Der SEELISBERG-PREIS ist nach dem bahnbrechenden Treffen benannt, das vom 30. Juli bis zum 5. August 1947 in dem kleinen Schweizer Dorf Seelisberg stattfand und sich mit der seit jeher bestehenden christlichen Lehren der Verachtung von Juden und Judentum auseinanderzusetzen. Dort wurde das sehr einflussreiche Dokument „Ein Aufruf an die Kirchen: Die zehn Punkte von Seelisberg“ verabschiedet, das weithin als Beginn jenes Wandels in den Beziehungen zwischen Juden und Christen gilt, der sich in den vergangenen siebzig Jahren vollzogen hat.
Der SEELISBERG-PREIS wird jährlich (seit 2022) vom Internationalen Rat der Christen und Juden (der aus der Seelisberger Konferenz hervorgegangen ist) und dem Zentrum für Interkulturelle Theologie und Religionen der Universität Salzburg verliehen. Er ehrt Personen, die durch ihre wissenschaftliche Arbeit und Lehre maßgeblich zur Annäherung zwischen Juden und Christen beigetragen haben.
Der Preisträger des Seelisberg-Preises 2026, Rabbiner Dr. David Meyer (links), wurde 1967 in Paris geboren und besitzt die französische, israelische und kanadische Staatsbürgerschaft. Er absolvierte sein Studium in Frankreich, wo er zunächst einen Abschluss in Angewandter Mathematik erwarb, gefolgt von einem Master-Abschluss an der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS). Anschließend absolvierte er eine Rabbinerausbildung am Leo Baeck College in London, wo er 1997 zum Rabbiner ordiniert wurde. Er promovierte in Religionswissenschaft an der Katholieke Universiteit Leuven (KUL) in Belgien.
Von 1997 bis 2006 war er als Gemeinderrabbiner in Belgien (Brüssel) und im Vereinigten Königreich (Brighton) tätig. Anschließend verlagerte er den Schwerpunkt seiner rabbinischen Tätigkeit auf den akademischen Bereich und spezialisierte sich auf klassische und zeitgenössische rabbinische Literatur mit besonderem Schwerpunkt auf dem jüdisch-christlichen Dialog.
Seit 2010 ist er Professor am Kardinal-Bea-Zentrum für Judaistik an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, wo er klassische rabbinische Literatur und zeitgenössisches jüdisches Denken lehrt. Diese Position hat ihn in den Mittelpunkt eines kontinuierlichen Austauschs zwischen Judentum und Christentum gerückt und es ihm ermöglicht, sein Verständnis für christliches Denken und Glauben durch akademisches Engagement zu vertiefen und zu verfeinern. Seine Arbeit in diesem Zusammenhang konzentriert sich insbesondere auf die Frage der theologischen Übersetzbarkeit zwischen religiösen Traditionen, d. h. auf die Bedingungen, unter denen Konzepte, Interpretationspraktiken und Diskursformen über konfessionelle Grenzen hinweg verständlich gemacht werden können, ohne dass sie dabei reduziert oder neutralisiert zu werden.
Neben diesem Hauptschwerpunkt hat er sich auch im jüdisch-muslimischen Dialog und Trialog engagiert. Dieser Aspekt seiner Arbeit spiegelt sich in einer Reihe von Veröffentlichungen wider. In diesem Zusammenhang hat er sich mit Fragen der religiösen Gewalt auseinandergesetzt, indem er christliche und muslimische Stimmen vergleichend betrachtet hat, um einen Rahmen zu schaffen, in dem die Auslegung der heiligen Schriften und die Hermeneutik zu einem Ort kritischer und dialogischer Reflexion statt des Konflikts werden können.
Seine Veröffentlichungen erstrecken sich über mehrere Sprachen und intellektuelle Kontexte und spiegeln sowohl die Bandbreite seines wissenschaftlichen Engagements als auch sein beständiges Bekenntnis zum interreligiösen Dialog wider. Eine Reihe seiner Werke wurde ursprünglich auf Französisch verfasst, darunter Les versets douloureux (2008), Dix questions sur la violence monothéiste (2017) und Le judaïsme à l’épreuve de la violence (2025), die sich alle mit der komplexen Beziehung zwischen Schriftinterpretation und religiöser Gewalt befassen. Einige dieser Werke wurden später ins Englische übersetzt, insbesondere *Painful Verses: Bible, Gospel and Quran Between Conflict and Dialogue* (2014). Daneben hat er auch direkt auf Englisch veröffentlicht, darunter God, Checkmate! (2024), das eine methodologische Reflexion über die midraschische Hermeneutik als theologisches Medium bietet. Durch Übersetzungen in andere Sprachen hat sein Werk ein breiteres internationales Publikum erreicht, wie beispielsweise A vida fora da lei (São Paulo), das eine talmudische und ethische Reflexion über den Vorrang der Rettung menschlichen Lebens bietet. Rabbi Meyer hat zudem Beiträge zu wissenschaftlichen Sammelbänden und Seminaren der Universidad del Pacifico in Lima (Peru) sowie im chinesischen akademischen Kontext verfasst.

