Es war ein wunderbares Programm. Ich bin dankbar für diese schönen Worte. Das meiste habe ich verstanden, mit der Übersetzung natürlich und mit etwas Deutschkenntnissen. Ich war sehr berührt.
Schönen guten Tag, sehr geehrter Herr Bundespräsident!
Sehr geehrte Frau Bundestagspräsidentin!
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!
Eure Exzellenz Ron Prosor, Botschafter Israels in Deutschland!
Sehr geehrte Abgeordnete des Deutschen Bundestages!
Verehrte Überlebende!
Liebe Gäste!
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Ich fühle mich sehr geehrt und berührt, zu diesem feierlichen und wichtigen Anlass zu Ihnen sprechen zu dürfen.
Ich stehe heute hier vor Ihnen, um mit Ihnen eine Wahrheit zu teilen, die schmerzlich, aber wesentlich ist. Ich habe keine Geschwister, keine Tanten, keine Onkel, und ich habe meine Großeltern oder meine Urgroßeltern nie kennengelernt, und zwar aufgrund dessen, was hier in Deutschland geschah, was Millionen von Juden während des Zweiten Weltkriegs im Namen einer entmenschlichenden Ideologie - des Antisemitismus - angetan wurde, einer Ideologie, die das moralische Urteilsvermögen korrumpiert, Institutionen ausgehöhlt und letzten Endes ganz normale Menschen zu Mittätern an beispiellosen Verbrechen gemacht hat.
Ich spreche heute nicht nur für mich selbst, denn ich bin ja einfach nur eine Person, nein, ich spreche im Gedenken an sechs Millionen jüdische Männer, Frauen und Kinder, die ermordet wurden, nur aus einem einzigen Grund: weil sie jüdisch waren. Darunter eineinhalb Millionen Kinder, die nicht so viel Glück hatten wie ich und nicht überlebt haben. Viele wurden in Todeslager deportiert, in denen man ihnen schon wenige Stunden nach ihrer Ankunft, insbesondere in Auschwitz, ihre Habseligkeiten, ihre Identität, ihre Würde und schließlich ihr Leben nahm. Andere wurden in Dörfern, auf Feldern, in Wäldern und in Tälern in ganz Europa einfach erschossen - ganze Familien wurden dort ausgelöscht, wo sie standen.
Ich gehöre zu der schwindenden Zahl an Überlebenden, die noch Zeugnis ablegen können. Es gibt nur noch sehr, sehr wenige von uns. Wir tun dies nicht, um alte Wunden aufzureißen, sondern um eines zu verhindern: dass es zu einem Erinnerungsverlust kommt. Die Geschichte hat uns gezeigt, dass Vergessen niemals neutral ist - es ist gefährlich.
(Beifall)
Und damit werden Dinge möglich.
Wer hätte gedacht, dass ein Kind - ich muss mich entschuldigen; ich werde da sehr emotional -, das man nur unter der Häftlingsnummer A-27633 kannte und das den Tod in der Gaskammer finden sollte, 81 Jahre später nun hier vor Ihnen stehen würde? Ich bin so beeindruckt von den Persönlichkeiten, die ich hier getroffen habe, die sich verpflichtet haben, das Gedenken aufrechtzuerhalten, Verantwortung zu übernehmen. Ich bin hier, weil andere das nicht mehr können. Ich bin hier, weil ich überlebt habe. Denn wenn Holocaustüberlebende noch am Leben sind, dann haben sie eine Stimme, und sie müssen die Wahrheit erzählen.
Ich erinnere mich daran, als ich tätowiert wurde; das haben Sie in dem kleinen Einspieler gesehen. Die Frau, die mich tätowierte, war selbst etwa 18 Jahre alt, eine jüdische Frau. Sechzig Kinder, alle zwischen drei und acht Jahre alt, standen im Raum. Alle standen Schlange zur Tätowierung. Als ich dran war und sie mir die Nummer eintätowierte, fragte sie mich: „Wie heißt du?“ Ich sagte ihr meinen Namen. Sie sagte: „Nein, das ist jetzt dein Name.“ „Aber ich weiß gar nicht, wie ich lesen soll“, sagte ich. „Ich kenne doch keine Zahlen. Ich weiß nicht, was diese Zahl bedeutet.“ Dann sagte sie mir: „Ich werde es dir beibringen. Höre zu, ich sage es jetzt mehrfach, denn wenn du nicht sagst: ‚Hier!‘, und wenn du dich nicht mit dieser Nummer identifizierst, wenn du aufgerufen wirst, bringen Sie dich um. Eine ganze Baracke kann dann bestraft werden. Du musst die Zahl lernen.“ Mit fünfeinhalb Jahren laufe ich also durch die Baracke und spreche Worte, von denen ich gar nicht wusste, was sie bedeuten. Das war nur ein Klang für mich. Ich wusste aber, ich muss mir diese Zahl einprägen.
Und sie sagte mir noch etwas: „Ich tätowiere dir eine ganz kleine Nummer. Wenn du überlebst, dann kaufst du dir einfach eine Bluse mit langen Ärmeln und verdeckst diese Zahl, und dann sieht sie niemand mehr.“ Das war das erste Mal, dass ich mir dachte: „Ich soll überleben? Wie ist das möglich, ich bin doch nur fünfeinhalb Jahre alt.“ Ich dachte, jedes jüdische Kind müsse sterben. So dachte ich damals.
Ich bin das Kind, vor dem Hitler Angst hatte. Denn seine Devise lautete: KEINE ZEUGEN! Ich spreche jetzt für die sechs Millionen, deren Stimmen zum Schweigen gebracht wurden, und für die Kinder, die nicht mehr hier sind. Ich bin eure Zeugin.
(Beifall)
Ich bin ihre Stimme. Sechs Millionen ist eine sehr große Zahl. Es ist schwer vorstellbar, so wahnsinnig viel.
Ich möchte Sie deswegen gern auf die Reise eines dieser Menschen mitnehmen. Ich werde Ihnen einige meiner Erinnerungen schildern - und multiplizieren Sie diese dann um anderthalb Millionen; denn alle anderen Kinder, die nicht mehr hier sind, um darüber Zeugnis abzulegen, haben in anderen Lagern möglicherweise das Gleiche erlebt.
Meine früheste Erinnerung ist, wie ich mich in einer kleinen, völlig überfüllten Wohnung im Ghetto unter einem Tisch versteckte. Das war in der polnischen Stadt Tomaszów Mazowiecki. Ich erwähne den Namen der Stadt, weil niemand mehr übrig ist. Ich glaube, es gibt noch zwei Menschen auf dieser Welt, die ursprüngliche Bewohner dieser Stadt sind. Ich erkannte die Stimmen meiner Eltern, meiner Großmutter und meines Onkels, aber ich wusste, dass ich aus meinem Versteck unter dem Tisch nicht herausdurfte, weil das gefährlich war. Die SS hatte es auf alte Menschen abgesehen, auch auf Kinder - also die Wehrlosesten, die man nicht mehr brauchte. Meine Großmutter wurde vor unserem Haus erschossen, während ich versteckt war. Ich hörte die Schüsse, die Hunde, ihre Schreie und danach die schreckliche Stille.
Als das Ghetto liquidiert wurde, wurden die meisten Bewohner ermordet. Und wissen Sie, warum? Weil nicht genügend Platz im Viehwaggon war. Sie haben die Viehwaggons gefüllt mit zitternden Jüdinnen und Juden, Männern, Frauen und Kindern. Der Platz hat aber nicht ausgereicht. Deswegen mussten Menschen erschossen werden.
Meine Familie wurde gezwungen, zurückzubleiben. Einige Menschen wurden als Reinigungspersonal, als Reinigungsmannschaft zurückgehalten. So sagte man das auch. Wir hatten etwas zu tun. Wir mussten saubermachen. Ich erinnere mich, wie ich hinter meinen Eltern hergelaufen bin, als sie Leichen aufgehoben haben, um sie dann zu beerdigen, und mein Vater sagte damals etwas, das ich nicht verstanden habe. Er hat ein Gebet gesprochen auf Hebräisch, ein Totengebet. Und ich fragte mich: „Mein Vater sammelt hier Leichen ein, und gleichzeitig betet er einen Gott an, einen schweigenden Gott.“ Er hatte diesen Glauben trotzdem noch nicht verloren.
Mein Vater hat später in seinen Erzählungen diese Szene vor der Deportation beschrieben: „Mütter klammerten sich an ihre kleinen Kinder, ihre verzweifelten und mitleidigen Blicke auf die Augen ihrer Kleinen gerichtet, voller Kummer, voller Trauer; sie fühlten, dass ihr Ende nah war, und ohnmächtig richteten sie ihre Hände gen Himmel und fragten: Herr im Himmel, warum hast du uns solch ein furchtbares Todesurteil auferlegt?“
Ein Rabbiner, den mein Vater kannte, rief ihm zu, gerade als sich die Türen des Viehwaggons schlossen: „Vergiss uns nicht!“, und er wiederholte es auf Jiddisch: „farges unz nisht.“ Und ich versuche, genau dies zu tun.
Am 5. September kamen wir in Starachowice an - zwei Tage vor meinem fünften Geburtstag. Es war ein Zwangsarbeitslager, umgeben von Stacheldraht. Überall waren Wachtürme. Aber es gab keine Möglichkeit, sich zu verstecken. Meine Eltern mussten von früh bis spät in einer Munitionsfabrik arbeiten. Aber sie hatten Glück; sie hatten mit Ende zwanzig/Anfang dreißig das richtige Alter und Arbeitspapiere. Nur diese Menschen hatten eine Überlebenschance - vielleicht für ein paar Wochen, für ein paar Monate.
Ich erinnere mich an die Stimme meiner Mutter, die sagte: „Pass auf dich auf, bis ich zurück bin.“ Sie begann damals, mir die ersten Überlebenstechniken beizubringen: „Denk dran: Nicht rennen, wenn du die Hunde siehst. Sie sind auf das Töten trainiert. Immer stillstehen. Schau niemandem direkt in die Augen, weder den Hunden noch den Soldaten. Richte immer den Blick nach unten, steh still, lass sie einfach vorbeigehen. Versuch, unsichtbar zu sein.“ Dies waren übrigens einige der Überlebenstechniken, die mir viele Male das Leben retteten, als ich im Krieg allein war, ohne meine Mutter.
Ich war den ganzen Tag mit den anderen Kindern auf der Straße, denn unsere Eltern waren nicht da. Wir versuchten, die Hunde und die Wachleute zu meiden. Wir schätzten uns glücklich, fürs Erste den gefürchteten Selektionen entkommen zu sein. „Mama, wo sind all die Menschen?“, fragte ich eines Tages meine Mutter. Ich fragte, weil sich das Lager geleert zu haben schien. Ich war auf der Straße und sah, dass im Lager nicht mehr viele Leute waren. „Selektionen“, antwortete meine Mutter. Ich kenne das Wort noch auf Deutsch. Nicht an viele Worte erinnere ich mich; aber an dieses Wort kann ich mich bis heute erinnern. Mit fünf Jahren wusste ich Bescheid. „Selektionen“, mehr musste sie nicht sagen. Ich wusste, Menschen wurden selektiert, um sie zu töten.
Ich wurde vorsichtiger und blieb häufig allein in unserem Raum. Dann hörte ich etwas absolut Beängstigendes: „Kinderselektion.“ Ein Schauer lief allen Eltern über den Rücken. Wo können wir sie verstecken? Wo kann man seine Kinder verstecken? Meine Eltern versteckten mich in einer Zwischendecke, die damals extra für diesen Fall eingezogen worden war. Die SS-Schergen mit ihren Waffen entdeckten fast alle zitternden Kinder, die man versteckt hatte. Unter den Schreien ihrer Eltern wurden die Kinder auf Lastwagen gepfercht und zum Ort ihrer Ermordung gefahren. Sie wurden außerhalb unserer Stadt erschossen und dann in einem Massengrab beerdigt, das die Eltern selbst ausheben mussten.
Mein Leben hatte sich von einem Tag auf den anderen verändert. Ich durfte mich nicht mehr draußen blicken lassen. Ich musste jetzt in unserem kleinen, dunklen Raum bleiben, dessen Fenster mit ganz dicken Decken verhängt waren. Niemand durfte wissen, dass ich in diesem Raum war. Dort habe ich gewartet. Ich erinnere mich noch, was ich damals dachte. Ich fragte mich: „Bin ich denn das einzige jüdische Kind, das noch übrig ist auf dieser Welt?“ Denn - ich sagte es ja bereits - ich bin davon ausgegangen, dass alle jüdischen Kinder in den Tod geschickt werden sollten.
Meine Erinnerungen an diese Zeit sind sehr vage. Ich schlief damals sehr viel, weinte still in mich hinein - man durfte mich ja nicht hören - und wartete darauf, dass meine Eltern abends aus der Fabrik zurückkamen und mir etwas zu essen mitbrachten. Dann, an einem schönen Sommertag, durfte ich den dunklen Raum verlassen, um die Sonne zu genießen. Aber meine Mutter packte. „Wohin gehen wir?“, fragte ich sie. „Nach Auschwitz“, war ihre Antwort.
Im Alter von fünfeinhalb Jahren war mir der Name ein Begriff. Wie uns allen. Ich wusste, dass niemand von dort zurückkehrte, aber ich als Kind konzentrierte mich auf das Licht und den Sonnenschein, die ich nun endlich wieder spüren durfte, nachdem ich viele Wochen allein in der Dunkelheit zugebracht hatte. Daher reagierte ich kaum darauf, aber eine halbe Stunde später standen wir schon an den offenen Türen der Viehwaggons. Es war das zweite Mal, dass ich meinen Vater weinen sah. Das erste Mal war, als er meiner Mutter erzählte, dass er seinen Eltern gerade auf einen Lastwagen hatte helfen müssen, die dann mit allen anderen alten Menschen außerhalb der Stadt erschossen wurden, die auch vor einen Graben gestellt wurden, den ihre Kinder für sie ausheben mussten. Er küsste sie zum Abschied. Sie alle wussten, dass sie sich nie wiedersehen würden.
Und jetzt stand er mit uns vor dem Viehwaggon, er weinte und sagte mir, ich solle ein braves Mädchen sein. Ich erinnere mich noch an seine Worte. Es war das erste Mal, dass unsere kleine Familie getrennt wurde. Zumindest in diesem Moment aber waren wir drei noch einmal zusammen. Meine Mutter und ich wurden in einen Waggon für Frauen getrieben, und mein Vater ging mit den Männern mit. Es folgten 36 schreckliche Stunden voller Dunkelheit, Durst und Hunger. Was für mich das Schlimmste war: Es gab keine Möglichkeit, seine Notdurft zu verrichten. Ich versuchte, mit meiner Mutter zu sprechen, damit sie mich trösten konnte, aber durch die schrecklich lauten Schreie, das Stöhnen und die Gebete der verängstigten Frauen im Waggon war es unmöglich, miteinander zu sprechen.
Nach der Ankunft in Auschwitz flogen die Türen auf, und das plötzliche Sonnenlicht schmerzte sehr in meinen Augen. Aber es war der Gestank, der mich überwältigte. „Was ist denn das für ein Gestank?“, fragte ich meine Mutter. Sie zeigte auf den dunklen, dicken, giftigen Rauch, den ich während meiner gesamten Zeit in Auschwitz einatmen musste. Ich wusste, was das war. Sie musste mir das nicht erklären. Es waren die brennenden Leichen. Die gesamte Luft war davon getränkt. In meinem Alter hatte ich damals eher Angst vor den Hunden. Die Hunde standen direkt bei unserer Ankunft auf der Rampe. Ich habe sie angeschaut, hatte wahnsinnige Angst und erinnerte mich an die Worte meiner Mutter: „Kein Augenkontakt. Weder den Hunden noch den Aufsehern in die Augen schauen.“
Dann wurde mir der Kopf geschoren. Ich hatte vorher Zöpfe. Meine Kleidung wurde mir weggenommen. Ich habe dann irgendwelche dünnen Lumpen getragen. Ich war permanent hungrig und müde und hatte unglaublichen Durst. Dann brachte man uns in unser sogenanntes neues „Heim“, das mittlere Bett in einer Koje in einer großen, dunklen, schwarzen, deprimierenden Baracke. Warum wurden wir nicht sofort getötet? Bei allen anderen ist das doch passiert. Jedes Kind dieses Alters wäre gar nicht erst in die Baracke gekommen. Es war ein Privileg für uns, denn ansonsten wären wir direkt in die Gaskammer gekommen. Warum? Weil wir an einem Sonntag angekommen waren. Und die SS-Männer waren ja Christen, irgendwie. Ich weiß nicht genau, was sie waren, aber sie wollten an diesem Sonntag nicht so hart arbeiten.
Es gab vier Gaskammern; die fünfte wollten sie am Sonntag nicht öffnen. Da wir nun mal in Auschwitz waren, konnte das ja einfach nachgeholt werden. Also ein Wunder: nicht direkt in die Gaskammer zu gehen. Stattdessen sind wir ins Lager selbst geführt worden.
Auch hier, wieder, brachte mir meine Mutter Überlebenstechniken bei, ohne die ich es wohl nicht geschafft hätte. Sie sagte mir: „Du bekommst eine Schüssel, eine Tasse und einen Löffel. Wenn du die verlierst, bekommst du nichts zu essen, und dann wirst du verhungern.“ Man kann gar nicht beschreiben, wie sehr wir unter Hunger litten. Was Sie da lesen oder in Filmen sehen oder was Ihnen Zeugen erzählen: Richtig verstehen kann man das nicht. Man kann sich nicht vorstellen, was Hunger ist, wie es sich anfühlt, nichts zu essen zu haben oder nur so wenig, dass der Körper gerade einmal funktioniert, jahrein, jahraus.
Sie brachte mir noch etwas anderes bei: „Weine nicht! Weine nicht, egal, was dir passiert. Denn dann giltst du als schwach. Die schwachen Kinder überleben nicht.“ Ich weinte nicht, als man mich schlug, weil ich, als bei einem Appell die Namen aufgerufen wurden - das dauerte vier Stunden -, nicht stillstand. Da wurde ich geschlagen, von einer Frau, einer SS-Frau. Keinen Ton habe ich von mir gegeben. Ich weinte nicht, als ich sehr krank wurde und alles wehtat. Ich versuchte, meine Krankheit zu verheimlichen, weil ich wusste, was mit den Kranken passierte. Jeden Morgen kamen sie in die Baracke mit einer Schubkarre und haben die Schwachen und die Kranken aufgeladen. Wir wussten, was mit denen passiert. Ich weinte auch nicht, als man mich meiner Mutter wegnahm, als man mich tätowierte. Und ich weinte nicht, als ich nackt hungerte und fror, als ich mit den anderen Kindern darauf wartete, dass sich die Tür zur Gaskammer öffnete. Es wurde allen Kindern gesagt: „Wir gehen jetzt irgendwohin.“ Wir haben vorher viel zu essen bekommen. Die Gaskammern waren uns egal - wir wollten das Essen. Nach dem Essen sind wir also losgelaufen in Richtung der Gaskammern. Als wir dort ankamen, sagte man uns: „Ihr müsst euch jetzt ausziehen.“ Das haben wir getan. Und dann haben wir gewartet, vor einem Zimmer mit einem kleinen Fenster, bis sich die Tür öffnete. Ich erinnere mich nur, dass es kalt war, sehr kalt, als wir dort standen. Auch da habe ich nicht geweint.
Ich weinte auch nicht, als meine Mutter mich unter Leichen versteckt hatte, um dem Todesmarsch von Auschwitz zu entgehen. Sie sagte mir: „Ich kann selbst nicht mehr gehen, ich kann nicht auf den Marsch Richtung Deutschland gehen.“ Das wollten die von uns, wir sollten Hunderte von Kilometern laufen - ohne Schuhe, ohne etwas zu essen, und es war eiskalt. Ich erinnere mich, wie es immer kälter wurde - vielleicht, weil ich keine Kleidung und nichts zu essen hatte. Sie sagte zu mir: „Lass uns gemeinsam sterben hier in Auschwitz.“
Und dann sagte sie: „Okay, wir verstecken uns“, und: „Entweder wir sterben oder wir überleben.“ Und sie hat tatsächlich eine Leiche gefunden in der Baracke, hat mich darunter versteckt. Ich wusste, dass sie nicht weit weg war. Deswegen habe ich nicht geweint. Ich durfte nicht weinen, sonst hätte man mich bemerkt. Denn die Aufseher sind durch die Baracken gegangen, haben nach den Leichen geschaut, wollten sehen, wer noch am Leben war, um ihn dann zu erschießen, denn es hieß ja: Keine Zeugen!
So unwahrscheinlich es auch war: Meine Mutter und ich überlebten. Als wir Auschwitz Hand in Hand verließen, flüsterte sie mir nur zu: „Erinnere dich! Erinnere dich!“ Ich war sechseinhalb Jahre alt, und seitdem erinnere ich mich jeden Tag.
Nach der Befreiung existierte die Zukunft, die sie mir versprochen hatte, nicht mehr. Als wir in Auschwitz waren, sagte sie mir: „Du wirst diese großartige Familie kennenlernen. Ich habe Schwestern, Brüder, Nichten und Neffen, Hunderte Menschen in meiner Familie. Alle jüdischen Feiertage werden wir gemeinsam begehen. Dieses schreckliche Leben dauert nicht ewig.“ Das sagte sie mir, als ich nach dem Krieg, immer noch in Auschwitz, versuchte, wieder zu Kräften zu kommen. Aber als wir zurückkamen in unsere Stadt in Polen, war niemand mehr da. 150 Familienangehörige hat sie verloren. Sie wollte nicht weiterleben. Sie war die einzige Überlebende ihrer Familie.
Mein Vater kehrte aus Dachau zurück - als körperlich und seelisch gebrochener Mann. Er konnte kaum darüber sprechen.
Meine Mutter starb im Alter von 45 Jahren, als ich 18 Jahre alt war. Sie hatte Auschwitz physisch überlebt; aber ihr Herz war stets dort geblieben. Einmal sagte sie zu mir: „Diese Welt ist nicht für Menschen gedacht, nicht für Kinder gedacht.“
Ich war auf einer Collegereise in Israel, als ich von ihrem Tod erfuhr. Diese Reise war für mich ein Lebenstraum. Für uns ist Israel nicht einfach nur ein Ort auf der Landkarte - es ist das Herz einer 3 000 Jahre alten Geschichte, einer Geschichte von Glauben, Sehnsucht, Verlust und Rückkehr. Selbst in unseren dunkelsten Stunden symbolisierte Israel Hoffnung, Beständigkeit und den Glauben, dass Verzweiflung nicht das letzte Wort haben würde. Nach dem Holocaust wurde Israel eine moralische und existenzielle Notwendigkeit, nämlich die Sicherheit, dass jüdisches Leben nie wieder allein von der Gnade anderer abhängig sein würde.
(Beifall)
Jetzt, 81 Jahre später, hat sich ein Großteil der Welt gegen uns gewandt. Ich verließ Auschwitz mit dem Gedanken, dass ich nie wieder Angst haben müsste, weil ich Jüdin bin. Nie mehr! Aber die Zeiten haben sich geändert. Mein Enkel muss seinen Davidstern auf dem Campus verbergen - heute! Meine Enkelin war gezwungen, aus dem Studentenwohnheim auszuziehen, weil man sie bedroht hatte. Bedroht wurde sie von anderen Studentinnen und Studenten. Rufe wie „Hitler hatte recht!“ oder „Vergast die Juden!“ sind auf den Straßen von New York, Paris und Amsterdam zu hören, in London. Vielleicht auch in Berlin; das weiß ich nicht; aber ich vermute, auch das ist der Fall. Auf der ganzen Welt fühlen sich Juden wieder ungeschützt, angegriffen und gehasst. Ist das die Welt, die die jungen Menschen geerbt haben? Hinterlassen wir der Jugend, meinen Kindern, meinen Enkeln und Urenkeln das: eine Welt voller Hass und Angst, in der Juden schon wieder als Sündenböcke für das herhalten müssen, woran die Gesellschaft krankt? Genauso begann es in den 1930er-Jahren in Deutschland; so fing alles an.
Der Antisemitismus ist nicht verschwunden - er hat sich angepasst. Er verbirgt sich jetzt häufig hinter einer neuen, antizionistischen Sprache. Er verbreitet sich erschreckend schnell über soziale Medien. Und er findet auch in Kreisen Zustimmung, die eigentlich für kritisches Denken, für moralische Klarheit stehen sollten: in Universitäten und anderen wissenschaftlichen Einrichtungen. Ich habe vor einer amerikanischen Universität gesprochen. Die jüdischen Studenten sagten mir, sie haben jetzt Angst, ein Essay zu schreiben, in dem sie sich positiv über Israel äußern. Denn wenn man sich positiv über Israel oder über die Juden äußern möchte, vergeben die Professoren schlechtere Zensuren. Darüber müssen wir sprechen. Was konnte ich da sagen? Soll man eine Note opfern, die eigene Zukunft opfern, oder seinen Glauben, seine moralischen Standards aufgeben? Ich habe auf diese Frage leider keine Antwort. Für mich habe ich eine Antwort. Aber ich bin eine alte Dame, ich habe nicht mehr viel zu verlieren. Was kann ich den jungen Menschen auf den Weg geben, was kann ich meinen Enkeln sagen: „Verdecke deinen Davidstern, um eine Eins zu bekommen“, oder „Zeige deinen Davidstern und bekomme eine Zwei und vielleicht Schwierigkeiten, weiterzustudieren oder eine Arbeit zu finden“? Das ist ein schreckliches Dilemma, mit dem wir konfrontiert sind.
(Beifall)
Diese Warnungen müssen wir beherzigen. Wie die Bundestagspräsidentin sagte: Die Geschichte lehrt uns, dass Hass niemals auf ein einziges Volk beschränkt bleibt. Wenn Antisemitismus geduldet wird, werden die demokratischen Werte in dem betreffenden Land an sich geschwächt. Das Land wird dadurch schwächer, seine Existenz steht auf dem Spiel.
Rabbi Lord Jonathan Sacks - er war in England 22 Jahre Rabbiner, war bei Juden und Christen gleichermaßen beliebt - mahnt uns: Um ein Land zu verteidigen, braucht man eine Armee. Aber um eine Zivilisation zu verteidigen, braucht man Bildung. - Bildung, Führungsstärke und Zivilcourage sind daher keine Option, sondern eine Verpflichtung.
(Beifall)
Ich nehme mit Dankbarkeit Deutschlands fortwährendes Bekenntnis zur Bekämpfung des Antisemitismus durch Bildung, durch Gedenken, durch Politik zur Kenntnis. Deutschland versteht vielleicht mehr als jedes andere Land, was passieren kann, wenn Hass zur Normalität wird und wenn Verantwortung weggeschoben wird. Ihre Nationale Strategie gegen Antisemitismus und Ihre Entschließung „Nie wieder ist jetzt“ schützen und stärken jüdisches Leben. Ihre Programme, bei denen Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler nach Israel reisen oder Konzentrationslager besuchen, sorgen für Anerkennung und ein besseres Verständnis unseres Volkes und unserer Geschichte. Deutschland, Sie, wir alle haben aus eigener, aus bitterer Erfahrung gelernt, was ungezügelter Hass gegenüber einem ganzen Volk dem moralischen und emotionalen Zusammenhalt einer Nation zufügen kann. Leider scheint das nicht auszureichen. Antisemitismus nimmt in diesem Land wieder zu. Die Kampagnen dagegen müssen gestärkt werden: durch Bildung, durch Politik. Für den Schutz der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger muss mehr getan werden.
Ich hatte Angst, hierherzukommen. Es ist das erste Mal, dass ich wieder nach Deutschland gekommen bin. Ich dachte, für mich ist das schwer auszuhalten, ein schrecklicher Ort. Ich hatte Angst: Was, wenn ich dort Hunde auf der Straße sehe, wenn ich Leute Deutsch sprechen höre? Aber ich habe wunderbare, nette, warmherzige Menschen getroffen, die sich geöffnet haben, die voller Verständnis waren und die willens sind - von ganzem Herzen -, Antisemitismus zu bekämpfen. Aber ich muss Ihnen leider sagen: Das reicht nicht aus, es reicht nicht aus.
Sie müssen Ihr Land wieder zurückgewinnen, den schrecklichen antisemitischen Organisationen wieder entreißen, nicht so sanft, wie Sie das tun. Das letzte Mal haben Sie es einem Verrückten erlaubt, das Land zu kapern und Sie zu vernichten und Menschen um Sie herum. Sie erholen sich noch immer von diesem Schock. Jetzt ist Ihre Chance und ist die Gelegenheit, zu kämpfen, Ihr Land wieder zurückzugewinnen mit Stärke. Sie sind so großartige, wunderbare Menschen. Sie haben uns Bach geschenkt, Beethoven. Ich lese sogar Goethe. Ich stimme ihm nicht immer zu, aber ich lese ihn. Es gibt also so viel, auf das Sie stolz sein können. Seit meiner Ankunft hier fragen mich meine Angehörigen in Amerika immer wieder: „Wie ist es denn in Deutschland?“ Da kann ich nur sagen: Wunderbar, ein heilendes Erlebnis für mich.
Als eine der vielleicht letzten Auschwitz-Überlebenden - ich weiß wirklich nicht, wie viele es noch gibt - kann ich Sie nur aufrufen: Lassen Sie es nicht zu, dass der Antisemitismus wieder aufblüht und um sich greift!
(Anhaltender Beifall)
Sie haben aus diesen schrecklichen Erfahrungen gelernt. Sie haben gelernt, dass Verhandlungen und der Versuch, immer das Richtige zu tun, nicht immer funktionieren. Deswegen hoffe ich von ganzem Herzen, dass Sie, sagen wir mal, etwas entschlossener werden. Ich habe keine Ahnung von Politik, aber ein wenig entschlossener, damit sie vor Ihnen Angst haben. Sie, die wichtigsten Leute aus Deutschland, die hier im Saal versammelt sind, Sie haben die Macht, etwas entschlossener zu sein, sich deutlich zu positionieren. Nutzen Sie die Macht, die Sie haben! Wir dürfen nicht zulassen, dass die Gegner die Oberhand gewinnen. Das haben Sie doch aus Ihrer bitteren Erfahrung gelernt: dass es irgendwann zu spät sein könnte. Für mich ist es furchteinflößend, wenn ich selbst in New York darüber nachdenken muss, was in dieser Welt erneut passiert. Ich dachte, dieses Kapitel wäre längst geschlossen.
Die jüngere Generation ist nicht verantwortlich für das, was ihre Vorfahren getan haben in Treblinka, Auschwitz-Birkenau, Majdanek, Bergen-Belsen, Dachau und anderen Konzentrationslagern der Nazis. Aber Sie - insbesondere diejenigen, die politische Verantwortung tragen - sind auch verantwortlich dafür, wie die Welt aussieht, nicht nur für Ihre eigene Zukunft, sondern auch für die Ihrer Kinder, Ihrer Enkel, Ihrer Urenkel - und meiner. Das bedeutet, dass diese Seuche, dass diese Epidemie des Hasses, dieser Antisemitismus sehr, sehr ernst genommen werden muss. Neutralität im Angesicht des Hasses ist keine Neutralität, sondern bedeutet Zustimmung.
(Beifall)
In unserer Synagoge beten wir an jedem Sabbat für unsere Entscheidungsträger, mögen sie uns mit Weisheit, mit Mut, mit Mitgefühl regieren. Wir beten dafür, dass sich Gerechtigkeit, Sicherheit und Würde durchsetzen mögen und dass Menschen aller Glaubensrichtungen und Hintergründe ohne Furcht vor Ausgrenzung zusammenleben mögen. Möge die Erinnerung zu Verantwortung führen. Möge die Verantwortung zum Handeln führen. Und möge das Handeln dafür sorgen, dass „Nie wieder!“ nicht nur eine Parole ist, sondern eine bleibende Verpflichtung.
(Beifall)
Ich nutze meine Zeit, indem ich versuche, andere, insbesondere die junge Generation, über die Geschehnisse aufzuklären. Ich spreche dazu in Schulen, an Universitäten, Colleges. Ich nutze auch soziale Medien wie TikTok. Ich werde damit bis zu meinem Tod weitermachen.
(Beifall)
Ich danke Ihnen aus ganzem Herzen für die Gelegenheit, hier sein zu dürfen, und für den wunderbaren, warmen, netten Willkommensempfang, den ich hier genießen durfte. Frau Bundestagspräsidentin und alle, die ich treffen durfte, meine Tochter und mein Enkel, die mich begleitet haben, und ich, wir werden dies nie vergessen.
Ich danke Ihnen.

