Ostern als Befreiung

In der orthodoxen christlichen Tradition wird das Fest, über das wir heute sprechen, „Pascha“ genannt, was einfach die griechische Form von „Pesach“ ist.

Wenn orthodoxe Christen das Fest bei diesem Namen nennen, verbinden wir es bewusst und nachdrücklich mit einer bestimmten Geschichte: der Geschichte von Israels Befreiung aus Ägypten. Der Geschichte eines versklavten Volkes, eines bekämpften Tyrannen, einer Durchquerung des Meeres, einer Befreiung durch einen Gott, der – wie die Heilige Schrift betont – Partei ergreift.

Die Passahgeschichten sind nicht vage oder allgemein gehalten. Sie handeln von etwas Bestimmtem: einer benannten Unterdrückung, einer getrotzten Macht, einem Volk, das auf die andere Seite geführt wurde. Pascha besteht darauf, dass wir diese Besonderheit bewahren

In der orthodoxen Tradition ist Pascha ein inszeniertes erzählerisches Ereignis, eine verkörperte gemeinschaftliche Prozession von der Dunkelheit ins Licht. 

Das Vorbild hierfür, das das orthodoxe Christentum weitgehend übernimmt, ohne es immer ausdrücklich zu benennen, ist das bis heute begangene jüdische Passahfest. In jeder Generation ist jeder Einzelne dazu verpflichtet, sich so zu sehen, als hätte er persönlich Ägypten verlassen. Nicht so, als hätten es seine Vorfahren getan, oder als wäre es eine historische Erinnerung, die in der Ferne liegt. Sondern persönlich, in ihrem eigenen Körper, jetzt.

Das ist die Logik, die Pascha weiterführt. Das Fest sagt nicht: Erinnert euch daran, was Gott einst, vor langer Zeit, für andere Menschen getan hat. Es sagt: Erkennt euch selbst als jemanden, um den es in dieser Geschichte immer noch geht. Erkennt euch selbst als jemanden, der in Ägypten war – und vielleicht immer noch ist. Und erkennt euch selbst als jemanden, für den der Gott des Exodus immer noch am Werk ist.

Die übergreifende Erzählung der Bibel

Die Bedeutung dieser Ostererzählung liegt in der zentralen Stellung, die die Exodus-Geschichte im gesamten biblischen Kanon einnimmt. Sie ist die Linse, durch die orthodoxe Christen – genau wie das Volk Israel – alles andere betrachten.

Die Tora ist um sie herum geformt. Selbst die Schöpfungsgeschichte, mit der die Heilige Schrift beginnt, nimmt sie vorweg: Der Gott, der die Wasser teilt und trockenes Land entstehen lässt, ist bereits auf der ersten Seite auch der Gott, der das Meer teilen und sein Volk hindurchführen wird. Die Propheten kehren immer wieder zum Exodus zurück. Jesaja spricht von einem neuen Exodus; Jeremia verspricht einen neuen Bund, der sogar den Bund am Sinai übertreffen wird; Hosea ruft Israel zurück durch die Wüste, wie durch eine Liebeswerbung. Die Psalmen sind das Liederbuch eines Volkes, das befreit wurde und das oft noch leidet, noch wartet, noch zu jenem Gott schreit, der es einst erhört hat.

Das bedeutet, dass die Heilige Schrift in ihrer Gesamtheit die Literatur eines Volkes ist, das unterdrückt wurde und das mit ganzer Kraft daran glaubt, dass sein Gott in der Geschichte zugunsten der Ausgegrenzten handelt. Das ist keine moderne politische Lesart, die den alten Texten aufgezwungen wurde. Es ist das, was die Texte von jeher aus ihrem Inneren heraus selbst gesagt haben.

Gemeinschaften, die dieser Wahrheit bedurften, wussten schon immer, wie man sie lesen muss. Die Befreiungstheologie unter den Armen Lateinamerikas, die schwarze Kirche im amerikanischen Süden, die Kirchen unter der Apartheid: Keine von ihnen hat die Bibel falsch gelesen. Sie haben sie im Sinne des Textes gelesen, denn der Text wurde von Anfang an für Menschen in ihrer Situation geschrieben.

Doch was geschieht, wenn eine Gemeinschaft vergisst, dass sie die Literatur der Unterdrückten liest, und beginnt, sie als Literatur der Mächtigen zu lesen?

Christus, gekreuzigt als Israel

Es gibt eine Lesart der Kreuzigung, die über weite Strecken der christlichen Geschichte hindurch die vorherrschende und populärste war. Nach dieser Lesart hat Israel Jesus ausgeliefert; das jüdische Volk trägt eine kollektive Schuld an seinem Tod; und die Kirche tritt an die Stelle Israels als Trägerin der Verheißung Gottes. Pascha (Ostern) ist nach dieser Darstellung der Moment, in dem die alte Geschichte endet und die neue beginnt. Das Passahfest wird abgelöst. Israel wird ersetzt.

Diese Lesart ist nicht nur theologisch falsch. Sie war katastrophal, tödlich gefährlich. Einige der schlimmsten Gewalttaten gegen jüdische Gemeinden in der europäischen Geschichte wurden während der Karwoche verübt, angeheizt durch genau diese Fehlinterpretation, manchmal direkt von den Stufen der Kirchen aus.

Doch Jesus wurde als Israel gekreuzigt, nicht von Israel. Das Kreuz ist nicht der Moment, in dem sich die Geschichte Jesu und die Geschichte Israels trennen. Es ist der Moment ihrer tiefsten Verschmelzung.

Die Geschichte Israels, wie sie in der Heiligen Schrift erzählt wird, ist im Wesentlichen die Geschichte des Leidens unter imperialer Herrschaft: Ägypten, Assyrien, Babylon, die Seleukiden und schließlich Rom. Als Jesus den römischen Behörden ausgeliefert und nach römischem Strafmaß hingerichtet wird, tritt er in diese lange Geschichte imperialer Gewalt gegen das Bundesvolk Gottes ein und nimmt sie in sich auf. Das Kreuz ist der Höhepunkt der Unterdrückung durch den Pharao, der Zerstörung des Tempels durch Nebukadnezar und der Entweihung der heiligen Stätte durch Antiochus. So gelesen ist die Passion kein Bruch zwischen Jesus und seinem Volk, sondern die tiefstmögliche Identifikation mit ihm.

Dies ist die Lesart, die am ehesten mit der Tradition vom leidenden Gottesknecht im Buch Jesaja übereinstimmt, auf die sich die ersten Christen bei der Auslegung der Kreuzigung stützten – eine Tradition, die in ihrem ursprünglichen Kontext kollektiv und repräsentativ ist und ihre Tiefe verliert, wenn sie auf eine Angelegenheit zwischen Gott und einem isolierten Individuum reduziert wird. Jesus am Kreuz ist Israel unter römischer Herrschaft, und seine Rechtfertigung in der Auferstehung ist die Rechtfertigung des Gottes Israels gegenüber den Mächten dieser Welt.

Wenn Prediger oder Kirchenlieder die Passion als eine Geschichte davon darstellen, was „die Juden“ Jesus angetan haben, kehren sie dies vollständig um. Sie verwandeln eine Erzählung imperialer Unterdrückung in eine Erzählung jüdischer Schuld und verschleiern damit genau das, was das Kreuz offenbaren soll. Diese Umkehrung wurde gerade dann möglich, als sich die Christen als Römer neu definierten – als der dominierende Partner des Imperiums und nicht als eine Bewegung derer, die am unteren Ende der Macht stehen. Eine Religion, deren Gründer vom Staat hingerichtet wurde, ist für eine Staatskirche politisch untragbar. Die Schuld an der Kreuzigung musste verlagert werden, und sie wurde auf das jüdische Volk verlagert.

Diese Verlagerung hat Konsequenzen, die bis in die Gegenwart reichen. Dies zu erkennen ist die Voraussetzung dafür, die Passion ehrlich zu lesen – und zu verstehen, was Pascha eigentlich feiert.

Die Feinde namentlich benannt

Eines der Dinge, die die biblische Tradition mit großer Konsequenz und beachtlichem Mut tut, ist, ihre Feinde namentlich zu benennen. Sie nennt konkrete Mächte und zeigt, wie diese vorgehen.

Der Pharao ist der Prototyp. Doch die Heilige Schrift legt Wert darauf zu zeigen, dass der Pharao ein Typus ist, eine wiederkehrende Figur im Drama der Geschichte. Er erscheint als Assyrer, als Babylon, als Caesar, als Herodes, als Kolonialgouverneur. Er taucht auch in einer langen Reihe ungerechter Herrscher in Israel selbst auf, die von den Propheten angeprangert  werden Die Namen und die Reiche ändern sich. Die Logik bleibt dieselbe: Macht, die jenseits jeglicher Rechenschaftspflicht konzentriert ist, Menschen, die versklavt oder entbehrlich sind, Widerstand, der kriminalisiert wird, und den Schwachen wird gesagt, ihr Leiden sei die natürliche Ordnung der Dinge.

Die vorherrschende Auffassung der östlich-orthodoxen Tradition darüber, was Christus in seiner Passion und Auferstehung vollbringt, kommt in dem Ausdruck „Christus Victor“ zum Ausdruck – der Messias als derjenige, der dem Bösen trotzt und es besiegt. Nicht in erster Linie ein Opfer, das dargebracht wird, um eine Schuld zu begleichen, sondern eine Konfrontation mit den Mächten der Finsternis, der Unterdrückung und des Todes und ein Sieg über sie von innen heraus. 

Die orthodoxe Theologie dehnt dies bis auf eine kosmische Ebene aus. Christus steigt hinab in den Scheol, in den Hades – in das Reich des Todes selbst, die ultimative Macht, die die gesamte Menschheit gefangen hält – und befreit sie von innen heraus. Die Ikone der Auferstehung in der orthodoxen Tradition zeigt keine Gestalt, die friedlich aus einem Grab emporsteigt. Sie zeigt Christus, wie er über den zerbrochenen Toren der Hölle steht, Adam und Eva am Handgelenk packt und sie aus der Grube heraufzieht, während die gefangenen Verstorbenen Israels um ihn herum auferstehen. Es ist eine Bildsprache des Exodus in ihrer ganzen Fülle. Es ist derselbe starke Arm, dieselbe ausgestreckte Hand, die auf der tiefstmöglichen Ebene der Knechtschaft wirkt.

Die Geschichte ist noch nicht zu Ende

Der weltweite Trend zum Autoritarismus, den wir heute erleben, folgt derselben uralten Struktur, die die Heilige Schrift seit dreitausend Jahren benennt: Macht, die in den Händen von Herrschenden konzentriert ist, die Loyalität einfordern, Minderheiten zum Sündenbock machen, abweichende Meinungen unterdrücken und sich dabei häufig in religiöse Symbolik hüllen. Der starke Mann, der mit einer Bibel posiert. Die nationalistische Bewegung, die behauptet, die christliche Zivilisation zu verteidigen, während sie eine Politik der Ausgrenzung und Brutalität betreibt. Das ist der Pharao, gekleidet in Moses’ Gewänder, und Pascha ist, ehrlich gelesen, eine direkte Konfrontation genau damit.

Christliche Gemeinschaften erleben dies nicht als bloße Beobachter. Im gesamten Nahen Osten, in ganz Subsahara-Afrika und in Teilen Asiens sind christliche Gemeinschaften aktiver Verfolgung, Vertreibung und dem Märtyrertod ausgesetzt. Für viele Menschen, die heute leben, ist Ostern keine theologische Reflexion über Befreiung. Es wird im Angesicht von Bedrohung gefeiert, im Schatten realer Gewalt, von Gemeinschaften, die aus aktueller Erfahrung wissen, was es bedeutet, das Volk zu sein, das der Pharao loswerden will.

Und an ihrer Seite – mit derselben Verletzlichkeit, ins Visier genommen von vielen derselben Kräfte und derselben ideologischen Strömungen – sehen sich jüdische Gemeinschaften einem Ausmaß an Antisemitismus gegenüber, wie es seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen wurde und das quer durch das politische Spektrum zunimmt. 

Die in dieser Geschichte verwurzelten Gemeinschaften – jüdische und christliche – werden von derselben Logik ins Visier genommen, die die Geschichte seit jeher als den Widersacher des Volkes Gottes bezeichnet hat. Die gemeinsame Verletzlichkeit selbst ist ein Zeichen, das auf eine gemeinsame Geschichte verweist.

Und in dieser gemeinsamen Geschichte bleibt der Gott des Exodus nicht neutral. Der Gott des Exodus handelt. Das ist vielleicht die skandalöseste Behauptung, die das Fest aufstellt: dass der Gott, von dem wir sprechen, nicht gleich weit entfernt ist von dem Pharao und den Versklavten. Gott überschreitet diese Grenze und stellt sich auf eine Seite. Pascha ist das jährliche, gemeinschaftliche, verkörperte Bekenntnis, dass dies immer noch wahr ist.

Wie wir Pascha feiern und leben

Pascha kann kein privates, spirituelles oder rein religiöses Ereignis sein. Es aufrichtig zu feiern, ist bereits ein politischer Akt im tiefsten Sinne des Wortes: Es ist eine Stellungnahme dazu, wer Macht hat und wer nicht, wessen Geschichte wahr ist und auf welche Version der Ereignisse die Gemeinschaft ihr Leben stützt.

Die durch dieses Fest gebildete Gemeinschaft ist dazu aufgerufen, dessen Erinnerung in die Welt hinauszutragen – so wie der Gott des Exodus auf der Seite der Unterdrückten und gegen die Mächtigen steht. Auch – und vielleicht gerade dann –, wenn die Mächtigen ein Kreuz tragen. Die schlimmsten Akte des Verrats an dieser Tradition gingen nicht von ihren erklärten Feinden aus. Sie kamen von innen, als die Kirche ihren Frieden mit dem Pharao machte und dies als christliche Zivilisation bezeichnete.

Pascha vereint drei Zeitformen, und alle drei sind von Bedeutung. Es ist ein Ereignis der Vergangenheit: Etwas ist geschehen, in der Geschichte, in einem besetzten Land, außerhalb einer Stadtmauer, in einem Garten, in einem Grab. Die Geschichte wurde verändert. 

Es ist auch eine gegenwärtige Realität: Christus ist jetzt auferstanden, die Mächte sind bereits entlarvt worden und haben versagt, das letzte Wort hat kein Pharao und kein Caesar, der derzeit im Amt ist. 

Und es ist eine eschatologische Hoffnung: Die Befreiung ist noch nicht vollständig. Wir sind noch auf dem Weg. Viele befinden sich noch in der Wüste. Der Morgen bricht noch an.

In der Passah-Haggada heißt es:

Unsere Geschichte führt von der Knechtschaft zur Freiheit.
Unsere Erzählung beginnt mit Erniedrigung und steigt empor zur Würde.
Unser Gottesdienst beginnt mit der Herrschaft des Bösen 
und schreitet voran zum Reich Gottes.

In den Ostergottesdiensten der orthodoxen Kirche singen wir Siegeslieder über genau diese Übergänge – von der Knechtschaft zur Freiheit, von der Erniedrigung zur Würde, vom Tod zum Leben und von der Erde zum Himmel. Diese sind auf das Reich Gottes ausgerichtet, auf das, was als das „Pascha des kommenden Zeitalters“ bezeichnet wird.

Und diese Lieder werden in der Osternacht in völliger Dunkelheit gesungen, noch bevor der Morgen anbricht. Dies ist kein Fest einer Welt, die bereits in Ordnung gebracht wurde. Es ist das Bekenntnis einer Gemeinschaft, die in der Dunkelheit und entgegen aller Evidenz abgegeben wird, dass kein Reich, kein Machthaber, kein Fürst dieser Welt das letzte Wort hat.

Wir singen es füreinander. Wir singen es für all jene – Juden, Christen und alle anderen, die im Griff derselben uralten Logik gefangen sind –, die noch immer auf den Morgen warten. Und wir singen es als Versprechen und als Verpflichtung, dass wir die Dunkelheit nicht mit der Wahrheit verwechseln werden.

Editorische Anmerkungen

Hochwürden Dr. Geoffrey Ready (orthodoxer Christ, Kanada) ist Leiter des Fachbereichs für orthodoxe christliche Studien am Trinity College der Universität Toronto, Kanada, wo er Liturgie, Bibelkunde und Pastoraltheologie unterrichtet. Unter der Schirmherrschaft der Orthodox Theological Association in America leitet Pater Ready die Initiative „Orthodox Christians in Dialogue with Jews“.

Quelle: Beitrag zum Webinar „Pesach und Ostern im Lichte unserer gegenwärtigen Situation“ ("Commemorating Pesach and Easter in Light of our Present Situation"), organisiert vom Internationalen Rat der Christen und Juden (ICCJ) am 26. März 2026.

Aus dem Englischen übersetzt von Christoph Münz