Die Herausforderungen, Fragen und Perspektiven, die damit verbunden sind, werden in vier Beiträgen behandelt, darunter drei evangelische und eine muslimische, aber leider keine jüdische Stimme. Die Beiträge eint die grundsätzliche Offenheit für interreligiöses Gebet und weitergehend für interreligiöse Kasualien. Das macht den Band theologisch interessant und herausfordernd. Er vereint klar positionierte Stimmen in einer breiter zu führenden Debatte und ist innovativ, weil er Kasualien in den Blick nimmt, die trotz aller Ökumene bis heute konfessionell verankert sind.
Für Michael Meyer-Blanck („Öffne meine Augen. Chancen und Grenzen interreligiösen Betens aus christlicher Sicht“, 11–18) ist Beten phänomenologisch-theologisch ein asymmetrisches Geschehen, weil es ein Gegenüber voraussetze, das nicht „dingfest“ (12) zu machen sei. Die Erfahrung der Asymmetrie eine Judentum, Christentum und Islam. Für alle drei sei Beten „eine unmögliche Möglichkeit“ (13). Gebete seien „Grenzüberschreitungen“ (14). Meyer-Blanck skizziert kurz, aber treffend die Besonderheiten christlichen Betens (14–17). In seiner Vollform spreche christliches Beten „zum Vater durch den Sohn im Heiligen Geist“ (16). Dieses trinitarische Moment gelte explizit wie implizit für christliches Beten, das aber im Bewusstsein um die ihm immanente Asymmetrie „bescheiden“ (17) sein müsse. So könnten sie „in der Gemeinschaft der Gott Suchenden“ (17) das Gebet der anderen monotheistischen Religionen akzeptieren, es mit der eigenen Hermeneutik hören und zugleich um den Verstehenshorizont der Anderen wissen (17f). Demnach gibt es ein Mit- wie ein Nebeneinander im Gebet. Zu diskutieren wäre, ob das für interreligiöse Praxis von Kasualien als theologisches Fundament schon ausreicht und wie es Kasualien möglicherweise verändert. Es fällt auf, dass Meyer-Blanck immer von Beten spricht, nie von Kasualien, was einen Unterschied macht.
Ahmad Milad Karimi („Zur Polyphonie einer gemeinsamen Gottbezogenheit“, 19–24) führt in das Beten im Islam ein, „intimste Möglichkeit menschlicher Selbstentgrenzung […], indem sich der Betende Gott in Demut hinhält“ (21). Körperhaltung, Achtsamkeit, Verbindlichkeit des Gebets, insbes. auch dessen existenzielle Dimensionen werden herausgestellt (22f). Interreligiöses Gebet sei möglich, auch wenn keine pauschale Antwort gegeben werden könne. Karimi plädiert für die gemeinsame Entwicklung von Formen interreligiösen Gebets (24). „Polyphonie“ und gemeinsamer Transzendenzbezug markieren die Eckpunkte solcher Bemühungen.
Gregor Hohberg („Liturgische Erfahrungen im House of One“, 25–40) berichtet von der liturgischen Praxis in dieser Gebetsstätte monotheistischer Religionen und verdeutlicht die Probleme. Die beteiligten Religionen sollen „gemeinsam und öffentlich“ (28) in einem Anliegen beten, ohne damit eine neue Glaubensgemeinschaft zu bilden. Grundsätze und Grundformen liturgischen Miteinanders werden benannt. Letztlich gehe es um ein gutes Miteinander. Als Grundformen einer entsprechenden Praxis nennt Hohberg multireligiöses Gebet und Gottesdienste in liturgischer Gastfreundschaft (32). Das Verhältnis von Gästin/Gast und Gastgeber:innen wird reflektiert, mögliche Orte für solche Gebete und Liturgien werden benannt, Aufstellung und Reihenfolge der mitwirkenden Religionsvertreter erläutert. Neben religiös Gebundenen sind auch religiös Ungebundene im Blick.
Das Buch enthält dann eine ganze Reihe von liturgischen Entwürfen, die auf die monotheistischen Religionen bezogen sind: die gemeinsame religiöse Feier bei der Hochzeit eines Muslims und einer Christin, die Segnung eines Neugeborenen, eine „christliche Beerdigung in liturgischer Gastfreundschaft“ (79), eine „Einweihung eines Raumes der Stille in einem Krankenhaus“ (91), ein „multireligiöses Friedensgebet“ (106), eine religiöse Feier mit Schulkindern zum Thema Frieden (119), „Weihnachten gefeiert in liturgischer Gastfreundschaft“ (133). Die Einleitungen zu den verschiedenen Feiern sind recht erhellend. So wird für die Feier anlässlich einer Hochzeit von einem neutralen Ort abgeraten, aber auch vor falschen Kompromissen gewarnt (45f). Man solle nur dort ins Gebet einstimmen, wo es dem eigenen Glauben entspreche (48). Die Gebete sind mal trinitarisch formuliert, mal nicht. Bei der Segnung von Neugeborenen werden die religionsspezifischen Hindernisse, aber auch das Bewusstsein, dass der Mensch frühzeitig in einer Religion aufwachsen sollte, genannt. Die Spannungen, die mit den Feiern verbunden sind, werden also herausgearbeitet. Immer wieder wird auf die Gefahr der Vereinnahmung hingewiesen (92). Besonders drängend ist sicherlich das Friedensgebet. Auch hier wird angemahnt, nichts vorzuspielen, was in der Praxis der verschiedenen Religionen keinen Anhalt habe. Eine Pädagogisierung von Religion und Gebet müsse vermieden werden. Mit Blick auf Weihnachten wird die Bedeutung der Gastfreundschaft für religiöses Leben unterstrichen, ohne dass Unterschiede relativiert werden müssten. Es gehe um ein Geben und Nehmen.
Sehr feinsinnig und auf den Punkt formuliert ist der Beitrag von Christian Lehnert („Atem. Gedanken zum Ausblick“, 145–151). Danach können Religionen gar nicht anders, als in Kommunikation mit den Anderen ihr Selbstverständnis zu formulieren (146). Lehnert beschreibt das wenig später als ein Atmen, ein Nehmen und Geben aus und in Kulturen, aber eben auch Religionen. Gerade die Begegnung mit anderen Religionen schärfe den Sinn für das Eigene, aber auch für das gemeinsam Verstörende und Befremdende durch das Gegenüber zu Gott (147). Interreligiöse Begegnungen und Gebetspraxis führen das Christentum „zurück auf die elementaren Fragen nach seinen inneren Gestaltungskräften, nach dem Geist in ihm und nach Lebensformen, die heute tragfähig sein können.“ (150) Das Interreligiöse ist also nicht eine beliebige Zugabe, sondern elementar für den Glauben in einer heute pluralen Gesellschaft.
Das Buch ist für die Debatte um interreligiöses Gebet anregend. Indem es Kasualien – u. a. an Lebensknotenpunkten – in den Mittelpunkt stellt, geht es über das Gebet weit hinaus und verschärft die relevanten Fragestellungen noch einmal. Vielleicht wäre es für die Lektüre hilfreich gewesen, wenn der sehr lesenswerte Beitrag von Lehnert am Anfang des Buches gestanden hätte. Er formuliert Grundlegendes, wirkt aber am Ende etwas versteckt. Bedauerlich ist, dass keine jüdische Stimme im Buch vertreten ist. Das wäre beim Zuschnitt des Bd.s eigentlich erforderlich gewesen. Christlich steht im Buch offensichtlich durchweg für evangelisch, was nicht nachvollziehbar ist. Dass der katholische Ritualefaszikel für die Feier der Trauung kurze Hinweise für die Trauung mit einem jüdischen oder muslimischen Partner oder einem Partner aus einer nicht-monotheistischen Religion enthält, hätte gerne erwähnt werden können. Bei einigen Feiern erschließt sich sofort die Sinnhaftigkeit einer multireligiösen oder interreligiösen Feier – über die Begrifflichkeit ließe sich streiten –, insbes. beim Friedensgebet, aber auch bei der Einweihung eines Raumes der Stille. Bei der evangelischen Christvesper (132) ist das weniger der Fall – warum sollen hier Rabbinerin oder Imam anwesend sein? Wäre, um in der Jahreszeit zu bleiben, ein gemeinsames Gebet zum Jahresende oder -beginn nicht naheliegender? Das Buch liefert wichtige Impulse, enthält manche überzeugend formulierten Gebetstexte, fordert aber auch im Detail, nicht im Grundsätzlichen zum Widerspruch heraus. Es regt auf jeden Fall die notwendige Diskussion um das rituelle Miteinander der drei Religionen an.
Lehnert, Christian / Hohberg, Gregor (Hg.):
Ungetrennt, unvermischt. Kasualien im Miteinander von Judentum, Christentum und Islam.
Evangelische Verlagsanstalt
Leipzig 2025
155 S., kt. € 19,00


