Das „Wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben“ erscheint erschreckend unkonkret und sogar frömmelnd; die Verbrechen gegenüber den Juden spielen keine Rolle. Unterzeichnet wurde das „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ zudem von Kirchenvertretern, die im 3. Reich z.T. eine unrühmliche Rolle eingenommen hatten und somit der Heuchelei bezichtigt werden können, wenn es heißt: „Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregime seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat“.
Im Sommer 1947 kam es deswegen im „Bruderrat“ der EKiD mit dem „Darmstädter Wort“ (DW) zu einem umfassenderen Neuansatz eines Schuldbekenntnisses, angestoßen von Theologen wie Karl Barth, der schon 1934 für die Abfassung der Barmer Theologischen Erklärung gesorgt hatte, den von ihm geprägten lutherischen Göttinger Systematiker Hans Joachim Iwand oder auch dem späteren hessischen Kirchenpräsidenten Martin Niemöller, der als „persönlicher Gefangener des Führers“ viele Jahre im Gefängnis saß.
Über diese erneute „Standortbestimmung“ nach dem „In die Irre gegangen“-Sein der Kirche geht es in dem besprochenen Buch. Es handelt sich um den stark erweiterten Tagungsband des 36. Iwand-Symposiums in Uelzen im September 2022 zum 75. Jubiläum DWs. Für alle, die die Nachkriegszeit nicht bewusst miterlebt oder -gestaltet haben, öffnet sich mit diesen Vorträgen und Aufsätzen eine großartige Schatztruhe des Verständnisses für „I. Die Schuld(diskurse) der Nachkriegszeit“ mit „II. Impulse[n] und Anfragen“ und hinführend zu „III. Sozialethische[n] Felder[n] aktueller Schuld(diskurse)“.
Beginnen sollte man mit dem Anhang (ab S. 391), wo das sog. „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ von 1945, das DW „des Bruderrates der Evangelischen Kiche in Deutschland zum politischen Weg unseres Volkes“ vom 8. August 1945 mit seinen vier vorläufigen Entwürfen von Iwand, Niemöller, Barth und der Kirchlich-Theologischen Arbeitsgemeinschaft (KTA) für Deutschland nacheinander – leider nicht synoptisch – wiedergegeben werden. Man kann somit die teils schwierige Genese der finalen sieben Thesen nachvollziehen, die der grundlegende und wieder neu veröffentlichte Beitrag von Hartmut Ludwig „Die Entstehung des Darmstädter Wortes“ aufzeigt (S. 21-60). Ludwig (†) hatte ihn als Dozent für kirchliche Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin 1977, zum 30. Jubiläum in der „Jungen Kirche“ erstveröffentlicht. Dass ausgerechnet er als Mitglied der Ost-CDU sich gründlich, grundlegend und nachhaltig mit dem DW auseinandersetzte, verrät viel: Das DW wurde in der DDR für die „Kirche im Sozialismus“ (S. 141) stärker rezipiert als im Westen. Und es atmet eine grundsätzliche Spannung zwischen theologischem und politischem Konservativismus einerseits und Revolutionärem, gar Marxismus (These 5) andererseits. Das Stuttgarter Schuldbekenntnis mit seinem nicht eindeutigen Sich-Absetzen von der Liaison zwischen Thron und Altar überwindend, gibt das DW zu (These 3): „Wir haben das Recht zur Revolution verneint, aber die Entwicklung zur absoluten Diktatur geduldet und gutgeheißen“. Das DW ist ein Wort des Linksprotestantismus (S. 137), das von konservativen lutherischen Theologen wie Hans Asmussen und Walter Künneth von Anfang an bekämpft worden ist („politisch-theologische[r] ‚Sozialistenbeschluss‘“, S. 127) und – zumindest in der EKiD – keine kirchenamtliche Bedeutung erreicht hat; anders bei den DDR-Kirchen, wo es „den Rang eines kirchlichen Basisdokuments erhalten“ hat, so Michael Hüttenhoff von der Universität Saarbrücken (S. 139), Reinhard Henkys zitierend, in seiner „Rezeptionsgeschichte des DW von 1949 bis 1989“ (S. 131-165 mit einer umfassenden Bibliografie zum DW, ca. 200 Titel!).
Marco Hofheinz von der Universität Hannover führt Ludwigs Analyse weiter „aus der Perspektive neuerer zeitgeschichtlicher Forschungen und Fragestellungen zum Umgang mit Schuld in der frühen Nachkriegszeit“ (S. 61-103). Dabei bringt er geschickt drei neuere Untersuchungen zu Tätern und Opfern, zur Entnazifizierung und zu den Kriegsheimkehrern ins fiktive Gespräch mit dem DW und folgert: Das „radikale“ DW (S. 87f.) „war seiner Zeit voraus. Es nimmt mit seiner Kritik gewissermaßen die Revisionen vorweg, die sich erst seit den späten 1950er Jahren langsam durchsetzten“ (S. 89). Zu einer Zeit also, als der „Anreger und Hauptautor“ des DW, Hans Joachim Iwand leider schon an sein Wirkungs- und Lebensende gekommen war (*1899 in Schlesien, Dozent in Königsberg, Professor in Göttingen, †1960 als Professor in Bonn). Mit ihm beschäftigt sich intensiv Christian Neddens. Ausgehend von Iwands Abschlussandacht in der Kirchengründungsversammlung von Treysa am 31. August 1945 bei der vermeintlichen „Stunde Null“ reflektiert er die Stichworte „Versöhnung“, „Schuld“ und „Bekenntnis“, das typische „Wir“ mit „Gemeinde Gottes“ identifizierend (seine These 6, S. 394): Das DW ist „nicht als Schuldbekenntnis gemeint, sondern als Standortsbestimmung der Gemeinde aus Gottes Verheißung in dieser Welt“, die den „Bruch mit den Selbstverständlichkeiten nationalprotestantischer Existenz“ erforderte (S. 119).
Der Tatsache, dass Iwand bei aller wachen Sensibilität genauso wie Barmen 1934 und Stuttgart 1945 die Juden und den Holocaust als das schlimmste „In die Irre gegangen“-Sein im DW nicht thematisiert, problematisiert einer von zwei Beiträgen des kundigen Gerard den Hertog von der Universität Appeldoorn: „Wie konnte der wohl gravierendste ‚Irrweg‘ – die Shoah – fehlen?“ (S. 217-247). Er versucht Iwands Ehre dadurch zu retten, dass er einige Stellen referiert, an denen sich Iwand als einer, der 1933 in Königsberg noch „politisch rechts stand“ (S. 220), nach dem Krieg zu Israel äußert und etwa 1946 in einer Predigtmeditation zu Pfingsten bemängelt: Die Kirche „schämte sich des Alten Testamentes, sie schämte sich der Apostel, ja im Grunde schämte sie sich des Davidssohnes selbst“ (S. 231). Trotz dieser Hinweise: Der Antisemitismus fehlt im DW. Dabei ist „Antisemitismus […] der ‚Irrweg‘, der aktuell bleibt, auch wenn die anderen ‚Irrwege‘ längst Vergangenheit geworden sind“ (S. 247).
Dieser Ausblick eröffnet im vorliegenden Band den III. Teil: „Sozialethische Felder aktueller Schuld(diskurse)“. Wo ging und geht die Kirche nach dem Krieg in die Irre und lädt neue Schuld auf sich? In der Friedensfrage nach einer neuen „Zeitenwende“ (Gerard den Hertog auf S. 251-284), im Blick auf die defizitär beschämende „Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche“ (die katholische Saarbrücker Systematikerin Lucia Scherzberg, S. 285- 308), die Klimakatastrophe (Stefan Heuser aus Braunschweig: „Von Irrwegen und Irrflügen“; S.309-328). Ausgehend von These 3: „Wir haben die christliche Freiheit verraten, die uns erlaubt und gebietet, Lebensformen abzuändern, wo das Zusammenleben der Menschen solche Wandlung erfordert“ fragt Sarah Jäger aus Jena nach der Relevanz der Gender-Diskussion in der Kirche (S. 329-350) und zeichnet den Entwicklungsweg der kirchlichen Orientierungshilfen bis zur „Ehe für Alle“ und die entsprechenden „Entschuldigungen“ nach. Ähnlich konfrontiert Wolfgang Lienemann aus Bern Lesende mit „Verantwortlichkeit, Schuld und Restitution im Blick auf Kolonialismus und Rassismus“ (S. 351-387), um einzugestehen, dass „wir immer wieder auf Grenzen menschlicher Einsicht und Handlungsmöglichkeiten stoßen“ und „Wiedergutmachung“ ein problematischer Begriff ist (S. 386f.).
Damit ist noch längst nicht alles besprochen; weitere „Impulse und Anfragen“ im II. Teil seien nur erwähnt: Die theologisch-psychologische Studie zu „Rechtfertigung und Selbstrechtfertigung“ von der Berlinerin Katharina von Kellenbach (S. 203-216), die den erschütternd kontrastreichen Umgang von NS-Tätern mit ihrer Schuld anhand von Briefen nachzeichnet. Oder Edgar Thaidismanns „Einsicht und Umkehr“ differenzierenden Vortrag: „Impulse der Theologie Hans Joachim Iwands für die Gesellschaft von heute“ (S. 169-182, Hervorhebung F.A.). Eine kurze theologisch-philosophische Standortbestimmung, die bei allem Historischen des Bandes nötig und gut ist.
Der vielfältige Band gehört wegen der Konkretisierungen und Aktualisierungen in die Hände gerade jüngerer geschichtsinteressierter und studierender Menschen, auch wenn der stolze Preis von 88 € abschreckt. Vielleicht kann sich der Verlag ja zum 80. Gedenktag 2027 zu einem open access bewegen lassen.
Gerard den Hertog, Marco Hofheinz, Christian Neddens (Hgg.):
„Von der Schuld der Väter wie von unserer eigenen“.
Das Darmstädter Wort von 1947 und die Herausforderungen für Kirche und Gesellschaft heute.
Leipzig 2025, Evangelische Verlagsanstalt
398 Seiten, 88,00 Euro.
ISBN 978-3-374-07763-2


