Seit Mai 2017 steht vor dem evangelischlutherischen Landeskirchenamt in Hannover eine Bronzeskulptur, zwei lebensgroße Frauen verkörpern Christentum und Judentum - in direkter Nähe zu dem Ort, wo bis zum 09. November 1938 eine Synagoge stand, die während der Reichspogromnacht von den Nationalsozialisten niedergebrannt wurde. 2015 hat die Hannoversche Landeskirche einen Künstler beauftragt, eine Skulptur zum Thema „Ecclesia und Synagoga“ zu schaffen. Wie kann eine Koexistenz in heutiger Zeit aussehen, ohne das die eine die andere unterdrückt? Wie kann eine geschwisterliches Miteinander dargestellt werden, wie wir es im 21. Jahrhundert praktizieren wollen?
Zwillinge, „twins“, hat der belgische Künstler Johan Tahon seine Skulptur genannt: Christentum – Judentum stellen die Figuren dar, jede hat ihre eigenen Tradition, ihr eigenes Erbe zu tragen, und doch sind sie miteinander verbunden. Aufrecht stehen sie einander gegenüber. Keine Hierarchie, keine Unterordnung. In diesem Gegenüber steckt die Herausforderung des Dialogs, der Begegnung auch in diesen Tagen. Was trägt Christentum – Judentum in diesen doch sich sehr verändernden und herausfordernden Zeiten? Was sind unsere gemeinsamen religiösen Ressourcen, die helfen diese Herausforderungen zu meisten?
So war das Thema der vom 12.-15 Juli stattfindende Jahreskonferenz des Internationalen Rates der Christen und Juden (ICCJ) in Hannover: „Repantance, Repair and Reconciliation: Religious Resources for Tumultuous Times“. Für mich war es die erste Teilnahme an einer solchen internationalen Konferenz. Fast 100 Teilnehmer aus vielen Ländern waren angereist. Allein aus Übersee: USA, Lateinamerika und Australien waren gut 30 Menschen gekommen: Juden, Christen und Muslime. Die Konferenz fand im Stephanstift in Hannover statt.
Eröffnet wurde die Konferenz mit der Verleihung des SEELISBERG-PREIS. Dieser Preis wird erst seit 2022 vom Internationalen Rat der Christen und Juden und dem Zentrum für Interkulturelle Theologie und Religionen der Universität Salzburg verliehen. Geehrt werden Personen, die durch ihre wissenschaftliche Arbeit und Lehre maßgeblich zur Annäherung zwischen Juden und Christen beigetragen haben. In diesem Jahr ging der Preis an Rabbiner Dr. David Meyer (geb.1967 in Paris), Professor am Kardinal-Bea-Zentrum für Judaistik an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Sein Spezialgebiet ist klassische und zeitgenössische rabbinische Literatur mit besonderem Schwerpunkt auf dem jüdisch-christlichen Dialog. Darüber hinaus hat er sich im jüdisch muslimischen Dialog und Trialog engagiert. Weitere Informationen zu seiner Person sind auf der Homepage des ICCJ nachzulesen.
Das Thema der Konferenz lautete „Repentance, Repair and Reconciliation“, wie kommt es in der jüdischen, christlichen und muslimischen Traditionen vor? Die Konferenzsprache war englisch. Schon die Übersetzung des englischen Titels in die je eigene Sprache eröffnete den Diskurs unter den Teilnehmenden. Bedeutet „repantance“ nun Reue oder doch eher im biblischen Sinne Umkehr teschuwa? Was ist mit „repair“ gemeint? Ist Wiedergutmachung nicht mehr als „repair“? Niederländischen Teilnehmer habe es in ihrer Sprache mit „Herstel“ wiedergegeben. Einig waren sich dahingehend alle, dass Versöhnung - „reconciliation“ - ein wunderbares, aber weit entferntes Ziel für die Zukunft der Menschheit wäre.
Neben Hauptvorträgen und Plenarsitzungen wurden mehr als 20 Workshops angeboten. Alle durchzog die drängende Frage, wie in den jeweiligen Institutionen und Organisationen, in den verschiedenen Ländern mit der erschreckenden Realität des zunehmenden und immer stärker werdenden Antisemitismus umgegangen wird.
Festzuhalten ist, dass alle Teilnehmenden davon berichteten, dass sie in ihrem gesellschaftlichen Umfeld nach dem 07. Oktober 2023 eine Zunahme an Gewalt, Hass und Antisemitismus erleben, Juden und Jüdinnen werden bedroht und ausgegrenzt, zu Schuldigen des Konflikts zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten erklärt. Sie werden kaum als Staatsbürger des Landes, in dem sie leben, wahrgenommen, sondern verantwortlich gemacht für die Politik des Staats Israels. All das Vertrauen, was in den letzten Jahrzehnten im jüdisch-christlichen Dialog gewachsen ist, droht zu zerbrechen. Menschen jüdischen Glaubens fühlen sich ausgegrenzt, vom Opfer zum Täter gebrandmarkt.
Hilfreich waren die Beiträge der muslimischen Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die aus ihrer Tradition und Praxis Beispiele zum interreligiösen Dialogs beisteuern konnten. Sie machten deutlich, dass auch in ihrer religiösen Tradition Vergebung und Versöhnung ganz zentral steht.
Am Dienstagnachmittag wurden zwei Exkursionen angeboten: die eine „natürlich“ nach Bergen-Belsen, das KZ in der Lüneburger Heide, in dem zu Kriegsende über 60.000 Häftlinge zusammengepfercht wurden. Anne Frank und ihre Schwester starben dort im März 1945, kurz bevor das KZ im April von den Alliierten Truppen befreit wurde. Von dem KZ ist nicht mehr viel zu sehen, die Baracken mussten wegen Typhusgefahr kurz nach der Befreiung niedergebrannt werden, aber es gibt eine ausführliche Ausstellung und Dokumentation zur Geschichte des Lagers.
Die zweite Exkursion blieb in Hannover und wir besuchten das Haus der Religionen, das in einer entwidmeten und umgebauten Kirche untergebracht ist. Dort findet sich eine Ausstellung der in Hannover ansässigen Religionen, jede Religion gestaltete eigens einen Erlebnisraum: „Von außen einheitlich, von innen vielfältig: Neun Religionen und Weltanschauungen präsentieren sich in einer Dauerausstellung: Alevitentum, Bahaitum, Buddhismus, Christentum, Ezidentum, Hinduismus, Humanismus, Islam und Judentum haben sich dort ihre ganz eigenen Erlebniswelten geschaffen.“ (So steht es auf der eigenen Homepage). Der Besuch lohnt sich, die Ressourcen, die Religionen zur Versöhnung haben, sind dort eindrucksvoll dargestellt.
Auch der letzte Tag war mit Vorträgen und zwei Workshops vollgestopft. Ein bisschen viel Kopfarbeit für die Teilnehmenden.
Ich nahm an einem Workshop teil, in dem eine Handreichung der niederländischen Protestante Kerk vorgestellt wurde: „Uw koninkrijk kome. Als pelgrims onderweg met Joden en Palästijnse christenen“ (Dein Reich komme. Als Pilger unterwegs mit Juden und palästinensischen Christen). Verabschiedet wurde dieses Papier 2024 und umfasst fast 40 Seiten, auf denen das Dilemma und ein Wege dargestellt werden: Wie geht es in der schwierigen Situation nach dem 07. Oktober 2023 weiter? Einerseits wollen wir Christen mit Juden und Jüdinnen weiterhin auf dem Weg sein, die Fortschritte des jüdisch-christlichen Dialogs nicht aufgeben und uns zerstören lassen. Auf der anderen Seite gibt es Kontakte und Partnerschaften mit den palästinensischen Kirchen, die unter der Besatzung und Krieg leiden. Wie können wir mit den bedrohten Gemeinden dort solidarisch sein? Wie können wir eine versöhnende Haltung in dieser doch zunehmenden Konfrontation und hasserfüllten Konversation einnehmen? Keine einfachen Lösungsvorschläge, keine Verurteilung und Bewertung wurde in der Handreichung vorgenommen, aber die Konflikte und Gegensätze deutlich benannt und Wege angedacht.
Nach Hause fuhren die Teilnehmenden nicht mit einfachen Lösungen und Urteilen, aber schon gestärkt weiterhin offene Ohren und Herzen zu bewahren für die jeweilige Situation der Partner. Verurteilungen, Feindbilder helfen nicht.
„In den kirchlichen Beziehungen sowohl mit Juden und jüdischen Gemeinschaften wie auch mit Palästinensern kommen sehr schmerzhafte Wunden und Traumata ans Licht. Wunden, die auch ihren Niederschlag in dem gegenseitigen Verhältnis finden. Sehr wichtig in jeder Beziehung ist die Wahrnehmung von dem Schmerz und dem Leiden. Der andere will gehört und gesehen werden. Die Kirche ist keine neutrale Außenstehende. Bei einigen tiefen Wunden ist die Kirche selbst einbezogen und verantwortlich. Es ist deshalb von großer Bedeutung, um immer wieder in den eigenen Spiegel zuschauen, die eigenen Wunden wahrzunehmen, und damit das eigene Unvermögen, um damit gut umzugehen. Wahrnehmung der Wunden und Selbstuntersuchung gehen Hand in Hand.“ (Eigene Übersetzung: „Uw koninkrijk kome. Als pelgrims onderweg met Joden en Palästijnse christenen“ §5.1. S.14)

