Masal tov! 40 Jahre Friedenstreffen im Geiste von Assisi, das ist wirklich ein Grund zum Gratulieren! Doch ist es immer noch aktuell, wofür die Treffen vor 40 Jahren initiiert wurden? Mehr denn je! Religionen werden noch mehr missbraucht, um Gewalt und Unfrieden in die Welt zu bringen. Sie werden politisch instrumentalisiert, mit verheerenden Folgen.
Wie kann dem begegnet werden? Wie kann St. Egidio hier einen wichtigen Beitrag leisten?
Sehr oft wird vom chistlich-jüdischen Abendland gesprochen und gemeint, dass Europa von Christentum und Judentum gemeinsam geprägt ist. Es hört sich wie eine wunderbare Kooperation vieler Jahrhunderte an – war es aber nicht. Die Leidensgeschichte im christlich-jüdischen Kontext ist lang und lässt sich an manchen Klageliedern der jüdischen Liturgie bis heute erkennen.
Zu einer großen Wende kam es erst vor gut 60 Jahren, als das Verhältnis zwischen Christentum und Judentum neu definiert und auf eine völlig neue Grundlage gestellt wurde. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und dem Edikt Nostra Aetate wurde das Tor zu einem echten Dialog zwischen den beiden Religionen geöffnet – zu einem ehrlichen Austausch auf Augenhöhe!
Was hat sich geändert?
it Nostra Aetate hat die römisch-katholische Kirche dem Judentum einen eigenen Heilsweg zugestanden und sich die Judenmission versagt. Um einem ehrlichen Dialog die Grundlage zu geben und ein wirklich friedliches und harmonisches Zusammenleben der Religionen zu ermöglichen ist dies eine Voraussetzung „sine qua non“ – unablässig. Die Anerkennung, dass es mehrere Wege zu G“tt und zu einem Bund mit G“tt gibt, und dass sich die Wahrheit nicht einzig und allein bei einem selbst befindet, schafft den Raum für eine gemeinsame Zukunft, ohne Bevormundung, ohne potentielle Tendenz zur Unterdrückung einer vorherrschenden Meinung gegenüber den anderen.
Ein weiterer Punkt, welcher das Verhältnis des Judentums gegenüber dem Christentum in einem neuen Licht erscheinen lässt ist der Umstand, dass die Religion besonders in Europa relativ klar vom Staat und damit von der Politik getrennt ist. Das heißt nicht, dass der Staat die Religionsgemeinschaft unterstützen kann, aber unter der Prämisse der vollkommenen Religionsfreiheit, welche es einerseits allen Bürgern freistellt, sich zur Religion freier Wahl zu bekennen, und auch losgelöst von jeglicher Religion vollkommen säkular oder atheistisch zu leben, andererseits den Religionen und ihren Anhängern die freie Ausübung ihrer religiösen Traditionen und Praktiken gestattet, soweit diese nicht in Konflikt mit den Grundwerten und Grundgesetzen des Staates geraten.
Diese beiden Grundlagen verhindern eine politische Instrumentalisierung der Religion zur Verfolgung eigener Interessen, und die gewaltsame Durchsetzung der eigenen religiösen Ideologie gegenüber anderen.
Mit den Friedenstreffen der Gemeinschaft St. Egidio findet diese Form des religiösen Austausches einen besonders gelungenen Ausdruck; das Vierzig-jährige Jubiläum bietet also einen guten Grund zum Feiern! Denn in dieser Zeit wurden aus dem Dialog vielfache Freundschaften, die Kräfte des Friedens und der Harmonie in der Welt wurden bedeutend gestärkt und mit einem weiteren Beweis wurde belegt, dass mit gutem Willen ein hoffnungsvoller Weg in die Zukunft gegangen werden kann!
Miteinander reden ist hierfür eine wichtige Grundlage, jedoch kann auf verschiedene Weise miteinander geredet werden. Da gibt es zum Beispiel die Geschichte einer Frau, welche gerne redet und ihren Ehemann kaum zu Wort kommen lässt. Die Frau wird krank und der Doktor muss geholt werden. Dieser holt ein Fieberthermometer hervor und steckt es der Frau in den Mund, worauf einige Minuten Ruhe eintritt. Der Ehemann ist völlig erstaunt und fragt den Doktor interessiert: "Sagen Sie, wo kann man ein solches Gerät bitte kaufen?"
Nicht der Monolog, sondern der Dialog wird angestrebt.
Doch was bedeutet eigentlich Dialog? Wie ist er zu definieren, was sind seine Ziele?
Der Prophet Maleachi zeigt den Weg, wie G“tt dem Menschen zuhört: (3, 16) „G“ttesfürchtige besprechen sich einer mit dem anderen, denen wendet sich G“tt zu“. Es heißt nicht wie normalerweise: „Sie reden zu einander“ – „dibru“ auf Hebräisch – sondern: „Sie besprechen sich mit einander“ – „nidberu“ auf Hebräisch.
Die beiden Wortformen unterscheidet die Art und Weise des Miteinander-Sprechens: Man kann zuhören, um sprechen zu können, man kann aber auch sprechen, um zuhören zu können. In einem Gespräch, gerade wenn es um Informations- und Meinungsaustausch geht, kann es den Teilnehmern darum gehen, zu den anderen zu sprechen, gehört zu werden, „ledaber“. Ein solches Gespräch kann sich als zweiseitiger Monolog, oder Monolog mit zwei Teilnehmern, gestalten. Wie beispielsweise das Gespräch, das sich heute zwischen einem Vater und seinem Sohn abspielen könnte, wenn der Vater sagt: "Sohn, ich möchte mit dir sprechen. Die Zeit ist gekommen, um über die Wirklichkeit des Lebens etwas zu erfahren." Worauf der Sohn antwortet: "Gerne Vater, was möchtest du denn wissen?"
Ein wahrer Dialog entsteht, wenn es den Teilnehmern darum geht zuzuhören, den anderen und seine Ansichten und Meinungen wahrzunehmen und wirklich verstehen zu wollen.
Um dem ersehnten Frieden weiter entgegengehen zu können, ist es notwendig, diese Form von Dialog von allen Beteiligten einzufordern. Es reicht nicht, dass eine Seite in den Dialog tritt, die andere aber nicht, es braucht beide Seiten dafür. Es reicht nicht, die eine Seite zum Frieden aufzufordern, beide Seiten müssen hierfür die Bereitschaft signalisieren und unter Beweis stellen, damit dieser wirklich zustande kommen kann.
Die Religionsgemeinschaften können gemeinsam sehr viel bewirken. Sie können gemeinsam dazu aufrufen, Gewalt abzulegen und aufzuhören, Religion für politische Zwecke und andere Interessen zu instrumentalisieren oder die Religionsgesetze mittels Gewalt aufzuzwingen. Denn das alles kann nicht im Sinne G“ttes sein und ist es nicht.
Ein waffenloser Friede ist zum Beispiel eine starke Vision, welche unbedingt vertreten werden soll. Sie folgt den Worten des Propheten Jesajas vor über 2600 Jahren, dass die Völker künftig gegen einander kein Schwert mehr erheben und keinen Krieg mehr erlernen werden. Stattdessen werden die Kriegsgeräte in friedliche Technologie zum Segen der Menschheit umgewandelt werden.
Diese Vision lässt sich jedoch erst realisieren, wenn auch wirklich alle diese umsetzen wollen. Als Beispiel: Würde Israel allein die Waffen ablegen, würde es diesen Staat nicht mehr geben... Solange nach wie vor eine reale Bedrohung von denjenigen ausgeht, welche eine ganz andere Agenda verfolgen und sich diesen Grundsätzen nicht anschließen wollen, muss leider auch der Frieden und die Freiheit nach wie vor verteidigt werden und wehrhaft bleiben.
Wir hoffen, beten und sehnen uns die von Jesaja gezeichnete Welt herbei, in welcher Frieden und Waffenlosigkeit eine Selbstverständlichkeit sein werden. St. Egidio und die Friedenstreffen leisten auf dem Weg dahin einen wertvollen Beitrag, mögen die Botschaften von hier ausgehend gehört werden.
Danke St. Egidio! Danke allen, die an den Frieden glauben!

