Psalmen in Zeiten des Krieges

Die Auffassung der Psalmen als magischer Schutz hält sich bei Juden bis heute. Psalterchen in Mikroschrift hängen an Eingangstüren oder Schlüsselhaltern und werden auch an israelische Soldat:innen verteilt.

Die folgende kleine Szene in der Abflughalle in Lod spricht Bände. Bevor die Passagiere das Flugzeug besteigen dürfen, werden sie von der israelischen Sicherheit ausgefragt. Die erste Frage lautet natürlich: Haben sie Waffen dabei? Ein unauffälliger Sommerfrischler mit einem weit in den Nacken geschobenen Strohhut vor mir steckte bei dieser Frage seine Hand in die Brusttasche seines Leinenanzugs und zog lächelnd ein solches Psalterchen hervor. Der Sicherheitsbeamte zwinkerte ihm zu und ließ ihn ohne weitere Fragen passieren. Als ob er in dem unauffälligen Mann den Agenten eines befreundeten Dienstes erkannt hätte, der für die hoffnungslosen Notlagen bei der anstehenden Himmelfahrt zuständig ist.

Der kriegerische Einsatz von Psalmen ist schon in den biblischen Gotteskriegen bezeugt. Schließlich waren der Psalmist David, wie sein Gott, auch Krieger (Isch bzw. Gibor Milchama, Ex 15,3; Ps 24,8). So schildert die Chronik, wie Jehoschafat, der König Judas, nach einem Überfall der Nachbarn im Tempel vor versammeltem Volk einen Bittpsalm sprach (2 Chr 20,6-12), wie die Leviten nach der prophetischen Rettungszusage einen Dankpsalm anstimmten (ebd. 19), wie die »HERRNsänger « (Schorrerim LAdonai) im »heiligem Schmuck« an der Spitze des kampfbereiten Heeres mit dem Marschgesang »Danket dem Herrn, denn er ist gut, denn ewig währt seine Güte« (21-22; vgl. Ps 136,1-3;106,1;107,1;118,1) ausrückten, wie das Heer schließlich nach kampflosem Sieg unter den Klängen des Fanfarenzuges wieder in den Tempel einzog (28). Die Schilderung erweckt den Eindruck, dass die Psalmodie Gott zum Eingreifen veranlasst und die Vernichtung der Feinde bewirkt hätte: »Während sie den Jubelruf und Lobpreis anstimmten, führte der Herr Feinde aus dem Hinterhalt (gegen die Feinde) (…), so dass sie geschlagen wurden« (ebd. 22). Die Makkabäer kehrten mit dem besagten Refrain aus dem »Großen Hallel« (= Ps 136) nach der siegreichen Schlacht zurück (1 Mak 4,24).

Psalmen gegen Raketen

Der Kriegseinsatz des Psalters ist keineswegs antiquiert. Als Israel 1991 zum ersten Mal mit ballistischen Scud-Raketen aus dem Irak angegriffen wurde, tauchten in den orthodoxen Nachbarschaften Plakate mit einer Raketen-Zeichnung und der Inschrift: Iran, Irak, Syrien. Vertraue dem Einen! Fürchte dich nicht! auf. Darunter stand in dicken Lettern die Unterschrift: Tehillim Neged Tillim, d. h.: Psalmen gegen Raketen. Auf Jiddisch, wo Tehillim (Psalmen) aramäisch Tillim ausgesprochen wird, ist der Effekt noch stärker: Tillim (= Psalmen) contra Tillim (Raketen). Weiter unten standen zwei Schriftzitate: »Der HERR wird für euch kämpfen, ihr aber sollt euch still verhalten« (Ex 14,14). Zweitens, aus dem Hohelied-Vers (4,4), der den Hals der Braut mit dem Turm Davids, einer hochgebauten Burg, vergleicht, an der tausend Schilde hängen, der Ausdruck: lauter Heldenharnische (Kol Schilte HaGiborim). Das Ganze kann als Emblem der israelischen Betdivision bezeichnet werden, deren Job die Torah ist (Torato Umanuto, bSchab 11a), und die sich als liturgischen Raketenschirm versteht.

Nach dem Abzug der israelischen Armee im Jahr 2005 entwickelte sich der Gaza-Streifen zur Abschussrampe, der Raketen-Beschuss wurde zur ständigen Bedrohung für grenznahe israelische Dörfer und Städte. Allein im Jahr 2019 feuerte die Hamass und der Islamische Djihad rund 1.300 Raketen auf Israel ab! Das Internetportal tehillimcenter in Bne Brak bot in diesem Jahr mit der Losung Tehillim Neged Tillim die Psalmen 20,91, 83,121,130,142 zur Gefahrenabwehr an. Als die Islamische Republik in der Nacht vom 13. April 2024 Israel erstmals mit rund 300 Langstreckenraketen und Drohnen beschoss, rief das Portal tehillimyachad dazu auf, gemeinsam die Psalmen 130,20,121,142,91 zu sprechen. In jener Nacht waren die Psalmenanbieter, die am häufigsten gewählten Seiten in Israel.

In jedem der genannten Psalmen konnte man Berührungspunkte mit der aktuellen Situation entdecken: Der Vers: »Aus der Tiefe rufe ich, HERR, zu dir« (130,1b) beschreibt die Situation des Beters am Boden, während die Raketen über seinen Kopf schwirren. Der Vers: »Diese setzen auf Wagen und jene auf Rosse, wir aber rufen den Namen des HERRN unseres Gottes an. Sie sinken und fallen, wir aber stehen und bleiben« (20,8f.) spricht den Glauben aus, der von den gewaltigen, bis zu zehn Metern langen und tonnenschweren Geschossen unbeeindruckt auf die Wirkung des Gebets vertraut. Der Vers: »Ich hebe meine Augen zu den Bergen: Woher wird mir Hilfe kommen? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat« (121,1-2) erinnert daran, dass die entscheidende Hilfe nicht allein von den Verbündeten kommt, sondern vom Obersten, wie man Gott auf Jiddisch nennt. Der Vers: »Vernimm mein Flehen, denn ich bin sehr schwach. Rette mich vor meinen Verfolgern, denn sie sind mir zu mächtig« (142,6-7) zeigt, dass sich niemand in Heilsgewissheit wiegt, der Glaube ist keine Vollkaskoversicherung. Schließlich die Verse: »Du musst dich nicht fürchten vor dem Schrecken der Nacht, vor dem schwirrenden Pfeil am Tag, (…), mögen tausend fallen an deiner Seite, zehntausend zu deiner Rechten, dich trifft es nicht« (91,5.7) erwiesen sich gar als prophetisch, denn dieser gewaltige persische Angriff verursachte nur minimale humane Schäden. Einzig das Beduinen- Mädchen Amina Hassuna wurde von einem herabfallenden Raketentrümmer am Kopf verletzt und ist inzwischen wieder genesen.

Nicht erfolgreicher als der iranische Gottesstaat war die libanesische Gottespartei (Hisbollah) mit ihren rund 150.000 auf Israel gerichteten Raketen. Der You-Tube-Rabbi Zushe Silberstein führte das auf die Macht der Gebete zurück und erzählte die folgende Anekdote:

Der Hisbollah-Chef Nasrallah soll von einem libanesischen Reporter gefragt worden sein, warum sein großer Vergeltungsschlag vom 25. August 2024 nur eine zionistische Hühnerfarm beschädigt hätte. Nasrallahs erstaunliche Antwort: »Weil Gott Israel beschützt.« Darauf der Reporter: »Warum schießen sie dann überhaupt auf Israel?« Nasrallah: »Weil Gott ihnen vielleicht nicht jederzeit gnädig ist.« Diese menschenfreundliche Anekdote ist frei erfunden, denn so viel Einsicht kann man dem inzwischen getöteten Terrorpaten und Drogenbaron, den viele Libanesen als Märtyrer verehren, nicht zutrauen. Für ihn war Gott Partei. Der Gedanke, Gott könnte sich auf die Gegenseite schlagen und die Propagandalügen und die schmutzigen Geschäfte der Gottespartei nicht decken, ist ihm bis zum Ende sicher nie gekommen.

Ein anderer You-Tube-Rabbi, R. Menachem Berros, von der israelischen Hilfsorganisation Lew Tow, hat den Slogan Tillim Neged Tillim sogar im Psalter selbst entdeckt – im 144. Psalm. Am Anfang dieses Kampfliedes rollt eine ganze Lawine von Huldigungen ab: »Meine Huld und Burg meine Festung und Retter, mein Schild (Mefalti li magini), dem ich vertraue« (2). In scriptura continua gelesen, kann man aus der letzten Silbe des Wortes »Retter« (Mefalti), dem anschließenden Possessivpronomen (li ) und dem ersten Buchstaben des Wortes »Schild« (Magini), das Wort Tillim, Raketen, herauslesen. Auch sonst kann man in dem Psalm Hinweise auf die himmlische Flugabwehr finden, so in Vers 6: »Schieße deine Pfeile und erschrecke sie.« (6) Das klingt skurril, aber die traditionelle jüdische Auslegung arbeitet mit solchen kryptogrammatischen Methoden.

Gottes Kriege

Im Psalm 144 wie im parallelen Psalm 18 prallen, für unser Gefühl, zwei grundverschiedene Auffassungen der göttlichen Waffenhilfe aufeinander. Erstens, das subsidiarische Modell, das gleich im ersten Vers von Psalm 144 zu Wort kommt: »Gelobt sei der HERR, der meine Hände den Kampf lehrt, meine Finger den Krieg« (// Ps 18,35). Hier leistet Gott Hilfe zur Selbsthilfe. Auch ein moderner Soldat, wie der von Barry Pepper gespielte amerikanische Scharfschütze Privat Jackson in Spielbergs Kriegsdrama Der Soldat James Ryan (1998), feuert nach der Invasion in der Normandie vom Kirchturm des Dorfes Ramelle, mit diesem Vers auf den Lippen, auf deutsche Angreifer. Der vom gleichen Schauspieler dargestellte sowjetische Scharfschütze Mitka im Vaclav Marhouls Verfilmung des Kriegsromans von Jerzy Kozinski The painted Bird (2023) verzichtet mit einem offensichtlichen Filmzitat auf den Psalm und – trifft trotzdem genau. Der Vers verleiht dem Akt bei Spielberg eine höhere Weihe, retten tut er Privat Jackson nicht.

Es gibt in Psalm 144 wie in Psalm 18 jedoch noch ein zweites, ein interventionistisches Hilfsmodell, bei dem Gott direkt in die Kämpfe eingreift (144,5-7;18,8-17ff.). Der in den »Stricken des Todes« gelähmte Kämpfer sendet einen dringenden Notruf an den göttlichen Palast (18,5-6): »Streck deine Hände aus der Höhe herab, rette mich und reiß mich heraus aus gewaltigen Wassern, aus der Hand der Fremden!« (144,7). Gott kommt in Windeseile auf der Cheruben-Jet angedüst, setzt die Feinde mit einem furchtbaren Donnerwetter außer Gefecht (18,8-16;144,5-6) und rettet den Kämpfer aus dem Schlamassel – wie einst Israel aus dem Meer (Ex 15,8; 2 Sam 22,16; Ps 18,16).

Die Gotteskriege sind nach diesem Modell – Gottes Kriege, außer Gebete tut der überwältigte Kämpfer – wie beim Sieg Jehoschafats – nichts dazu! Der Psalmist bringt diesen Psalmengebrauch auf den Punkt: »Ich rufe: ›der HERR sei gepriesen!‹ (Mehullal Ekr’a H‘), und ich werde vor meinen Feinden gerettet.« (18,4) Der christliche Kommentator Kurt Marti, der schwer an den Gewalt- Psalmen zu tragen hat, schreibt erleichtert: »Mit späteren ›heiligen Kriegen‹ der Christen, der Moslems, der Israelis (sic!) auch – hat der ›Heilige Krieg‹ des alten Israel wenig zu tun.«

Über ein Zuviel an Gottvertrauen machte sich freilich ein israelischer Karikaturist im letzten Gaza- Krieg lustig: Ein Offizier präsentiert dem israelischen Fernsehpublikum als neueste Erfindung eine Batterie der Iron-Dome-Raketenabwehrsysteme, die Psalter mit eisernen Käppchen feuert. Der Quetismus der gottesfürchtigen Charedim und Chassidim, können sich also auf die Psalmen 144 wie auf Psalm 18 ebenso berufen, wie die djihadistischen Gotteskrieger, die sozusagen Wehrdienstvergötterer sind. Für einen Gnadenstreit findet man in diesen Psalmen keinen Anhaltspunkt, denn sie schreiben Gott unterschiedslos Gnade und Werke zu. Das erste Attribut Gottes in Psalm 18,2 ist denn auch »meine Stärke« (Chiski). Auch im weiteren Verlauf des Psalms führt David seine Heldentaten auf den concursus divinus zurück – seine Kraft, seine Ausdauer, seinen Schwung beim Überwinden von Befestigungsanlagen: »Mit dir erstürme ich Wälle, mit meinem Gott überspringe ich Mauern.« (30) Umgekehrt rechnet er Gottes Eingriffe sich selber zu: »Meine Feinde hast Du zu Flucht gezwungen:/ ich konnte die vernichten, die mich hassen.« (41)

In Geiselhaft

Seine eigentliche Feuerprobe hat der Psalter jedoch im vergangenen Krieg Israels in den Tunneln der Hamass bestanden. Dazu nur zwei wahre Anekdoten.

Sapir Cohen (29) wurde am 7. Oktober 2023 zusammen mit ihrem Freund Sasha Troufanov, seiner Mutter und Großmutter aus dem Kibbuz Nir Os entführt und 55 Tage gefangen gehalten. In einer dunklen Vorahnung hatte Sapir während der Rüstzeit zu den herbstlichen Hochfesten den vorgeschriebenen Psalm 27 täglich aufgesagt und memoriert. In der Gefangenschaft bekam dieser Psalm Davids für sie eine ungeahnte Aktualität. Der Fall von dem das Klagelied Der Herr ist mein Licht ausgeht, ist eingetreten: Es »dringen Böse auf mich ein, mein Fleisch zu fressen.« (2) In Vers 12, wo die Aktion der bösen Gewalttäter beschrieben wird, fällt sogar das Wort »Chamass«, was auf Hebräisch Unrecht und Gewalt bedeutet, während der falsche Bruder auf Arabisch Eifer im Gefecht meint und zudem ein Kürzel der Terrororganisation ist (Harakat al-muqa-wama al-isla-miyya = Islamische Widerstandsbewegung). Es ist nicht ausgeschlossen, dass diese Dreideutigkeit beabsichtigt ist. Der Klagepsalm ist in Wirklichkeit ein Widerstandspsalm: »Mag Krieg gegen mich toben. Ich bleib dennoch voll Zuversicht!« (3) Und wenn mich auch alle verlassen, auch Vater und Mutter, »der Herr nimmt mich auf« (10). Das letzte Wort des Psalms ermutigt gleich zweimal: »Hoffe auf den Herrn!« (14) Welch ein Glück, in so einer Lage so einen Psalm im Kopf zu haben! Der Psalm sagt auch, was in so einer Lage noch zu wünschen übrigbleibt: »Nur eines erbitte ich vom Herrn: Im Haus des Herrn zu wohnen alle Tage meines Lebens.« (4) Auch andere Überlebende berichten von ihrer Wendung zu Gott in den Todesschattenschluchten von Gaza: H’ Ori, Der HERR ist mein Licht!

Die ehemalige Geisel Omer Shem Tov (22) wurde am 7. Oktober am Nova music festival gekidnappt und 505 Tage lang festgehalten. Er gehörte zu denen, die am 22. Februar 2025 freigelassen wurden. Die NYT hat ein ausführliches Zeugnis seiner Geiselhaft veröffentlicht. Kurz nach dem Beginn des Gazakrieges legten ihm seine Bewacher einige Schriftstücke, die israelische Soldaten zurückgelassen hatten, zur Entzifferung vor, darunter einen Druck von Psalm 20: »Der HERR erhöre dich am Tag der Not.« Er begann diesen Psalm regelmäßig aufzusagen. Wie es der Zufall will, erhielt seine Mutter von einer Hilfsorganisation ein Psalmenprogramm zur Unterstützung der Geiseln. Neben dem Eintrag Psalm 20 stand der Name ihres Sohnes. Von da an begann auch sie jeden Tag Psalm 20 im Zimmer ihres Sohnes aufzusagen. Mutter und Sohn waren also, ohne es zu wissen, über eine psalmistische Nabelschnur miteinander verbunden. Und sie vertrauten, obwohl lange Zeit alles dagegensprach, auf das großartige Versprechen: »Die einen sind stark durch Wagen, die anderen durch Rosse, wir aber sind stark im Namen des Herrn, unsres Gottes. Sie sind gestürzt und gefallen; wir bleiben aufrecht und stehen. « (8-9)

Weder die jüdischen Kibbuz-Bewohner, noch die Festival-Besucher waren religiös, sonst wären sie am hohen Feiertag nicht aus ganz Israel zum Supernova Sukkot Festival gekommen, viele der überlebenden Geiseln sind aber in den Tunnel der Hamass unter den größten Entbehrungen religiös geworden. Dafür haben die israelischen Psychologen die üblichen Erklärungen parat: Religion als Beruhigungs- und Betäubungsmittel, als Sinngebung des Sinnlosen usw., das muss nicht in allen Fällen alles falsch sein, aber eine ganz naheliegende Erklärung wird doch übersehen, obwohl gerade sie ein Heilmittel für viele Israelis wäre. Diese Juden sind 40 Meter unter der Erde dem Ewigen Juden begegnet, den geschlagenen, gedemütigten, gefolterten, zwangsbekehrten.

Die Geisel Rom Braslawski, die am 13. Oktober 2025 befreit wurde, stand nach ersten Berichten unter permanentem Konversionsdruck. Wenn eine Geisel das Glück hatte in der Finsternis auf ein Stück Papier mit einem Psalm zu stoßen, dann ging ihm ein Licht auf: diese alten Texte handeln von ihm (aram.: Didi Hawa Uwda).

Kurz und gut, die Geiseln sind ganz unten dem Ewigen, dem Gott Israels, begegnet, zu dem es in Psalm 130 heißt: »Aus der Tiefe rufe ich, HERR, zu dir.« (2)

Editorische Anmerkungen

Rabbiner Dr. Daniel Krochmalnik ist emeritierter Professor

an der Universität Potsdam, School of Jewish Theology.

Quelle: Zeitschrift für christliche-jüdische Begegnung im Kontext (ZfBeg), 2/3|2025.