Bei blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein erinnerten 5.000 Menschen auf dem unteren Platz der Basilika des hl. Franziskus an den historischen Friedensgebetstag, zu dem der hl. Johannes Paul II. am 27. Oktober 1986 Vertreter von Kirchen und Religionen aus aller Welt nach Assisi eingeladen hatte. Auch an diesem Dienstag versammelten sich in dem mittelitalienischen Städtchen erneut Männer und Frauen verschiedener Religionen, Kulturen und Länder Seite an Seite, um zu beten, sich auszutauschen und ein Ende der Kriege zu fordern. Unter den Teilnehmenden waren Christen, Muslime, Juden, Hindus, Buddhisten, Shintoisten, Taoisten und Zoroastrier.
„Frieden ist möglich, es geht um die Menschenwürde“
Der Dienstag war der letzte der insgesamt drei Tage der Begegnung. Er begann mit räumlich getrennten Friedensgebeten der verschiedenen Religionen. Die Christen versammelten sich in der unteren Basilika des hl. Franziskus. Hier bedauerte Kardinal Matteo Zuppi, Erzbischof von Bologna und Vorsitzender der italienischen Bischofskonferenz, in seiner Predigt eine „bedrohliche, unsichere, unvorhersehbare“ Welt, in der „Gewalt wieder in Mode kommt und sich sogar mit der Rechtfertigung der Gerechtigkeit schmücken will“. Doch der Friede sei keine Illusion für Naive oder Idealisten, auch kein „Betäubungsmittel zum Vergessen, kein geschützter Raum, in dem wir uns abschotten können“, sondern die notwendige Kraft, um dem Bösen entgegenzutreten und es zu besiegen. Zuppi wörtlich: „Frieden ist möglich; es geht um die Menschenwürde, zu lernen, ohne Hass und ohne Töten zu leben.“
Bartholomäus I.: „Unsere Hände und unsere Herzen entwaffnen“
Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus I., nannte die Initiative Johannes Pauls II. zum Gebetstag von 1986 eine Geste, die damals „in den Augen der internationalen Politik als gewagt und verrückt“ galt. Dieses Treffen, so das Ehrenoberhaupt der orthodoxen Christen in aller Welt, sei jedoch „eine entwaffnende Geste“ gewesen. Vierzig Jahre später habe sich die Welt tiefgreifend verändert, und der Albtraum des Krieges greife überall wieder um sich. Da sollten sich auch die Christen kritisch fragen: „Woran haben wir uns gewöhnt, dass wir all das akzeptieren?“ Und warum werde die Welt trotz des Dialogs weiterhin von Kriegen, Ungerechtigkeiten und neuen Nationalismen heimgesucht? Deshalb, so erklärte Bartholomäus, müsse man sich auf die tiefere Bedeutung des evangeliengemäßen Friedens besinnen, nämlich auf das Lamm, das das Böse besiegt, indem es das Böse auf sich nimmt. „Um die Hände des anderen zu entwaffnen, müssen wir zunächst bereit sein, unsere eigenen Hände zu entwaffnen“, erklärte der Patriarch.
Eindringlicher Friedensappell
Auf dem Vorplatz der Unterkirche fand am Dienstagabend eine gemeinsame Schlusskundgebung statt. Dabei ließ Marco Impagliazzo, Präsident der Gemeinschaft Sant’Egidio, den vor genau vierzig Jahren begonnenen Weg Revue passieren und erinnerte an die Worte, die der heilige Johannes Paul II. genau auf diesem Platz gesprochen hatte: „Der Frieden ist eine Baustelle, die allen offensteht.“ Die Erfahrungen der vier Jahrzehnte seither hätten gezeigt, dass „Freundschaft eine viel stärkere Kraft ist, als man glaubt“, und dass der Geist von Assisi vor allem „Dialog auch in Kriegszeiten, Freundschaft auch in Zeiten des Zusammenpralls der Zivilisationen“ sei.
Bei der Kundgebung trugen Menschen aus Kriegsgebieten kurze Gedanken über ihre Erfahrungen vor. Unter ihnen war Koko Kondo, eine Überlebende des Atombombenabwurfs auf Hiroshima. Sie war erst wenige Monate alt, als die Bombe die japanische Stadt verwüstete. Ihr Appell richtete sich vor allem an die jüngeren Generationen: „Wo wir Erwachsenen versagt haben, gebt bitte nicht auf. Baut ihr eine Welt auf, in der niemand mehr die Schrecken des Krieges erleben muss.“ Auch ein kambodschanischer buddhistischer Mönch, der bereits 1986 an dem Treffen teilgenommen hatte, trug eine Ansprache vor. Darin brachte er die Hoffnung zum Ausdruck, dass sich der Geist von Assisi weiter ausbreiten möge, „bis jede Form zerstörerischen Krieges endgültig ausgerottet ist“. Auch eine Video-Grußbotschaft von Leo XIV., der leider an einer Teilnahme gehindert war, wurde auf einer Großleinwand abgespielt. Darin sagte der Papst: „Es gibt keinen Heiligen Krieg – nur der Friede ist heilig!“
Nächstes Friedensgebet in Genua 2027
Eine junge Frau und mehrere Kinder trugen zum Schluss der Kundgebung von Assisi einen Friedensappell vor. Der Text prangert an, dass die Welt derzeit „unter einem Mangel an Dialog und Visionen leidet“, und fordert, „Waffen und Rüstungsausgaben in Wasser, Nahrung, Bildung und Arbeit umzuwandeln“. Danach wurde bekanntgegeben, dass Genua vom 26. bis 28. September 2027 Gastgeber des nächsten internationalen Gebetstreffens für den Frieden der Gemeinschaft Sant’Egidio sein wird. Die Nachricht wurde vom Erzbischof der ligurischen Hauptstadt, Marco Tasca, verkündet.

