sie den Nazi-Ungeist weiter kultivierten. Erst heute, viel zu
spät, will man diesen Kriegsverbrechern auf die Spur kommen.
Maria Luiza Tucci Carneiro wirft lateinamerikanischen Intellektuellen,
aber ebenso wie dem portugiesischen Literaturnobelpreisträger
José Saramago vor, einen neuen Antisemitismus zu
fördern. Das Vorgehen Israels gegen die Palästinenser
mit dem Holocaust zu vergleichen, sei absurd, und Brasiliens Regierung
sei heute viel mehr proarabisch als proisraelisch.
Der Fall Stefan Zweig
Aber hatte nicht der grosse jüdische Schriftsteller
Stefan
Zweig just unter Diktator Getulio Vargas Zuflucht in Brasilien
gefunden? Um den schönen Schein einer vorurteilsfreien,
antirassistischen Nation zu wahren, wurden ausnahmsweise bestimmte
Juden durchaus ins Land gelassen: Jene, die eine hohe Summe beim Banco
do Brasil deponierten, oder jene, von denen man sich Image-Vorteile
versprach. Der jüdische Publizist und Zweig-Biograf Alberto
Dines nennt die Hintergründe: «Dieses Einreisevisum
war damals eine kostbare Sache für jeden Juden, der aus Europa
flüchten wollte. Und Stefan Zweig machte eben ein
Geschäft mit der Vargas-Regierung – er schrieb ein
Buch zugunsten Brasiliens im Tausch gegen ein Dauervisum und erhielt
dieses mit unglaublicher Leichtigkeit. Zweig war kein politisierter
Mensch, er hat die Augen vor vielem verschlossen. Stattdessen erfand er
ein Paradies.» Das realitätsfremde Buch
«Brasilien – ein Land der Zukunft» ist
bis heute ein Weltbestseller, kurioserweise ein Klassiker der
Brasilienliteratur. Über den grauenhaften brasilianischen
Antisemitismus unter dem Diktator Vargas findet sich selbstredend kein
Wort.
Luiza Tucci Carneiro: O Antisemitismo nas Americas.
Editora da
Universidade de São Paulo, 2008.
Copyright:
Neue Zürcher Zeitung vom 11. November 2008;
Mit freundlicher Genehmigung der Neuen Zürcher Zeitung)
2009-01-03
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