Der Friede im Heiligen Land beginnt in Jerusalem

Gemeinsame Erklärung der christlichen Hirten und Patriarchen über den Status Jerusalems

Der Friede im Heiligen Land beginnt in Jerusalem:

Gemeinsame Erklärung der christlichen Hirten und Patriarchen über den Status Jerusalems

JERUSALEM, 4. November 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen eine eigene Übersetzung der gemeinsamen Erklärung der christlichen Hirten und Patriarchen des Heiligen Landes über den Status von Jerusalem.

Die Erklärung wurde am 29. September veröffentlicht, nach dem Ende des Krieges zwischen Israel und dem Libanon, und hebt nachdrücklich die Notwendigkeit der gemeinsamen Bemühungen zu einem dauerhaften Frieden im Nahen Osten hervor. Eine dauerhafte Lösung dieses Konflikts müsse von Jerusalem ihren Ausgang nehmen.

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Und wieder einmal haben wir während des Kriegs im Südlibanon eine Zeit tödlicher Gewalt erlebt. Wir begegnen immer noch Tod und Zerstörung in Gaza und noch größerer Unsicherheit in der israelischen Gesellschaft. Deshalb erklären wir, dass es höchste Zeit ist, mit allseitigen ernstlichen Bemühungen zu einem endgültigen und gerechten Frieden zu beginnen. Überdies glauben wir, dass der Frieden von der Heiligen Stadt Jerusalem ausgehen muss.

Darum legen wir diese Erklärung vor, in der Hoffnung, dass sie einen bescheidenen Beitrag zur Geburt des Frieden in unserem Land leisten wird.

Im Jahr 1994 haben wir, Patriarchen und Leitungspersonen der christlichen Kirchen in Jerusalem, ein Memorandum mit dem Titel „Die Bedeutung Jerusalems für die Christen“ veröffentlicht, in dem wir den christlichen Charakter von Jerusalem und die Bedeutung der Präsenz der Christen in dieser Stadt herausstellten.

Es beleuchtete ebenfalls den besonderen politischen Status, der der Stadt aufgrund ihres heiligen Charakters gewährt werden muss. Seit damals sind wir zu Zeugen der stets wachsenden Neigung seitens der politischen Autoritäten geworden, über das Geschick der Stadt einseitig zu entscheiden und einseitig ihren Status zu bestimmen. Der Zugang zu Jerusalem wird für unsere Gläubigen und unsere Mitarbeiter immer schwieriger.

Mit der Errichtung der Mauer werden viele unserer Gläubigen von bestimmten Bezirken der Heiligen Stadt ausgeschlossen, und Mitteilungen der lokalen Presse zufolge werden es in Zukunft noch mehr sein. Von Mauern umgeben, steht Jerusalem nicht länger im Zentrum und ist nicht mehr das Herz des Lebens, wie sie es sein sollte.

Wir erachten es als Teil unserer Pflicht, die Aufmerksamkeit der lokalen Autoritäten wie auch der internationalen Gemeinschaft und der Weltkirchen auf diese Besorgnis erregende Situation zu lenken und rufen zu gemeinsamen Bemühungen auf, nach einer übereinstimmenden Interpretation des Status der Heiligen Stadt zu suchen, die auf internationalen Resolutionen basiert und die Rechte der zwei Völker und drei Glaubensgemeinschaften in ihr berücksichtigt.

In dieser Stadt, in der Gott zu den Menschen sprechen und die Völker mit ihm und untereinander versöhnen wollte, erheben wir unsere Stimme, um zu verkünden, dass die Wege, die bislang gegangen worden sind, der Stadt keine Befriedung gebracht und ihren Einwohnern kein normales Leben zugesichert haben. Deshalb müssen sie geändert werden. Die politischen Führungspersönlichkeiten sind aufgefordert, nach neuen Perspektiven und nach Wegen zu suchen.

Nach Gottes eigenem Plan leben zwei Völker und drei Religionen in dieser Stadt zusammen. Unsere Ansicht ist, dass sie weiterhin in Harmonie, Achtung, gegenseitiger Annahme und Zusammenarbeit miteinander leben sollten.

1. Jerusalem, Heilige Stadt und Stadt des täglichen Lebens für zwei Völker und drei Religionen

Jerusalem, Erbe der Menschheit und Heilige Stadt, ist auch die Stadt des täglichen Lebens für ihre Einwohner, sowohl für Palästinenser als auch für Israelis, Juden, Christen und Muslime sowie für alle, die mit ihnen über familiäre Bande verbunden sind, wie auch für jene, für die Jerusalem der Ort ihrer Gebete, ihrer Schulen, Krankenhäuser und Arbeitsplätze ist.

Nicht nur historische Erinnerungen und heilige Pilgerstätten, sondern auch die lebendigen Gemeinschaften der Gläubigen – Juden, Christen und Muslime –, machen die Stadt Jerusalem zu einem beliebten und einzigartigen Ort für die drei monotheistischen Religionen. Heilige Orte und lebendige menschliche Gemeinschaften sind untrennbar.

Darüber hinaus haben der heilige Charakter der Stadt und die Bedürfnisse ihrer Einwohner zahlreiche religiöse Institutionen angezogen und tun es auch weiterhin. Diese sind von den über Jahrhunderte hinweg aufeinander folgenden Autoritäten anerkannt worden und haben bestimmte Rechte erworben, die es ihnen erlauben, ihre Pflichten gegenüber der Heiligen Stadt und ihren Einwohnern zu erfüllen.

Folglich müssen die Grundrechte der Individuen und der Institutionen geachtet werden. Für die Individuen sind das die Grundrechte, die es ihnen erlauben, ihre religiösen, politischen und sozialen Pflichten auszuüben und ihren religiösen, kulturellen, medizinischen und Bildungserfordernissen nachzukommen.

Für die Gemeinschaften ist es ein Recht, Grundbesitz zu haben, ungehindert über die Werke zu verfügen, die für ihren Dienst und eine umfassende menschliche Entwicklung notwendig sind: Kirchen, Klöster, Schulen, Krankenhäuser, soziale Einrichtungen, theologische und biblische Institutionen, Unterbringung von Pilgern usw. Dazu gehört auch das Recht, das Personal einzubringen und sich der Mittel zu bedienen, die für eine angemessene Arbeitsweise der jeweiligen Einrichtungen notwendig sind.

2. Anforderungen für eine gerechte und dauerhafte Lösung der Jerusalemfrage

Die Zukunft der Stadt muss über ein gemeinsames Abkommen, in Zusammenarbeit und mit Rücksprache entschieden und darf nicht über Macht und mit Druck aufgezwungen werden. Einseitige Entscheidungen oder aufgezwungene Lösungen werden für den Frieden und die Sicherheit auch weiterhin sehr abträglich sein.

Andere Lösungen sind möglich: Die Stadt Jerusalem kann vereint bleiben, aber die Hoheitsgewalt muss in diesem Fall geteilt ausgeübt werden, nach dem Grundsatz der Gleichheit von Israelis und Palästinensern. Sollte es allerdings der Wunsch der beiden hier lebenden Völker sein, kann die Stadt auch geteilt werden, mit zwei unterschiedlichen Herrschaftsgewalten. Das Ziel wäre dann, in beiden Teilen der Stadt eine wahre Einheit der Herzen zu erzielen.

Die Mauer, die die Stadt an mehr als einer Stelle trennt und eine große Anzahl ihrer Einwohner ausschließt, muss den Weg frei machen für eine Erziehung, die gegenseitiges Vertrauen und gegenseitige Annahme stärkt.

Angesichts der Unfähigkeit der betroffenen Parteien, bis dato eine gerechte und dauerhafte Lösung zu finden, ist der Beistand der internationalen Gemeinschaft ein Muss. Auch in Zukunft wird diese Hilfe in Form von Garantien fortdauern müssen, die die Stabilität der beidseitig getroffenen Übereinkommen gewährleisten.

Wir empfehlen, so bald wie möglich einen Ad-hoc-Ausschuss zu schaffen, um die Zukunft der Stadt zu beleuchten. Die örtlichen Kirchen von Jerusalem müssen Teil dieses Ausschusses sein.

3. Besonderer Status – offene Stadt

Jerusalem, Heilige Stadt, Erbe der Menschheit, Stadt zweier Völker und dreier Religionen, hat einen einzigartigen Charakter, der sie von allen anderen Städten der Welt unterscheidet; einen Charakter, der jede lokale politische Souveränität übersteigt.

„Jerusalem ist zu wertvoll, um allein von kommunalen oder national-politischen Autoritäten abhängig zu sein“ (vgl. Memorandum aus dem Jahr 1994).

Die beiden Völker Jerusalems sind die Wächter ihrer Heiligkeit und tragen eine doppelte Verantwortung: das Leben in der Stadt zu organisieren und die Pilger, die aus aller Welt kommen, zu empfangen. Die erforderliche internationale Zusammenarbeit ist nicht dazu bestimmt, die Rolle und die Souveränität ihrer beiden Völker zu ersetzen, sondern sie wird dazu benötigt, den beiden Völkern zu helfen, den besonderen Status der Stadt zu definieren und zu erhalten.

Deshalb müssen ihre beiden Völker von einem politischen, ökonomischen und sozialen Gesichtspunkt aus gesehen der Stadt Jerusalem einen besonderen Status verleihen, der ihrem doppelten Charakter der Heiligkeit und Universalität und des Gewöhnlichen und Lokalen entspricht, wo sich das tägliche Leben entfaltet.

Ist dieser Status einmal gefunden und definiert, dann muss ihn die internationale Gemeinschaft mit internationalen Garantien bestätigen, die den dauerhaften Frieden und die Achtung aller sicherstellen werden.

Die Komponenten dieses besonderen Status müssen die folgenden Elemente beinhalten:

  • „Das Menschrecht der Religionsfreiheit und der Freiheit des Gewissens für alle, für Einzelpersonen genauso wie für die religiösen Gemeinschaften“ (vgl. Memorandum, 1994).
  • Die Gleichheit aller ihrer Einwohner vor dem Gesetz, in Übereinstimmung mit den internationalen Resolutionen.
  • Den freien Zugang zu Jerusalem für alle: Einwohner, Ortsansässige oder Pilger, zu jeder Zeit, ob Frieden oder Krieg. Deshalb sollte Jerusalem eine offene Stadt sein.
  • Die „Rechte des Grundeigentums, der Verwaltung und der Anbetung, die die verschiedenen Kirchen durch die Zeit hinweg erhalten haben, sollten von den selbigen Gemeinschaften beibehalten werden. Diese Rechte, die bereits im Status Quo von Heiligen Stätten aufgrund von historischen „Firmanen“ [Erlass einer Landeshoheit in orientalischen Ländern, Anm. d. Red.] und anderen Dokumenten geschützt werden, sollten weiterhin anerkannt und geachtet werden“ (vgl. Memorandum, 1994).
  • Die verschiedenen christlichen heiligen Stätten in der Stadt müssen geographisch vereint bleiben, gleich wo sie sich befinden oder was die Lösung vorsieht.

Fazit

Für Juden, Christen und Muslime ist Jerusalem ein bedeutender Ort der Offenbarung und der Begegnung Gottes mit dem Menschen. Deshalb können wir weder ihrem Schicksal gegenüber gleichgültig bleiben, noch angesichts ihres Leidens schweigen.

„Um Zions willen kann ich nicht schweigen, um Jerusalems willen nicht still sein, bis das Recht in ihm aufstrahlt wie ein helles Licht und sein Heil aufleuchtet wie eine brennende Fackel“ (Jes 62,1).

Wir rufen alle religiösen Hirten im Heiligen Land feierlich dazu auf zusammenzuarbeiten, um eine gemeinsame Lesart des Status der Stadt zu erlangen, die die Herzen aller Gläubigen vereinen mag. Wir rufen unsere politischen Autoritäten dazu auf, gemeinsam Übereinstimmungen ausfindig zu machen und in Zusammenarbeit mit den religiösen Autoritäten eine Lösung zu finden, die dem heiligen Charakter der Stadt entspricht.

Wir hoffen, dass unser Aufruf Gehör findet und dass die politischen Führungspersonen das Wesen dieser Heiligen Stadt achten und sich selbst fähig zeigen, ein endgültiges und definitives Übereinkommen zu erreichen, das Jerusalem zu einem wahren Zeichen der Gegenwart Gottes und seines Friedens unter den Menschen macht.

Patriarch Theophilos III.: Griechisch-Orthodoxes Patriarchat

Patriarch Michel Sabbah: Lateinisches Patriarchat

Patriarch Torkom II.: Armenisch-Apostolisch-Orthodoxes Patriarchat

Pater Pier Battista Pizziballa, Kustos des Heiligen Landes

Anba Abraham: Koptisch-Orthodoxes Patriarchat

Swerios Malki Mourad: Syrisch-Orthodoxes Patriarchat

Abune Grima: Athiopisch-orthodoxes Patriarchat

Paul Nabil Sayyah: Maronitisches patriarchales Exarchat

Bischof Riah Abu Al-Assal: Episkopalkirche von Jerusalem und vom Nahen Osten

Bischof Mounib Younan: Lutherisch-Evangelische Kirche

Pierre Malki: Exarch für die Syrischen Katholiken in Jerusalem

George Bakar: Griechisch-katholisches patriarchales Exarchat

Pater Rafael Minassian: Armenisch-katholisches patriarchales Exarchat

Jerusalem, dem 29. September 2006

 

Editorische Anmerkungen

Quelle: ZENIT-Übersetzung des vom Lateinischen Patriarchat in Jerusalem veröffentlichten englischen Originals