Muslimischer Philosoph: Friedensarbeit beginnt innen

Interreligiöser Dialog ist Tor zu Geschwisterlichkeit und gegenseitiger Bereicherung. Das hat der muslimische Philosoph Ghaleb Bencheikh im Gespräch mit den Vatikanmedien unterstrichen. Der Präsident der Stiftung „Islam de France“ plädiert für Bildung und eine Kultur der Begegnung und verurteilt die „Sakralisierung der Gewalt“. Papst Leo steht am 28. September im Rahmen einer Frankreichreise einem interreligiösen Treffen vor.

Anlässlich des interreligiösen Treffens mit Papst Leo XIV. am kommenden 28. September in der französischen Stadt Metz wollte Radio Vatikan von dem muslimischen Philosophen wissen, welchen Beitrag er im interreligiösen Dialog zum Aufbau friedlicher Beziehungen zwischen den Völkern sieht. Dazu der Islamvertreter:

„Es kann keinen gerechten, dauerhaften, ehrenhaften und wahrhaftigen Frieden zwischen den Völkern geben, wenn nicht die einzelnen Mitglieder dieser Nationen, Völker, Gemeinschaften und Menschengruppen eine echte Umkehr zu dem vollziehen, was wesentlich ist: die gewissenhafte Achtung des menschlichen Lebens und die Ausrichtung am Gebot der Liebe, der Güte und der Barmherzigkeit. Dies kann nur durch eine solche Umkehr geschehen. Frieden zwischen den Völkern entsteht also durch Frieden zwischen den Anhängern verschiedener religiöser Traditionen – besonders in Frankreich und gerade anlässlich des Besuchs des Heiligen Vaters. Und darüber freuen wir uns.“

Friedensarbeit beginnt im Inneren

Mit Blick auf islamistische Gewalt, darunter das Attentat auf den französischen Pater Jacques Hamel in seiner Kirche in Saint Étienne-du-Rouvray vor zehn Jahren, betont Ghaleb Bencheikh die Notwendigkeit, sich immer wieder von Gewalt abzugrenzen.

„Der zehnte Jahrestag dieses abscheulichen Mordes – verübt nicht nur von sogenannten ,Irregeführten‘, sondern auch von jenen, die aufgrund von Fanatismus das wahre Wesen des Glaubens sowie den richtigen Umgang mit dem Nächsten und dem Andersgläubigen nicht verstanden haben – bietet uns Franzosen und Muslimen in Frankreich die Gelegenheit, nachdrücklich zu erklären, dass wir solche Schandtaten entschieden ablehnen.“

Diese Abgrenzung müsse bei jedem selbst beginnen, im Inneren, betont der Philosoph: „Da ich ein entschiedener Anhänger des biblischen Gleichnisses vom Balken und vom Splitter bin, gilt es, zunächst bei sich selbst – im eigenen Inneren – nach ethischen Versäumnissen zu suchen: nach Mängeln in der Barmherzigkeit, im Einhalten gegebener Versprechen und in der Liebe, die der göttlichen Lehre innewohnt.“

Zwei islamistische Attentäter hatten am 26. Juli 2026 in Frankreich den 85-jährigen katholischen Priester Hamel während einer Morgenmesse ermordet; sie bekannten sich zur Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS). Nach der Bluttat von Saint Étienne-du-Rouvray hatten sich Christen und Muslime um eine Vertiefung des interreligiösen Dialoges bemüht und gemeinsam den Willen zu Frieden und Dialog bekräftigt.

Festigung des Dialoges

Den Papstbesuch im September in Frankreich sieht Ghaleb Bencheikh als Gelegenheit, um den interreligiösen Dialog, den „Dialog der Überzeugungen“ weiter „zu festigen“.

„Es gilt, denjenigen eine Alternative aufzuzeigen, die glauben, ihrer Identität, ihrer Weltanschauung oder ihrer Nation etwas Gutes zu tun, indem sie Ängste schüren, niedere Instinkte bedienen sowie Fanatismus und Exklusivismus propagieren. Deshalb ist dies von entscheidender Bedeutung; es geht – ganz ohne große Worte – um die Zukunft der Nationen und um die Zukunft Frankreichs. Dies kann und muss ein Beispiel sein, das man – ohne jeden Hochmut – an das andere Ufer des Mittelmeers und in die ganze Welt weiterträgt. Doch es ist auch ein Beispiel, das hier in Europa und insbesondere in Frankreich voll und ganz gelebt werden muss.“

Damit geteilte Werte wie Frieden, Barmherzigkeit, Liebe und Güte tatsächlich dazu beitragen können, Spaltungsversuchen entgegenzuwirken, braucht es laut dem muslimischen Intellektuellen „mehr Bildung, Unterweisung, Wissenserwerb und Erkenntnis“.

„Die Aufgabe der religiösen Würdenträger, Hierarchen und Verantwortlichen besteht darin, zu betonen, dass Bildung – die Erziehung in der Familie, die Unterweisung der Gläubigen, die Sensibilisierung und die Öffnung ihrer Herzen für diese Werte, die tatsächlich gemeinsam sind und in der abrahamitischen, jüdisch-islamisch-christlichen Tradition wurzeln – der richtige Weg ist. Es gibt keinen echten Frieden, wenn man – über bloße Worte hinaus – diese Vielfalt an Kulturen, Herangehensweisen und Weltanschauungen nicht berücksichtigt.“

Vielfalt als gottgewollt

Für Gläubige gebe es im Grunde „zwei Möglichkeiten“, führt der Muslimvertreter weiter aus:

„Entweder hat sich diese Vielfalt der göttlichen Allmacht und Allwissenheit entzogen – was ein ernstes theologisches Problem darstellt –, oder sie entspringt einem göttlichen Plan und der Absicht Gottes, dass die Gläubigen sich gegenseitig bereichern durch das, was angesichts dieser Vielfalt auch eine Prüfung sein kann. Und diese Prüfung wirkt heilsam, wenn sie als Quelle unermesslichen Glücks begriffen wird; denn man kann stets Bereicherung erfahren durch das Geheimnis, das im Anderen liegt – jenem, der den göttlichen Odem empfangen hat und Gefäß für jenen Strom aus Liebe, Güte und Barmherzigkeit ist, der unablässig von Ihm ausgeht.“

Bedeutung der Bildung

Bildung als einn entscheidenden Weg, um Werte zu vermitteln und ihre gemeinsame Anerkennung zu fördern – hier gilt es laut Ghaleb Bencheikh. vor allem auf die jüngeren Generationen zu setzen. Erziehung „führe heraus“ oder „hebe empor“, erläutert er die Etymologie des Begriffes Erziehung.

„Man holt die Menschen – und hierbei besonders die heutigen Generationen – aus ihrer jeweiligen Lage heraus und schärft dabei ihr Bewusstsein. Zunächst gilt es, das Herz für die Gabe des Glaubens empfänglich zu machen. Sodann bedarf es einer Haltung der Offenheit im Lehren; man muss anerkennen, dass man nicht der alleinige Hüter der absoluten Wahrheit oder der ultimativen Sicht auf die Wirklichkeit ist. Wir besitzen einen Teil davon, andere Mitglieder der menschlichen Gemeinschaft einen anderen. Sie haben das volle Recht zu glauben, dass ihr Weg zur Transzendenz der Beste ist; doch darf dies keinesfalls ein Hindernis für Verständnis und Begegnung darstellen – ganz im Gegenteil. Vielmehr muss mehr Raum geschaffen werden für gegenseitige Hilfe, Solidarität, Brüderlichkeit und vor allem für jene objektive, kraftvolle, unergründliche und glühende Liebe, die beständig von jenem Ur-Wesen ausgeht, das unser gemeinsamer Herr ist.“

Das Leben heiligen

Im Gespräch mit Radio Vatikan erläutert der Philosoph weiter, was passiert, wenn Menschen religiöse Traditionen in ihr Gegenteil verkehren und beginnen, Gewalt zu rechtfertigen oder sogar zu „heiligen“. Dies sei de facto eine Pervertierung der Religion, die das Leben als „göttliches Geschenk“ heiligen müsse.

„Leider verspürt der Mensch im Allgemeinen – und hier spricht ein Mensch, der sich seiner Schwäche, bisweilen seiner Sterblichkeit und seiner Arroganz bewusst ist – das Bedürfnis, seine Gewalt zu heiligen. Um dies zu tun, kleidet er seinen Machtwillen, seine Arroganz, seinen Hang zur Gewalt und seine Ideologie sogenannter heiliger Kämpfe in ein religiöses Gewand. Was wir Menschen in einem langen, langsamen Reifeprozess der Menschheit und durch die Schaffung des Völkerrechts geduldig aufgebaut haben, wird letztlich von Fanatikern mit Füßen getreten – insbesondere von jenen, die nur an das Recht des Wilden Westens glauben und meinen, ihr eigener Wille sei die einzige Moral. Die Antwort des Heiligen Vaters – ,Ich habe keine Angst‘ (eine vielleicht schlicht formulierte Aussage) – wirkt hingegen erlösend, emanzipatorisch, befreiend und wohltuend für Gläubige, ganz gleich welcher Konfession. Religiöse Traditionen dürfen in ihrem Wesen nicht durch die Missachtung des Lebens pervertiert werden. Das Leben ist ein göttliches Geschenk, das geheiligt werden muss – nicht die Gewalt.“

 

Editorische Anmerkungen

Quelle: Vatican News, 21. August 2026.