Gott im Wort

»Gott im Wort« ist das bemerkenswerteste Buch seit Langem. Klaus Wengst wehrt sich in seinem Vorwort (S. 13) gegen eine Theologie des Neuen Testaments, die sich in der theologiegeschichtlichen Darstellung neutestamentlicher Schriften erschöpft. Seine Absicht ist exegetisch-theologisch und setzt an der Auferstehung/ Auferweckung des gekreuzigten jüdischen Menschen Jesus an (S. 17).

Gott im Wort (der Ausdruck ist von Jürgen Ebach übernommen (1997) zielt auf die Botschaft der Auferstehungshoffnung. Wengst nimmt dann im ersten Satz seiner Einleitung Martin Luther auf: »Gott wirkt durchs Wort oder überhaupt nicht!« (S. 17). Er stellt so die neutestamentlichen Schriften in die Kontinuität des Ersten Testaments (Hebräische Bibel) und zeigt, dass das Zweite Testament (Neues Testament) nur verstanden werden kann, wenn das Erste Testament als Sprachraum erkannt und erschlossen wird. Die Schar derjenigen, die Jesus gefolgt waren, nahmen »Worte ihrer jüdischen Bibel« auf und deuteten Jesus als den von den Toten Auferweckten (S. 18). Der Bezugspunkt für Wengsts Theologie-Ansatz ist das neutestamentlichbiblische Glaubensbekenntnis: »Gott hat Jesus aus den Toten auferweckt« (S. 19). Das Glaubensbekenntnis formuliert also eine Aussage über das Handeln Gottes und Jesu Leben und Sterben wird aus dieser Perspektive gedeutet. Jüdische Traditionen und christliche Verkündigung werden so ins Zentrum neutestamentlicher Theologie gerückt.

Das erste Kapitel (Die Auferweckung Jesu von den Toten: die zentrale Aussage des Neuen Testaments, S. 22–110) setzt genau an der Botschaft von der Auferweckung/ Auferstehung an (1 Kor 15) (S. 24f): »Gott ist das handelnde Subjekt, Jesus das Objekt seines Handelns. Der tote Jesus ist nicht von sich selbst aus aufgestanden … Gott wird gelobt, weil er das getan hat, Jesus von den Toten aufzuwecken« (S. 27) Diese Aussage setzt die »Auferstehung in biblisch-jüdischer Tradition « voraus (S. 27), die nicht als Wunschbild fungiert. Die biblischen Aussagen zur Totenauferstehung zielen auf das »Verlangen Bedrängter, dass es doch endlich anders werde« (S. 31). Die Gewalttäter triumphieren nicht über Gottes Majestät (S. 33): »Auferstehung der Toten – das ist der im Namen und in der Kraft Gottes erfolgende Aufstand der Getöteten gegen die gewalttätigen Sieger der Geschichte, die über Leichen gegangen sind.« (S. 35) Den Gewalttätern gehört nicht die Zukunft (S. 35). Die Rede von der Auferstehung der Toten ist Gleichnisrede von der »Wirklichkeit, Wahrheit, Beständigkeit, Verlässlichkeit und Treue« Gottes (S. 51) Die Auferstehung wird nach Paulus »mit dem Herzen geglaubt« (S. 57). Für die nttl. Schriften ist klar, dass der auferweckte Jesus mit dem irdischen Jesus identisch ist (S. 67). Auch den Völkern gilt der biblisch verheißene Geist (S. 85), sodass Menschen aus der Völkerwelt zur jesuanischen Gemeinde hinzukommen (S. 85), weil Gott spricht (S.100). Die Konsequenz: »Bekennende Aussagen über Jesus werden dann nicht antijüdisch wirken, wenn Christinnen und Christen sie als Lob des Gottes Israels verstehen, der mit seinem Volk in einem unverbrüchlichen Bundesverhältnis steht.« (S. 110)

Das zweite Kapitel (Zum Verstehen des Todes Jesu am Kreuz im Neuen Testament, S. 111–166) thematisiert das Kreuz Jesu als Zeichen eines sinnlosen Todes, wenn nicht die Auferstehung dieses Kreuz umrahmte (S. 111), Gott lässt das Leiden und den Tod Jesu nicht das Letzte sein, von dem erzählt wird (S. 113): Nur Gott selbst setzt letzte Fakten (S. 115), und in der Rezeption des Psalms 22 als letzte Worte Jesu wird deutlich, dass Gott rettend handelt (S. 120).Wengst macht so klar, dass das Neue Testament nicht außerhalb des Judentums, sondern in unmittelbarer Beziehung zu ihm steht. Die Auferstehung wird ausschließlich in diesem Kontext als Gottes Handeln charakterisiert. Gottes Souveränität behauptet sich auch in Jesu Sterben und Tod gegen die »grauenhafte Macht des Faktischen« (S. 128), d. i. die brutale Herrschaft des Menschen über Menschen, was Wengst am Beispiel der johannäischen Passionsgeschichte nacherzählt (S. 131). Gott wird in Mitleidenschaft gezogen: Gott hat nichts als das Wort seiner menschlichen Boten (S. 140) (vgl. auch 2 Kor 5, 14-21). Im Hebräerbrief wird der jüdische Versöhnungstag aufgenommen, der nach der Zerstörung des Tempels nicht mehr im Jerusalemer Tempel gefeiert werden konnte. Anstelle dessen wird ein himmlisches Heiligtum wahrgenommen, das der menschlichen Gewalt ent- zogen ist (S. 151). Der Hohepriester im Tempel wird im Hebräerbrief mit dem Gesalbten, mit dem Messias Jesus, identifiziert. Die Hebräerbriefdeutung »des Todes Jesu als hohepriesterliche Darbringung ist ein Protest, der sich nicht mit dem schrecklichen Tod Jesu an einem römischen Kreuz und der totalen Zerstörung des Tempels in der Weise abfinden will, als wären damit von den mächtigen Gewalthabern endgültige Fakten gesetzt.« (S. 153) In dieser Kombination werden messianische jüdische Traditionen mit dem christlichen Glauben in den Völkern zusammengeführt (S. 158).

Das dritte Kapitel (Was dringlich ansteht: Gottes Herrschaft und Reich, S. 167–225) bedenkt die Reich- Gottes-Botschaft Jesu vor allem in den Gleichnissen (S. 167): Gott kommt heilvoll zur Herrschaft und gewinnt Raum (S. 169). In den sog. Seligpreisungen der matthäischen Bergpredigt geht es auch um ein bestimmtes ethisches Handeln für eine gerechte und solidarische Welt (S. 173), und es geht immer auch um Befreiung von Not (S. 181). Die zentrale Aussage des Reiches Gottes sind Recht und Gerechtigkeit (S. 183). Die schriftliche und die mündliche Torah weisen über das Recht hinaus zur Gerechtigkeit (S. 200): »Sie soll die das Recht bestimmende Norm sein, die mehr umfasst, als im Recht und durch es erreicht werden kann.« (S. 200)

Das vierte Kapitel widmet sich dem sog. Endgericht (Das letzte Gericht, S. 226–277), setzt bei den Visionen des Johannes von Patmos in der Offenbarung an und nimmt damit den ungeheuren Blutzoll auf, der für die Errichtung des Imperium Romanum gezahlt worden ist (S. 233): »Bei diesen Vergeltungs- und Gerichtsaussagen geht es darum, dass das böse Tun auf diejenigen zurückfallen möge, die es ausgeführt haben, und dass diejenigen zu ihrem Recht kommen, die Unrecht erleiden mussten.« (S. 235) Auch in den Gerichtstexten der Evangelien geht es wie in der Johannesoffenbarung immer um die Wiederherstellung von Recht und Gerechtigkeit (S. 258) (vgl. auch Ps 118,19) und um Mitmenschlichkeit.

Die Auferstehung der Toten ist Inhalt des fünften Kapitels (S. 278-332) und lässt sich als »Anfang endzeitlicher Neuschöpfung« charakterisieren (S. 278). Im Matthäus-Evangelium steht deswegen auch eine surreale Beschreibung des Unmöglichen, des Endzeitgeschehens (S. 281). Paulus vertritt die theologische These bei der Taufe, dass die Lebenden in den Leib Christi inkorporiert werden und so Anteil an der Auferstehung bekommen (Röm 6, 1-4): »Das Sein im Bereich, in dem Jesus als Gesalbter das Sagen hat und in dem man auf ihn hört, wird nicht zu einem Haben. Es vollzieht sich, indem es im Handeln beansprucht wird.« (S. 284) In 1 Kor 15 wird dann die Auferstehung von Paulus als »Beginn einer messianischen Zeit« verstanden – wir alle in Christus Inkorporierte bleiben über den Tod hinaus in Gottes Hand (S. 306) und haben bei Gott eine himmlische Heimat (S. 315).

Im Schlusskapitel fragt Wengst: Was bleibt? (S. 333– 340). Er zitiert dann Deuterojesaja (Jes 40, 6-8 und Jes 40, 1-2a) (S. 334). Gottes Wort bleibe bestehen, wie Wengst am Beispiel der Barmer Theologischen Erklärung von 1934 und dem Zusammenbruch des sog. 1000- jährigen Reiches zeigen kann (S. 335): »Gottes Wort erweist sich als lebendig, wenn es zum ansprechenden Wort wird, wenn man es sich gesagt und zugesagt sein lässt … In seinem Gebrauch also wird es sich als lebendig erweisen.« (S. 337)

Klaus Wengst ist mit diesem Lebenswerk im Sinn des Wortes ein großer Wurf gelungen, und er bezieht hier deutlich Position dafür, dass die Christengemeinde auf die jüdische Tradition angewiesen bleibt.

Wengst, Klaus (2025):
Gott im Wort. Theologie des Neuen Testaments: ein Widerhall der jüdischen Bibel

Gütersloh 2025: Gütersloher Verlagshaus
geb., 351 Seiten, Euro 29,-

Editorische Anmerkungen

Quelle: Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung im Kontext (ZfBeg), 2/3| 2025.