Pizzaballa: Kirche im Heiligen Land erlebt Paradigmenwechsel

27. April 2026 - Der Patriarch von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, sieht die Massaker vom 7. Oktober 2023 und den darauffolgenden Gaza-Krieg als globalen Paradigmenwechsel. Darauf müsse die katholische Kirche im Nahen Osten und darüber hinaus eine Antwort finden.

Das schreibt Kardinal Pizzaballa in einem 32-seitigen Hirtenbrief, der an diesem Montag veröffentlicht wurde. Der italienische Franziskaner, ein früherer Kustos des Heiligen Landes, steht seit 2020 an der Spitze des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem.

„Der 7. Oktober und der Gaza-Krieg sind Wendepunkte, die auf schlimmstmögliche Weise eine Ära beendet und eine neue eingeleitet haben“, so Pizzaballa. „Was wir erleben, ist nicht nur ein lokaler Konflikt, sondern Symptom eines globalen Paradigmenwechsels.“ An die Stelle einer auf Regeln gegründeten Weltordnung trete „Gewalt als entscheidendes Mittel zur Beilegung jeglicher Streitigkeiten“. Der Krieg sei zum Gegenstand eines „vergötternden Kultes“ geworden. Dabei handelten sogar Großmächte, die sich früher als Garanten der internationalen Ordnung“ präsentiert hätten, nur „aufgrund ihrer eigenen strategischen und wirtschaftlichen Interessen“.

Der Krieg als Gegenstand eines „vergötternden Kultes“

Als Konsequenzen dieses „Chaos“ benennt der Kardinal die Wiederbelebung alter Feindbilder, den Rückzug auf die eigene Identität, den Verlust jedweden Gemeinsamkeitssinns und die Krise des interreligiösen Dialogs. In Palästina entscheide sich derzeit die Zukunft des israelisch-palästinensischen Konflikts. „Wird der durch die Besatzung und das Fehlen der Rechtsstaatlichkeit hervorgerufene Trend der Aggression nicht gestoppt, besteht die Gefahr, dass sich eine dauerhafte Besatzung verfestigt und jede Möglichkeit einer gerechten und gemeinsamen Lösung untergräbt“, warnt Pizzaballa.

Inmitten dieser dramatischen Lage bleiben die christlichen Gemeinschaften im Heiligen Land nach seiner Ansicht „ein sichtbares Zeichen der Hoffnung und einer mutigen Vitalität und Geschwisterlichkeit“. Diese Diagnose begleitet der Patriarch allerdings mit einem Anflug von Selbstkritik.

  „Unsere Kirche in Jerusalem hat ihre Stimme erhoben und versucht, ein Wort der Wahrheit zu verkünden – ehrlich, klar und mit Respekt –, selbst inmitten dieses Chaos, oft auf Kosten von Missverständnissen. Doch ich frage mich: War es genug? Oder waren wir in dieser schwierigen Zeit manchmal zu vosichtig und zu sehr auf unsere institutionelle Sicherung bedacht und haben deswegen unser prophetisches Zeugnis geopfert? Diese Frage beschäftigt mich jeden Tag und ist nicht leicht zu beantworten.“

Kardinal Pizzaballa bemüht sich dann um eine geistliche Lesart der Geschehnisse. Jerusalem sei nicht nur ein Knotenpunkt der Konflikte, sondern vor allem ein Ort göttlicher Offenbarung; es gehöre niemandem exklusiv, sondern sei „ein Erbe der Menschheit“ insgesamt. Milliarden von Menschen in aller Welt blickten auf die Heilige Stadt. Darum müsse sich jede Gruppe auch auf die „historische Erinnerung der anderen“ einlassen, damit das Gedächtnis „gereinigt“ und eine „andere Zukunft aufgebaut“ werden könne.

Das Gedächtnis reinigen

Für die Kirche im Heiligen Land zieht der Lateinische Patriarch schließlich eine Reihe von Schlussfolgerungen: Am Primat von Gottesdienst und Gebet festhalten, die Familien und Schulen stärken, in Krankenhäusern Leistungen für unterschiedslos alle anbieten. Er betont auch die Wichtigkeit des ökumenischen und des interreligiösen Dialogs sowie die Notwendigkeit, sich in keinster Weise auf die „Kultur der Gewalt“ einzulassen.

Editorische Anmerkungen

Quelle:  Vatican News, 27. April 2026.