Eminenzen, Exzellenzen, verehrte religiöse Führungspersönlichkeiten, liebe Freunde!
Bevor ich beginne, möchte ich der Gemeinschaft Sant’Egidio, die uns hier zu Gast hat, meine Anerkennung aussprechen. Ich hatte das Privileg, an mehreren von der Gemeinschaft Sant’Egidio organisierten Tagungen teilzunehmen. Ihr Einsatz für den Frieden steht außer Zweifel, ebenso wie der bedeutende Beitrag, den die Gemeinschaft durch einen fruchtbaren Dialog und direkte Begegnungen zwischen den Führungspersönlichkeiten der verschiedenen Glaubensgemeinschaften zum gegenseitigen Kennenlernen und Verstehen der Religionen leistet.
Diese wichtige Tagung bringt den Wunsch zum Ausdruck, den wir alle teilen: durch den Dialog eine bessere und menschlichere Welt zum Wohl der gesamten Menschheit aufzubauen. Wir sind hier zusammengekommen und gehören unterschiedlichen Religionen an, mit verschiedenen Sprachen, Geschichten und heiligen Traditionen. Und doch verbindet uns eine tiefgreifende Frage:
Kann das Gebet die Welt schützen?
Können die Worte, die wir in einer Zeit voller Leid, Spaltungen und Gewalt an den Himmel richten, hier auf Erden etwas bewirken? Ist das Gebet vielleicht nur eine Bitte an Gott, die Wirklichkeit zu verändern? Oder ist es der Weg, auf dem sich der Mensch selbst verändert – und durch diese Veränderung schließlich die ganze Welt verwandelt werden kann?
Die jüdische Antwort ist vielschichtiger.
Das Gebet ist keine Magie. Das Gebet ist Verbindung.
Es ist der Augenblick, in dem der Mensch in seinem geschäftigen Treiben innehält, den Blick erhebt und sich daran erinnert, dass es in der Welt etwas gibt, das größer ist als seine unmittelbaren Interessen. Und in diesem Augenblick kann sich im Inneren des Menschen etwas verändern.
Ich glaube, dass das Gebet eines der größten Geschenke und einer der größten Segnungen ist, die der Menschheit zuteilgeworden sind. Es ermöglicht jedem Menschen, eine unmittelbare Verbindung zum Schöpfer aufzunehmen, ohne Vermittler – sowohl in der Einsamkeit als auch innerhalb einer Gemeinschaft. Das Gebet ist nicht den Mächtigen, den Gelehrten oder den Privilegierten vorbehalten. Es steht jedem menschlichen Herzen offen.
Im Judentum begleitet das Gebet den gesamten Rhythmus des Lebens. Es gibt feste Gebete dreimal am Tag: am Morgen, am Nachmittag und am Abend. Es gibt besondere Gebete für Feste und heilige Gedenktage, Lob- und Dankgebete, Bittgebete für persönliche und gemeinschaftliche Anliegen sowie Gebete, in denen um Vergebung und Sühne gebeten wird. Neben diesen überlieferten Formen kann sich jeder Mensch auch mit eigenen Worten an Gott wenden – in Augenblicken der Freude, der Angst, der Dankbarkeit oder des Schmerzes.Diese Vielfalt lehrt uns etwas Wesentliches. Das Gebet ist nicht auf eine bestimmte Stunde, ein Gebäude oder einen besonderen Anlass beschränkt. Es kann prägen, wie wir den Morgen begrüßen, wie wir auf Leid reagieren und wie wir unsere Mitmenschen betrachten.
Jeder Mensch lebt innerhalb immer größer werdender konzentrischer Kreise: das eigene Ich, die Familie, die Freunde, die Gemeinschaft, die Stadt, die Nation und schließlich die ganze Welt. Was im Inneren eines Menschen entsteht, muss nicht auf ihn selbst beschränkt bleiben. Wer Aufrichtigkeit, Mitgefühl und moralischen Mut pflegt, kann die Menschen in seiner Umgebung beeinflussen. Sein Beispiel kann sich von einem Kreis zum nächsten ausbreiten.
Manchmal fragen wir uns: „Wer bin ich schon? Ich bin nur ein einzelner Mensch in einer unermesslich großen Welt. Was können mein Gebet oder mein Verhalten schon verändern?“
Die jüdische mystische Tradition beschreibt den Menschen als einen Mikrokosmos, als eine Welt im Kleinen. Das Leben eines einzelnen Menschen ist nicht bedeutungslos.
Denken wir an Mahatma Gandhi: Durch seine moralische Überzeugung und seinen gewaltlosen Widerstand trug ein einzelner Mensch dazu bei, eine Bewegung anzustoßen, die eine ganze Nation veränderte.
Vielleicht werden wir niemals eine Nation führen. Aber jeder von uns kann in der Welt, die ihm anvertraut ist, ein Vorbild sein.
Ich möchte Ihnen dazu eine bekannte Geschichte erzählen. Ein Wissenschaftler versuchte, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Doch sein kleiner Sohn störte ihn immer wieder, weil er Aufmerksamkeit wollte. Um ihn möglichst lange zu beschäftigen, nahm der Wissenschaftler eine Seite aus einer Zeitschrift, auf der eine Weltkarte abgebildet war. Er zerriss sie in viele kleine Stücke, gab sie dem Jungen und sagte: „Hier hast du ein Puzzle der Erde. Versuch, es wieder zusammenzusetzen. Wenn du fertig bist, nehme ich mir Zeit, um mit dir zu spielen.“ Der Wissenschaftler war überzeugt, dass sein Sohn dafür viele Stunden brauchen würde, denn der Junge kannte sich mit Landkarten überhaupt nicht aus. Doch schon nach wenigen Minuten kam das Kind mit der vollständig zusammengesetzten Weltkarte zurück. Erstaunt fragte der Vater: „Wie hast du das so schnell geschafft?“ Der Junge antwortete: „Papa, ich wusste nicht, wie die Welt aussieht. Aber als ich die Teile umdrehte, sah ich, dass auf der Rückseite das Bild eines Menschen war. Als ich das Bild des Menschen wieder zusammengesetzt hatte, war auch die Welt wieder in Ordnung.“
Hier zeigt sich eine bemerkenswerte Besonderheit des jüdischen Gebets: Sehr oft beten wir in der Mehrzahl. Wir sagen: „Heile uns“, nicht nur „Heile mich“.
„Vergib uns“, nicht nur „Vergib mir“.
„Segne uns.“
„Höre unsere Stimme.“
Selbst wenn ein Jude allein betet, stellen ihn die Worte seines Gebets in eine Gemeinschaft menschlicher Bedürfnisse.
Das Gebet führt uns vom „Ich“ zum „Wir“.
Das ist nicht nur eine grammatikalische Frage, sondern eine geistliche Übung. Mein Wohlergehen kann nicht vollständig von deinem getrennt werden. Das Leid eines anderen Menschen darf mir nicht gleichgültig sein. Und ein Friede, der nur für meine eigene Gruppe gilt, ist noch nicht der Friede, nach dem sich die Welt sehnt.
Das Buch Genesis erzählt uns, dass der Mensch in den Garten Eden gesetzt wurde, damit er ihn bearbeite, bewahre und beschütze. Die jüdische Tradition versteht dies als einen Aufruf zur Verantwortung. Die Welt gehört uns nicht, damit wir sie grenzenlos ausbeuten. Sie wurde uns anvertraut, damit wir für sie Sorge tragen.
Wenn wir für die Welt beten, sollten wir zugleich eine Frage an uns selbst hören: Was tue ich, um sie zu schützen?
Unsere Weisen lehren, dass derjenige, der ein einziges Leben rettet, gleichsam eine ganze Welt gerettet hat. Das eröffnet uns einen konkreten Weg, mit Problemen umzugehen, die gewaltig und nahezu unüberwindbar erscheinen.
Vielleicht können wir nicht jede Wunde heilen und nicht jeden Konflikt beenden. Aber wir können einem verängstigten Kind helfen, eine trauernde Familie trösten, einem hungrigen Menschen zu essen geben oder eine Brücke über einen tiefen Graben bauen. Für diesen einen Menschen kann unsere Tat die ganze Welt verändern.
Es gibt eine einfache Geschichte: Ein Kind geht nach einem Sturm am Strand entlang. Tausende Seesterne sind auf den Sand gespült worden. Mit dem Aufgehen der Sonne trocknen sie aus und sind dem sicheren Tod ausgeliefert. Das Kind beginnt, einen Seestern nach dem anderen aufzuheben und ins Meer zurückzuwerfen. Ein älterer Mann fragt: „Was glaubst du denn, damit bewirken zu können? Es sind doch Tausende!“ Das Kind hebt einen weiteren Seestern auf und wirft ihn zurück ins schützende Meer. Dann lächelt es den Mann an und antwortet: „Für diesen einen Seestern macht es einen gewaltigen Unterschied.“
Das Gebet darf nicht zu einer Entschuldigung dafür werden, am Ufer stehen zu bleiben. Es muss uns vielmehr den Mut geben, uns zu bücken und zu handeln. Ein Gebet ohne Taten läuft Gefahr, nichts weiter als eine Ansammlung von Worten zu bleiben. Ein Handeln ohne mitfühlendes Herz kann seine Richtung verlieren. Gemeinsam aber können Gebet und Verantwortung zu einer heilenden Kraft werden.
Das Gebet kann auch etwas Zerbrechliches in unserem Inneren schützen: unsere Fähigkeit, die Menschlichkeit jener Menschen anzuerkennen, die anders denken als wir.
In einer von Konflikten geprägten Welt ist es leicht, vom „anderen“ so zu sprechen, als wäre er nur ein Feind, ein Etikett oder eine Bedrohung. Und doch ist der andere ein Mensch – mit seinen Ängsten, seinen Hoffnungen, seinen Bindungen und seiner Würde.
Unsere Weisen erinnern uns daran, dass Gott das Herz sucht. Ein Herz, das durch das Gebet verwandelt wurde, wird weniger zum Hass neigen und eher bereit sein zuzuhören.
Im Buch Exodus sagt Gott: „Sie sollen mir ein Heiligtum machen! Dann werde ich in ihrer Mitte wohnen.“ (Ex 25,8)
Die jüdischen Ausleger haben gerade diese Worte hervorgehoben: „in ihrer Mitte“. Die Heiligkeit soll nicht innerhalb der Mauern eines heiligen Gebäudes eingeschlossen bleiben. Sie muss im Herzen und im Leben der Menschen Wohnung nehmen. Ein wahres Haus des Gebets sendet uns wieder hinaus in die Welt und macht uns aufmerksamer für ihre Bedürfnisse.
Hier, bei dieser bedeutenden interreligiösen Begegnung, müssen wir nicht so tun, als wären unsere Traditionen identisch. Das sind sie nicht. Jede hat ihre eigene heilige Sprache, ihre eigenen Lehren und ihre eigenen Verpflichtungen. Ein echter Dialog verlangt nicht von uns, unsere Überzeugungen aufzugeben. Er fordert uns vielmehr dazu auf, die tiefsten moralischen Kräfte unseres Glaubens in den Dienst einer respektvollen Begegnung mit anderen zu stellen.
Aus der Perspektive der jüdischen Tradition möchte ich folgende Überzeugung zum Ausdruck bringen:
Wir ehren das Gebet am vollkommensten, wenn es unser Verantwortungsbewusstsein stärkt.
Das Gebet um Heilung sollte uns aufmerksam machen für die Kranken.
Das Gebet um Barmherzigkeit sollte uns barmherzig machen.
Das Gebet um Frieden sollte uns zu Friedensstiftern machen.
Das ist eine Herausforderung, die Menschen verschiedener Religionen anerkennen können – jeder in der Sprache seiner eigenen Tradition.
Der jüdische Text Pirkei Avot, die „Sprüche der Väter“, lehrt: „Wo es keine Menschen gibt, bemühe dich, ein Mensch zu sein.“
Vielleicht liegt die wahre Bewährungsprobe unseres Gebets nicht allein in dem, was wir sagen, wenn wir unsere Augen zum Himmel erheben.
Sie liegt vielmehr darin, zu welchen Menschen wir werden, wenn wir unseren Blick wieder senken und den Menschen neben uns ansehen.
Beten wir also aufrichtig und handeln wir mutig.
Schützen wir die Würde jedes einzelnen Menschen, eines nach dem anderen.
Tragen wir den Geist unserer Gebete über die Mauern der Synagoge, der Kirche, der Moschee und jedes anderen Gotteshauses hinaus – in unsere Gemeinschaften und in die Welt, die wir miteinander teilen.
Kann das Gebet die Welt schützen?
Wir hoffen und beten, dass sich die Welt durch unsere Gebete verändern kann: wenn sie unsere Herzen für den Schöpfer öffnen, uns miteinander verbinden und uns dazu anregen, Menschen zu werden, die für die Welt Sorge tragen.
Vielen Dank.

