Die Seelen der Gerechten aber sind in Gottes Hand
und keine Folter kann sie berühren.
In den Augen der Toren schienen sie gestorben,
ihr Heimgang galt als Unglück,
ihr Scheiden von uns als Vernichtung;
sie aber sind in Frieden.
In den Augen der Menschen wurden sie gestraft;
doch ihre Hoffnung ist voll Unsterblichkeit.
Weisheit 3
Der Ewige hat einen Gerechten zu sich gerufen: Varga Béla verstarb in Budapest im 95. Lebensjahr. Nach der Wende war er jüdisches Gründungsmitglied der Ungarischen Christlich-jüdischen Gesellschaft und weitum geschätzter Zeitzeuge über die Qualen und Grausamkeit der NS-Verfolgung. Neben vielen Auszeichnungen, denen er gewürdigt wurde, war er Ehrenmitglied des österreichischen Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit.
Stationen aus seiner bewegten Jugend sind in Büchern festgehalten. Die Dokumentationen bieten Einblick in die Verfolgung jüdischen Lebens in seiner Heimatstadt Szólnok und in sein Leben als jugendlicher Zwangsarbeiter in der NS-Zeit bei den Sauerer-Werken in Wien Simmering. Die Zeit in Wien hat er mit einem Tagebuch festgehalten, das nicht nur menschlich berührend ist, sondern auch Details von historischem Interesse enthält. Von jener Zeit zu erzählen, um heutige Generationen auf das „Nie Wieder“ eindrücklich einzuschwören, sah er als seine Lebensaufgabe an: in Ungarn, Österreich und als einer der Höhepunkte bei einem internationalen Treffen in Auschwitz der katholischen Gemeinschaft S. Egidio. Eindrucksvoll und bewegend waren auch seine Führungen für ausländische Gäste durch das jüdische Budapest.
2002 nahm Varga mit dem österreichischen Koordinierungsausschuss für christich-jüdische Zusammenarbeit Kontakt auf. Es wuchsen daraus Jahre des lockeren, aber regelmäßigen Austauschs, der Begegnungen im Donauraum: von Wien bis Arad. Varga drängte sich nicht nach vorne; war ein Vermittler von Kontakten und freute sich aus dem Hintergrund, wenn andere durch seine Initiative zusammengekommen waren und gemeinsame Vorhaben entwickelten.
Varga Béla war studierter Wirtschaftswissenschaftler und in der kommunistischen Zeit und danach bis zu seiner Pensionierung als Hoteldirektor tätig. Mit Varga Béla verlieren wir einen herzensguten gütigen Menschen – erstaunlich nach alldem, was er und seine Familie an Erniedrigung, Verfolgung und Tod durch den Faschismus erlebt hatten. Seine Lebensfreude war ansteckend und aufbauend. Möge die Erinnerung an ihn in uns diese positive Lebenshaltung weiter bewirken. Ein hebräisches Sprichwort sagt: „Sag nicht im Kummer, »er ist nicht mehr«. Sag in Dankbarkeit, »er war«.“

