Goethe und die Juden

Mit dem Buch Goethe und die Juden von W. Daniel Wilson, Germanistik-Professor in Berkeley und London, liegt eine aktuelle, umfangreiche und tiefgründende Studie zum Thema vor, an der u. a. als Gesprächspartnerin auch Karin Schutjer mitgewirkt hat (die in ihrem eigenen Buch auf vorgängige Studien Wilsons hinweist). Die beiden Goethe-Bücher sind umso notwendiger, da seit langer Zeit keine einschlägige Arbeit mehr erschienen war.

Wilson referiert darüber ausführlich in der Einleitung und kommentiert, dass er Schutjers Buch mit einem neuen Akzent, nämlich der Darstellung von jüdischen Mitmenschen, deren Rechtsverhältnissen, Zeitumstände und Zeitgenossenschaft im Kontext Goethes fortführen möchte: »Ein besonderes Anliegen dieses Buches ist es, die Ansichten, Erlebnisse und die Kultur der betroffenen Juden zu beachten, die all zu oft in Studien über Antisemitismus zu kaum profilierten Objekten und Opfern verblassen.« (S. 16) Goethe wird damit in der Judenfrage zu einem Kristallisationspunkt seiner Zeit. Und das reicht weiter über die Rezeptionsgeschichte in die Kaiserzeit und dann über die Nationalsozialisten bis in die Bundesrepublik hinein (vgl. zum Beispiel die heikle Mitgliedschaft des wichtigen Goethe-Forschers Erich Trunz in der NSDAP!).

Aber kann man zur Goethe-Zeit überhaupt schon von Antisemitismus sprechen? Hier unterscheidet Wilson den damaligen konfessionsorientierten Judenhass vom radikalen Antisemitismus des späteren 19. und 20. Jahrhunderts. Komprimiert kann man nachlesen, wie sich der politische Antisemitismus entwickelte (Wilhelm Marr!), und wie das Judentum zwischen Selbstisolierung und Emanzipation bzw. das aufge klär te Bürgertum betreffs der jüdischen Mitbürger zwischen Faszination und Abscheu stand. Goethe vertrat in diesem Punkt Duldsamkeit gegenüber den Juden, empfand jedoch deren Emanzipations-Versuche offenbar als Störung der bürgerlichen Ordnung. Betreffs seiner Selbstdarstellung nach außen ist er um Toleranz bemüht.

Ohne Probleme vertritt er als Anwalt in Frankfurt jüdische Mandanten. Deutlich ist jedoch, dass er Vorurteile reproduziert und dies auch in seinem Werk (nicht nur im Jahrmarktsfest zu Plundershausen) manifest wird. Wilson kann aufzeigen, dass seine anfänglich zwiespältige Haltung sich allmählich zur Feindschaft verhärtet. »Es ist das Gegenteil der Entwicklungskurve, die er in Selbstzeugnissen für die Öffentlichkeit beschrieb. « (S. 55)

Das Kapitel Juden in Weimar korrigiert die irrige Meinung, Goethe habe in Weimar wenig Kontakte mit Juden gehabt. Vor allem in amtlichen Angelegenheiten hatte er im Geheimen Consilium mit jüdischen Klagen zu tun (Handel, Wegerecht, Abgaben für durchreisende Kaufleute; die vorgeschriebenen Wege mit ihren Steuern durften nicht umgangen werden, sie brachten dem Herzog jährlich bis zu 15.000 Taler ein!). Wilson gewährt anhand der Frankfurter Ausgabe und weiterer Recherchen in den Archiven einen exemplarischen, engmaschigen Eindruck von Goethes amtlicher Tätigkeit und achtet dabei immer auf Goethes Intentionen im größeren Kontext. Sowohl positive wie negative Entscheidungen Goethes waren von günstiger Opportunität seinerseits geprägt und keineswegs von prinzipieller, aufgeklärter Judenfreundschaft, wie er es nach außen dargestellt hat (S. 79; vgl. auch den Fall Elkan, S. 82f, Julius Elkan war der Geldautomat der Weimarer Elite). Das betrifft auch Goethe als Geschäftsmann.

Ein Problem bleibt durchgängig: Goethe erwartet von Juden Aufklärung, Bildung, höhere Erziehung, im Grunde: weitestgehende Assimilation oder, wie es damals hieß, Amalgamierung, Veredelung. Aber er ist wie viele nicht bereit, den ersten Schritt zu tun und die Voraussetzungen für eine echte Emanzipation zu leisten. »Verdienst-Modell« der Emanzipation: Die Juden müssten zuerst beweisen, dass sie der Gleichstellung würdig seien (S. 103). Außerdem verbindet Goethe damit Gedanken der Französischen Revolution und deren Radikalität. Entsprechend kritisiert er den Kämpfer für die Judenemanzipation und Gegner des Frankfurter Ghettos Israel Jakobsohn, befürwortet eine anonyme Schmähschrift gegen ihn und nennt ihn »Humanitätssalbader« (S. 118).

Wilson schildert, wie die Frankfurter Judenemanzipation (die Neue Stättigkeit ) schleichend ausgehöhlt und zurückgenommen wurde, und stellt dem David Fränkel, Franz Joseph Molitor, Ludwig Börne oder Bettine von Arnim entgegen. Goethe hätte reichlich Gelegenheit gehabt, hier positiv mitzuwirken (vgl. Bettina von Arnims Unterlagen, die sie an Goethe zur Stellungnahme schickte, S. 125)! Stattdessen verhärten sich seine Positionen zu Mischehen, Zuzug- und Aufenthaltsrechten je älter er wird und zu einer Zeit, in der zaghafte Reformen in Weimar und anderswo durchgeführt oder zumindest heftig diskutiert wurden (S. 173). Das Goethe-Handbuch (GHb 4/1, S. 581– 90) behauptet dazu noch 1998: »Goethes Haltung zur zeitgenössischen Judenheit« sei nicht »von Vorurteilen be - herrscht.« (S. 174) Braucht es mehr Gründe für die Notwendigkeit einer Studie wie die von Wilson?

Wilson vermag aber nachzuweisen, dass »rassische« Überlegungen (vom Erbgut und »Blut« her) in der Goethe- Zeit noch keine Rolle spielten und Juden vor allem wegen ihrer Religion und bequemer Stereotypen der Andersheit diskriminiert wurden (S. 180). Wo diese »Andersheit « wegfiel, hatte Goethe intensive Beziehungen zu kultivierten jüdischen (bzw. konvertierten) Frauen, die ihn wertschätzten und seine Fama in die Berliner Salons trugen (S. 205).

Das ausführliche sechste Kapitel zeigt am besten Arbeit und Methode von Wilsons Studie (S. 190 –255). In kleinen Abschnitten ist er ganz nahe an jüdischen Persönlichkeiten, mit denen Goethe Umgang hatte: gebildete Juden, Kontakte während der Bäder-Aufenthalte, Konvertiten, späte Begegnungen ab 1820, Juden auf der Bühne, der Theaterdirektor. Ergebnis: Goethe hat sich nicht ernsthaft mit Judensituation und Judenfrage auseinandergesetzt oder gar sich für eine Verbesserung eingesetzt. Er blieb beim Status quo. Aber er pflegte einen selbstverständlichen Umgang mit gebildeten Jüdinnen und Juden, auch mit wichtigen Geschäftsleuten. Tief verwurzelte Vorurteile reflektierte er nicht, besonders betreffs einfacher jüdischer Gesellschaftsschicht und alles, was mit Schachern, Krämern und Geld zu tun hatte.

Im gut lesbaren Fazit (S. 257ff.) unterscheidet Wilson zwei Phasen: Goethe legte bis zur Französischen Revolution viel Wert auf eine judenfreundliche Haltung in der Öffentlichkeit. »Damit wirkte Goethe positiv auf Generationen jüdischer Verehrer und Biographen.« (S. 258) Später entwickelt sich Goethe immer mehr zum Judenfeind. Wilson spricht von »nachdrücklicher Feindschaft «, das mag die zugespitzte Pointe seines Buches sein (S. 259).

Der Untertitel Faszination und Feindschaft ist sehr ernst zu nehmen. Dabei bezieht er sich auf Goethes Ablehnung der Judenemanzipation, seine Befürwortung eines Aufenthaltsverbots für Juden in Jena, seine Unterstützung des judenfeindlichen Professors Fries und sein Zorn gegen die Zulassung jüdisch-christlicher Mischehen. Dem korrespondiert eine immer stärkere Ablehnung Herders und dessen judenfreundlicher Ansichten, auch unter dem Einfluss Schillers, der den Juden Kultur und Gesittung absprach (S. 261; vgl. die Perspektive von Bernd Witte in seinem Buch Moses und Homer, 2018).

Wilsons Studie ist außerordentlich reichhaltig und dicht gepackt. Der Anmerkungsteil ist eine Fundgrube für sich. Wilson hat mit diesem Buch seine stark beachteten Veröffentlichungen zu Goethe fortgesetzt: als amerikanischer Germanist, der in deutscher Sprache schreibt. Hier sei noch auf einen Namensvetter und Altersgenossen hingewiesen: den englischen Schriftsteller und Journalisten A. N. Wilson mit seinem Buch Goethe: His Faustian Life, Bloomsbury 2024. 

W. Daniel Wilson:
Goethe und die Juden. Faszination und Feindschaft.

C.H. Beck Verlag
München 2024 
351 Seiten; Euro 29,90

Editorische Anmerkungen

Quelle: Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung im Kontext (ZfBeg), Nr. 2/3, 2025.