Ganz Israel wird gerettet werden

Dieses Buch enthält Aufsätze und Vorträge, die der Autor über Jahrzehnte im Rahmen des christlich-jüdischen Dialogs in Deutschland an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Anlässen veröffentlicht bzw. gehalten hat. Hier sind sie zusammengebunden, und es entsteht die Chance, dass ein größerer Leserkreis davon erfährt. Das ist gut und notwendig!

Lehmann überschreibt sein Buch: Ganz Israel wird gerettet werden. Mit diesem Paulus- und Talmudzitat drückt er sein theologisches Anliegen aus. Er möchte herausarbeiten, dass Judentum und Kirche aus der gemeinsamen Quelle des Alten Testaments entstanden sind und leben. Es ist die Botschaft vom Reich Gottes, die beider Leben begründet und auf das beide zugehen. Diese in der doppelten Wortbedeutung prinzipielle Gemeinsamkeit hat die Kirche früh verlassen und sich von Israel getrennt. Sie hat sich über das Judentum erhoben, es aus seiner gottgegebenen Bedeutung verdrängen wollen und sich an seine Stelle gesetzt. Da entstand eine kirchliche Feindschaft, die mitverantwortlich zeichnet für den neuzeitlichen Antisemitismus.

Der Autor entfaltet diese Gedanken in acht Kapiteln mit ungewohnten und z.T. originellen Gedanken. In der Bibel gehören Israel und das Reich Gottes untrennbar zusammen. Wie „Ganz Israel wird gerettet werden“ dafür steht, das legt der Verfasser zu Beginn dar, gefolgt von einer ausführlichen Beschäftigung mit Abraham, zu dessen reicher Auslegung er talmudische und andere rabbinische Quellen heranzieht. Das führt hier und da zu Einsichten, die für Christen überraschend sind. Abraham erscheint als das kleine gefährdete jüdische Samenkorn für eine von Gerechtigkeit und Völkerversöhnung geprägten Alternative zum babylonischen, machtpolitischen Weg der Menschheitsgeschichte. Ein Kapitel über das Neue Testament erläutert, wie sich das für Christen fortsetzt: im messianischen Werk Jesu, der Rettung Israels durch das Reich Gottes und die Kirche, sofern sie dessen lebendiger Vortrupp ist.

Ein besonders interessantes Kapitel befasst sich mit der Reformation. Das Wirken des Josel von Rosheim erhält hier Raum, vor allem aber unbekanntere Seiten Martin Luthers. Neben seinem fürchterlichen Judenhass lesen wir von seinem Antikapitalismus aus Glauben und seiner politischen Widerstandstheologie.

Der umfangreichste Abschnitt handelt von der christlichen Ursünde, dem monströsen, christlichen Hass gegen die Juden in seinen verschiedenen Gestalten und seinem durchgehenden Grundmotiv, der Verteufelung der Juden von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit, bis Auschwitz und danach.

Ein kleineres Kapitel ist dem Verhältnis des Islam zum Judentum gewidmet, ein anderes Aspekten des Judentums, die für sein vorurteilsfreies Verständnis wichtig sind.

Eine Thematik ist Lehmann besonders wichtig, weil sie zu Unrecht keine Rolle im christlichjüdischen Dialog spielt. Es geht dabei um Herrschafts- bzw. Ideologiekritik unter dem Aspekt der Vergötzung von gesellschaftlichen Zuständen oder Anschauungen, denn im Alten Testament ist die prophetische Götzenkritik die andere Seite der von der Thora geforderten sozialen Gerechtigkeit.

Im abschließenden Kapitel stellt der Autor einige christliche Prediger vor. Da leuchtet die Vielfalt der von den religiösen Sozialisten wiederentdeckten Reich-Gottes-Botschaft der vergangenen 150 Jahren auf, aber auch die zumeist vorhandene Israel- und Abrahamsvergessenheit. Man muss mit Klaus-Peter Lehmann nicht in allem übereinstimmen, was er in diesen Kapiteln an Gedanken und Zusammenhängen entwickelt und entfaltet. Aber man tut gut daran, und man tut sich selbst etwas Gutes, wenn man sich auf seine Denkanstöße einlässt und sich mit ihnen auseinandersetzt.

Das Buch ist keine Monographie, es bietet deshalb den Vorteil, dass man irgendwo anfangen und sich hineinlesen kann. Allmählich erschließt sich dann der große systematische Zusammenhang. Das sorgfältig erarbeitete ausführliche Stichwortverzeichnis ist dabei eine gute Hilfe. Das ganze macht Lust zum Lesen.

Für wen ist dieses Buch gedacht? Dieser reizvollen Frage lohnt es einen Augenblick nachzugehen. Da es im Rahmen des christlichjüdischen Dialogs in der evangelischen Kirche in Deutschland entstanden ist, breitet es die vielen Fragestellungen aus, die dieses Gespräch seit ungefähr 60 Jahren aufgeworfen hat und die es bis heute bestimmen. Kenner der theologischen Szene haben mal geurteilt: Im christlichjüdischen Dialog passiere zur Zeit das Entscheidende in der protestantischen Theologie. Weshalb? Weil hier die gesamte christliche Theologie auf den Prüfstand kommt und die zweitausendjährige Theologie- und Kirchengeschichte aufzuarbeiten begonnen wird. In diesem großen Gespräch stellt Klaus-Peter Lehmann, der sich seinerseits auf den Schultern von Karl Barth und Friedrich-Wilhelm Marquardt stehen sieht, eine markante Stimme dar. Wer Lust an Theologie hat und sich zutraut, an der Ausgrabung des christlichen Antijudaismus und an seiner Überwindung mitzuarbeiten, wer keine Angst hat, auch mal ‚ketzerische‘ Gedanken zu denken, weil es ja um die Auflockerung langgedachter und eingefrorener Gedankengebäude - vor allem in der biblischen Exegese und in der Christologie - geht, der ist mit diesem Buch gut bedient.

Ich denke an Pastorenkonvente, die sich den einen oder anderen Aufsatz einmal vornehmen. Ich denke an Evangelische Akademien, die Abschnitte aus dem Buch zu Tagungsthemen ausgestalten. Ja, warum sollte nicht auch das eine oder andere exegetische oder systematische Seminar in einer theologischen Fakultät zu diesem Buch greifen und einen Abschnitt daraus in aller Ruhe und Genauigkeit diskutieren! Das kann für alle Beteiligten nur von Vorteil sein – und für das Ganze von Theologie und Kirche auch.

Klaus-Peter Lehmann:
Ganz Israel wird gerettet werden. Wege und Irrwege zum Reich Gottes und im Verhältnis zum Judentum.
BoD – Books on Demand; 1. Edition (31. August 2020)
608 Seiten
Euro 19,80

Editorische Anmerkungen

Quelle: Ma Nishma? Was gibt’s Neues?, Rundschreiben Nr. 114, November 2020 - Januar 2021, hrsg.v. Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Augsburg und Schwaben e.V.