Von Weihnukka zu Chrismukka. Jüdische Perspektiven auf Weihnachten

Weihnukka entstand aus der Assimilation an die deutsche bzw. österreichische oder auch ungarische Kultur. Chrismukka wurde eher durch interreligiöse Partnerschaften ein Fest aus Christmas und Chanukka.

Eine jüdische Anekdote zum Einstieg. Sie stammt vom Berliner Anwalt und Humoristen Sammy Gronemann (1875–1952), der sie noch in Tel Aviv erzählte: Ein kleines jüdisches Mädchen guckt aus dem Fenster, nimmt den Weihnachtsbaum in der Nachbarswohnung wahr und ruft erstaunt aus: „Mutti, die Christen haben auch einen Weihnachtsbaum!“[1] Diese wahre Begebenheit fand vor dem Jahr 1933 statt und drückt die Normalität aus, mit der bis dahin in vielen bürgerlichjüdischen Familien Weihnachten gefeiert wurde. Seit der Aufklärung schlugen viele assimilierte Jüd:innen einen Lebensweg ein, der weit von der religiösen Tradition ihrer Vorfahren abwich. Ein stark assimiliertes jüdisches Leben war teils nur mit einem Synagogenbesuch an den hohen jüdischen Feiertagen verbunden. Die Anekdote zum Einstieg verweist auf die Zeit vor dem Zivilisationsbruch der Shoah, in der Jüd:innen auf besondere Art Weihnachten feierten, der religiöse Inhalt des Festes wurde dabei gänzlich ausgeklammert. Spöttisch wurde die Übernahme von Elementen des Weihnachtsfestes an Chanukka als „Weihnukka“ bezeichnet. Darunter fällt besonders das Aufstellen des Weihnachtsbaumes, aber auch (Geld-) Geschenke für Kinder oder öffentliche Chanukkakonzerte.[2] Das aus dem deutschen Sprachraum beinahe verschwundene „Weihnukka“ hat in den USA als „Chrismukka“ sein Revival erfahren. Dort besteht „Weihnukka“ in amerikanisierter Form weiter, jedoch nicht wegen dem Selbstzwang zur Assimilation oder aus Emanzipationsgründen, sondern aufgrund einer ungebrochenen jüdischen Integrationsgeschichte und weil ein Ehepartner christlich und der andere jüdisch geprägt ist. Diese interreligiöse Familienkonstellation ist seit jeher in den USA häufiger als in Europa anzutreffen.[3]

Folgender Beitrag soll zunächst anhand der Fachliteratur und danach durch Interviewpartner: innen die Vielseitigkeit der jüdischen Wahrnehmung des christlichen Weihnachtsfestes aufzeigen. Er bietet einen Ein- und Überblick, wie sich Jüd:innen zum Weihnachtsfest einst und heute, im deutschen Sprachraum und darüber hinaus verhalten bzw. verhalten haben. Der jüdische Umgang mit dem Weihnachtsfest erfährt bis heute unterschiedliche Wandlungen. Dabei wird eine Zeitspanne der letzten drei Jahrhunderte betrachtet, um Brüche und Kontinuitäten in der Gegenwart deutschsprachiger Jüd:innen deutlicher erkennen zu lassen. Die Bedeutung von Weihnachten und jüdischem Lichterfest/Chanukka, die zur ähnlichen Zeit gefeiert werden, soll beleuchtet werden, um Ähnlichkeiten und Differenzen schärfer aufzuzeigen. Der liberale Reformrabbiner Lionel Blue (1930–2016) meinte dazu offenherzig-neckisch: „Zu Weihnachten haben es die Juden schwer, denn Weihnachten ist ein Fest, wie sie es gerne mögen: mit Religion, Einladungen, gutem Essen, Geschenken für die Kinder […] glücklicherweise haben die Juden ungefähr zur gleichen Zeit auch ein Fest, das Chanukka heißt, das Fest des Lichtes.“[4] Ein diverser jüdischer Umgang mit dem Weihnachtsfest reicht je nach religiöser bis säkularer jüdischer Positionierung von kategorischer Ablehnung bis zur schlichten Feststellung, dass man sich unter gewissen Bedingungen dem „Fest der Liebe“ gar nicht erst entziehen muss oder kann. Ein grundsätzliches jüdisches Tabu besteht darin, Weihnachten mit der christlichen Botschaft der Menschwerdung Gottes in der Krippe in Betlehem zu füllen. Jesus hat in der jüdischen Religion kaum bzw. keine Bedeutung. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, spricht sich dafür aus, Weihnachten und Chanukka als religiöse Feste nicht zu vermischen. Über die Weihnachtszeit sagt er: „Doch die schön geschmückten Schaufenster, die festlich erleuchteten Straßen und glitzernden Weihnachtsmärkte verbreiten eine schöne Stimmung, die ich ebenso genießen kann [sic] wie auch Muslime oder Menschen, die gar nicht religiös sind, sie genießen können.“[5]

Welche Faktoren eine unterschiedliche jüdische Wahrnehmung der Adventszeit begünstigen, soll der Beitrag skizzenhaft aufzeigen. Ein erster Schwerpunkt des Beitrags liegt dabei auf dem deutschen Sprachraum, ein zweiter Schwerpunkt auf den USA. Gegen Ende des Beitrags öffnet sich dieser auf zeitgenössische jüdische Stellungnahmen zu Weihnachten. Diese Berichte hat der Autor in Interviews eingeholt und für eine breite Leserschaft aufbereitet, um einen internationalen jüdischen Umgang mit dem Weihnachtsfest darzustellen. Angesichts der reichen Diversität kann aber auch diese aufgezeigte Vielfalt nur Stückwerk bleiben und keine Haltung oder Meinung absolut gesetzt werden. Zum Schluss wird noch gezeigt, wie ein Weihnachtsbaum in jüdischen Haushalten Londons interreligiöse Differenzen aufzuheben vermag, ohne dass dabei die eigenen jüdischen Traditionen verleugnet werden.

Chanukka ist kein jüdisches Weihnachten

Das jüdische Lichterfest und das christliche Weihnachtsfest sind zwei voneinander klar unterscheidbare religiöse Feste, die mit ihren je eigenen jüdischen bzw. christlichen Traditionen verbunden sind. So kann beispielsweise das Singen und Beten um den Adventskranz oder das Vorlesen der Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium (2,1-20) in einem christlich geprägten Haushalt angetroffen werden. Der Brauch des Weihnachtsbaums und des Schenkens ist aber zumindest in Wien historisch zuerst in einem jüdischen Hause verbürgt, worauf gleich noch eingegangen wird. Damit sei vorweggenommen, dass sowohl das Weihnachtsfest als auch das weit ältere Chanukkafest, das seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. gefeiert wird, immer wieder Wandlungen erfuhren, bis zum heutigen Tag. Wie wird Chanukka heute gefeiert?

Religiöse Feste lassen sich nicht selten durch typische Speisen identifizieren, die wiederum symbolisch aufgeladen sein können. Typisch jüdische Festtagsspeisen zu Chanukka sind Latkes (eine Art Kartoffelpuffer, auch mit Käse), Sufganjot, die in Österreich am ehesten mit Faschingskrapfen und in Deutschland und der Schweiz als Berliner bezeichnet werden, oder andere in Öl frittierte Süßspeisen. So werden gerne auch Blintzes gereicht, Palatschinken bzw. dünnere Pfannekuchen. Diese öligen Speisen erinnern wie das Anzünden der Chanukkia, eines speziell an Chanukka verwendeten Kerzenleuchters mit neun Armen, an die Geburtsgeschichte des Lichterfestes. Zu diesem gehört auch das Singen des Maoz Tzur (= eine mächtige Burg), das nach dem Lichteranzünden folgt, oder das Spiel mit dem Dreidel, einem Kreisel mit vier Seiten. Auf dem Dreidel (jiddisch für Kreisel) befindet sich auf jeder Seite ein hebräischer Buchstabe Nun, Gimel, He und Schin. Sie stehen für nes gadol haja scham („ein großes Wunder ereignete sich dort“). Der Buchstabe Schin wird in Israel durch Pe ersetzt („ein großes Wunder ereignete sich hier“).

Die Buchstaben des Dreidels und die aus Öl gebackenen koscheren Speisen erinnern an ein Wunder im Jerusalemer Tempel. Schriftlich ist dieses nicht in der hebräischen Bibel niedergelegt, sondern kann im Babylonischen Talmud nachgelesen werden. Chanukka (Einweihung) ist ein historisches und kein biblisches Fest. Es erinnert an die Wiedereinweihung des Jerusalemer Tempels im Jahr 164 v. Chr. Zuvor hatte der seleukidische König Antiochus IV. die religiösen Freiheiten der Israeliten eingeschränkt und den allerheiligsten Ort der Jüd:innen entweiht, indem er eine Zeusstatue und einen Schweineopferaltar auf dem Tempelberg errichtet haben soll, die Beschneidung verbot sowie den Schabbat und die anderen jüdischen Festtage abschaffte. Wenn in einer multikulturellen und -religiösen Gesellschaft die gegenseitige Empathie für die je andere Tradition abhandenkommt oder deren Relevanz abgesprochen, ja gar verboten wird, dann ist der Schritt hin zu gewaltvollen Eskalationen vorprogrammiert.

Es sind die Makkabäer, eine Priesterfamilie, die mit der unter hohen Steuern leidenden Landbevölkerung dem hellenistisch-seleukidischen Treiben ein Ende setzten und den Tempel wiedereinweihten. Die Gräuel des Antiochus IV. brannten sich in das kollektive Gedächtnis des jüdischen Volkes ein, ebenso die besonderen Umstände des erfolgreichen Aufstandes gegen ihn. „Judas fasste mit seinen Brüdern und mit der ganzen Gemeinde Israels den Beschluss, Jahr für Jahr zur selben Zeit mit festlichem Jubel die Tage der Altarweihe zu begehen, und zwar acht Tage lang, vom fünfundzwanzigsten Kislew an“ (1 Makk 4,59). Nicht in den Makkabäerbüchern (die nicht Teil der Hebräischen Bibel sind), sondern im Babylonischen Talmud findet sich nun aber die Erklärung des Ölwunders, das Chanukka als ein Fest des Lichtes seinen Namen gab:

„Was bedeutet das Hanukafest? – Die Rabbanan lehrten: Am fünfundzwanzigsten Kislev beginnen die Tage des Hanukafestes; es sind ihrer acht, an denen man keine Trauerfeier abhalten noch fasten darf. Als nämlich die Griechen in den Tempel eindrangen, verunreinigten sie alle Öle, die im Tempel waren. Nachdem die Herrscher des Hauses der Hasmonäer sich ihrer [der Seleukiden] bemächtigt und sie besiegt hatten, suchte man und fand nur ein einziges mit dem Siegel des Hochpriesters versehenes Krüglein mit Öl, das nur so viel enthielt, um einen Tag zu brennen. Aber es geschah ein Wunder und man brannte davon acht Tage. Im folgenden Jahre bestimmte man, diese Tage mit Lob- und Dankliedern als Festtage zu feiern.“[6]

Hieraus erklärt sich nun, warum Chanukka ein Lichterfest ist, und auch die Bedeutung der typisch jüdischen Speisen, die mit reichlich Öl in Verbindung stehen. Sie erinnern an das Ölwunder und die Wiedereinweihung des Jerusalemer Tempels.

Wenn Christ:innen eine Sensibilität gegenüber Jüd:innen beanspruchen, dann ist es wichtig, dass sie Chanukka nicht als „jüdisches Weihnachten“ verstehen oder benennen! Was es mit „Weihnukka“ und „Chrismukka“ auf sich hat, ist eine etwas andere Geschichte, auf die später eingegangen wird. Die populären Feste von Weihnachten und Chanukka sind durch ihre Lichtsymbolik miteinander verbunden, die in unseren Breiten die dunkle und kalte Winterszeit erhellt. Wie schon angeklungen sind beides Feste, die von einem familiären Charakter geprägt sind. Die Lichtsymbolik der Feste wird religiös natürlich unterschiedlich gedeutet und die theologischen Differenzen bleiben bestehen. Für Christ:innen ist Jesus als das „Licht der Welt“ gekommen, um „in der Finsternis“ zu leuchten (vgl. Joh 1,5; 1,9; 8,12; 12,46). Hingegen stehen bei Chanukka der historische Faktor des Sieges über die seleukidische Fremdherrschaft und das Lichtwunder im Tempel als solches im Mittelpunkt. Man könnte sagen, die historische Bedeutung von Chanukka hat zugunsten des Ölwunders, das acht Tage anstelle eines Tages zu leuchten vermochte, einen heute stärker religiösen als historischen Charakter entfaltet. Zumindest weitgehend in Europa, denn ein Blick in den Nahen Osten zeigt, dass innerhalb der jüdischen Deutungen von Chanukka auch eine extrem national-religiöse Interpretation des Festes zu finden ist.

Cilly Kugelmann zitiert im Ausstellungskatalog „Weihnukka“ des Jüdischen Museum Berlin einen jüdischen Siedler aus Kiriat Arba (Hebron). Er interpretiert Chanukka als ein Fest, das an sich vor Unglauben und Säkularisierung innerhalb des Judentums warnt: „Mit Chanukka gedenken wir nicht nur der Niederlage der griechischen Fremdherrschaft, wir gedenken auch des Sieges der Makkabäer über die hellenisierten Juden. Wir stehen kurz vor einer großen Schlacht, in der es um die Identität der Juden geht.“[7] Deutlich wird hier gegen eine zu westliche oder liberale Interpretation von Chanukka innerhalb des Judentums angeschrieben und dies mit apokalyptischer Sprache versehen. Für Jüd:innen, die eine andere religiöse, zionistische oder säkulare Auffassung des Chanukkafestes teilen, scheint die genannte radikale Deutung des Festes wie eine wachsende Mauer innerhalb des Judentums zu sein – die einen Verlust von gegenseitiger innerjüdischer Empathie hervorruft. Extremistische Positionierungen stellen die israelische Gesellschaft auf eine harte Probe. Radikale Einstellungen torpedieren den Staat Israel und gefährden damit das politische Selbstverständnis als sowohl jüdischer wie auch demokratischer Staat.

Zurück in unsere Breiten, in denen Weihnachten und Chanukka mit Blick auf den Kalender in die Nähe der Wintersonnenwende rücken, in jener Zeit zwischen dem 21. und dem 22. Dezember, nach dem die Tage wieder länger und die Nächte sogleich wieder kürzer werden. Chanukka wird acht Tage lang gefeiert und beginnt immer am 25. Tag des hebräischen Monats Kislev (November oder Dezember). Damit fallen das jüdische Lichterfest und die Advents- und Weihnachtszeit meist zusammen und weisen ähnliche Muster auf. Besonders sticht die Lichtsymbolik hervor, die in jeder Tradition dafür steht, das Böse und die Finsternis durch das Gute zu durchbrechen. Es ist sicherlich der fröhliche und familiäre Charakter, der beide Feste gleichsam prägt. Die Geschenke, ein festliches Essen und die Tradition gemeinsamen Singens kennzeichnen beide Feste, unabhängig davon, wie religiös, traditionell oder säkular die Feiernden sind. Die Rabbanan gebieten im Talmud Chanukka als ein Freudenfest zu feiern. Ist es ein solches auch in Kiriat Arba (Hebron)?

Der Weihnachtsbaum als Objekt der Geheimpolizei

Der Blick auf die jüdische Wahrnehmung von Weihnachten beginnt im 19. Jahrhundert in der Reichs- und Residenzstadt Wien. Ein duftender Baum mit süßem Behang und leuchtenden Kerzen, warum sollte ein solcher nicht zu Weihnachten aufgestellt werden? So oder so ähnlich dachte es sich die berühmte jüdische Salonnière Fanny von Arnstein (1758–1818), die in ihrem Wiener literarischen Salon einen Christbaum aufgestellt hatte. In ihrem jüdischen Hause wurde er zum schillernden Mittelpunkt des Wiener Kongresses und zugleich zum Objekt für die Metternich’sche Geheimpolizei. Diese notierte:

„Bei Arnsteins war vorgestern nach Berliner Sitte ein sehr zahlreiches Weihnachtsbaum- oder Christbaumfest. Es waren dort Staatskanzler Hardenberg, die Staatsräte Jordan und Hoffmann, Fürst Radziwill, Herr Bartholdy, alle getauften und beschnittenen Anverwandten des Hauses. Alle gebetenen, eingeladenen Personen erhielten Geschenke oder Souvenirs vom Christbaum. Es wurden nach Berliner Sitte komische Lieder gesungen. Frau von Münch sang Lieder vom Kasperle. Es wurde durch alle Zimmer ein Umgang gehalten mit den zugeteilten, vom Weihnachtsbaum angenommenen Gegenständen. Fürst Hardenberg amüsierte sich unendlich.“[8]

Die Salonnière von Arnstein erhielt sowohl vom jüdischen als auch vom christlichen Bürgertum und den preussischen Diplomaten sichtbar Lob und Bewunderung für ihr verspieltes Salonfest. Der Bericht der Geheimpolizei datiert den ersten historisch nachweisbaren Weihnachtsbaum in Wien. Die Jüdin Fanny von Arnstein brachte diese Idee aus ihrer Heimatstadt Berlin mit. Die Tradition eines Weihnachtsbaumes reicht christlicherseits wohl nicht vor das 16. Jahrhundert zurück und stammt wahrscheinlich aus dem Elsass. Auf einem Kupferstich von Lucas Cranach dem Älteren aus dem Jahre 1509 findet sich ein mit Stern und Lichtern geschmückter Tannenbaum. Die Idee, einen Baum zu Weihnachten aufzustellen, scheint mit dem liturgischen Gedenktag (katholisch und evangelisch) der biblischen Stammeltern aller Menschen, Adam und Eva, zusammenzuhängen. Die Stammeltern werden am 24. Dezember gefeiert, also einen Tag vor dem Fest der Geburt Christi am 25. Dezember. Jesus ist bei Paulus typologisch der neue Adam (vgl. Röm 5,14).[9] In den mittelalterlichen Paradiesspielen (neben den bekannten Hirten- und Krippenspielen) war ein „Baum der Versuchung“ nötig, der mit Jesu Geburt zum „Baum des Lebens“ wurde. Hier bot sich im Winter der Tannenbaum an, da dieser bekanntlich immer grünt.[10] Der im Mittelalter als „Baum des Lebens“ aufgestellte und mit Früchten behangene Tannenbaum wurde in Wien als eine „Berliner Sitte“ bezeichnet. Diese Bezeichnungen sind heute weitgehend unbekannt. Auch das christliche Weihnachtsfest unterliegt einer Transformation, wie alleine schon die Zuschreibungen um den Tannenbaum zeigen. Politische Beachtung erhalten Weihnachtsbäume eher selten, da muss seine Ästhetik schon eher einer „Klobürste“ ähnlich sein oder dieser gar als „Spelacchio“ (in etwa „der Gerupfte“) bezeichnet werden, wie vor wenigen Jahren in Rom geschehen.[11] Dass heute in fast jedem österreichischen Haushalt ein Christbaum steht, ist zuerst einer „Berliner Sitte“ zu verdanken, die Fanny von Arnstein im Wien des Jahres 1814 eingeführt hatte.

„Soll‘s der Chanukkabaum heißen“ (Theodor Herzl)

Weihnukka ist ein säkularisiertes Fest. Es setzt sich aus den Wörtern Weihnachten und Chanukka zusammen. Es war die gesteigerte Akkulturation des deutschen und österreichischen jüdischen Bürgertums im 19. Jahrhundert, die dazu führte, dass sie Weihnachtsbräuche in säkularer Form übernahmen. Natürlich gab es damals auch jüdische Stimmen, die gegen eine solche Übernahme der christlich zugeschriebenen Tradition waren und despektierlich von „Weihnukka“ sprachen. Das Jüdische Volksblatt (Nr. 48 im Jahr 1859) kritisierte das Aufstellen von Weihnachtsbäumen und die Synode der Reformrabbiner beschloss 1871, das Chanukkafest stärker zu würdigen, da bereits sehr viele Jüd:innen Weihnachten feiern.[12] Monika Richarz (*1937) führt dies und viele weitere Details in einem sehr lesenswerten Artikel auf und schreibt darin:

„Der Weihnachtsbaum war ein häusliches Requisit des säkularen jüdischen Bürgertums, ein Symbol extremer Akkulturation. Er war besonders im gehobenen Bürgertum, […] in den besseren jüdischen Wohnvierteln der Großstädte, vor allem im Berliner Westen [verbreitet]. In der Habsburgermonarchie bürgerte sich der Weihnachtsbaum im Prager und Wiener Bürgertum wie selbstverständlich ein und schloß ein bewußtes Judentum dieser Familien keineswegs aus.“[13]

Weil ein Weihnachtsbaum in einem jüdischen Haus steht, werden die Bewohner: innen nicht automatisch Christ:innen. So zeigt es schon das Beispiel von Fanny von Arnstein in Wien. Auch im benachbarten Budapest wurde Weihnachten von vielen Jüd:innen als ein nationaler oder ziviler Feiertag begangen, ähnlich wie auch heute Menschen bewusst die religiös christlich-theologischen Traditionen von Weihnachten ausklammern oder auch gar nicht um sie wissen. Manche Jüd:innen hatten damals durchaus einen Weihnachtsbaum, andere nicht, manche tauschten darunter Geschenke aus, andere nicht. Es gab hier eine variierende Breite jüdischer Assimilation an die Kultur und Lebensweise der christlich geprägten Mehrheitsgesellschaft. In einer 2023 erschienenen Studie zum Budapester Judentum heißt es: „These Jews regarded a desacralized Christmas as being in the same secular category of attending a synagogue or church to demonstrate their Magyarness rather than their Christianess. […] [T]he Christmastree became a shibboleth for two different attitudes regarding the relationship between one’s Jewishness and one’s Hungariness.”[14]

Ob nun Weihnachten in den jüdischen Metropolen Wien, Berlin, Prag oder Budapest von Jüd:innen „gefeiert“ wurde, lag nicht an einem religiösen, sondern an einem kulturellen Zugehörigkeitsgefühl. Sie waren deutsche oder österreichische Jüd:innen, die sich mit ihrer jeweiligen Heimat identifizierten. Nationale und kulturelle Zugehörigkeiten zeichneten diese Jüd:innen aus. Das Weihnachtsfest gehört damit auch ihnen. Auch der Begründer des politischen Zionismus, der in Pest geborene Theodor Herzl (1860–1904), war dem Weihnachtsfest nicht abgeneigt. Dazu muss folgende Episode erwähnt werden: Just am 24. Dezember 1895 erhielt Herzl vom Oberrabbiner Wiens, Max Güdemann, eine unerwartete Visite in seiner Wohnung in der Pelikanstrasse Nr. 16. im IX. Wiener Gemeindebezirk. Von beiden Seiten gibt es dazu Aufzeichnungen. Jene von Güdemann: „Ich wurde in ein großes Empfangszimmer eingelassen und fand dort – man stelle sich meine Überraschung vor – einen großen Christbaum! Bald trat Herzl ein […]. Die Unterhaltung – in Gegenwart des Christbaums – war schleppend, und ich empfahl mich bald.“[15]

Es zeigt sich hier eine recht unterschiedliche Einstellung, ob ein Christbaum in einem jüdischen Haus seinen Platz haben darf. Die Szene illustriert aber auch, dass es am Ende des 19. Jahrhunderts ganz normal war, dass sich religiöse und stark assimilierte Jüd:innen gegenseitig nicht voneinander abschotteten. Schon gar nicht Theodor Herzl, der für sein zionistisches Projekt vor allem bei Ostjüd:innen zahlreiche Unterstützer: innen fand. Wenn auch die Gegenwart des Christbaums den Rabbiner nicht erfreute, so öffnete ihm Herzl die Tür seiner Wohnung. Herzls Version des Besuches des Oberrabbiners lautet folgendermaßen: „Eben zündete ich meinen Kindern den Weihnachtsbaum an, als Güdemann kam. Er schien durch den christlichen Brauch verstimmt. Na, drücken lasse ich mich nicht! Na, meinetwegen soll‘s der Chanukkabaum heißen – oder die Sonnenwende des Winters?“[16] Der Vater des Zionismus öffnete dem Rabbiner die Tür und dieser entschwand zeitig wieder durch diese. Zurück bleiben zwei Meinungen. Für den einen erinnert der Baum an Christi Geburt, für den anderen ist er ein einladendes kulturelles Accessoire in seinem Zimmer, in dem er die Welt empfängt. Wenn auch das Verständnis für einen Weihnachtsbaum bei Herzl und Rabbiner Güdemann divergierte, so zeigten sie Anstand bei abweichender Meinung und nahmen eine respektvolle Haltung dem anderen gegenüber ein.

Jüd:innen drücken in der Übernahme von Elementen des Weihnachtsfestes ihre Zugehörigkeit zur Gesellschaft aus. Trotz der Assimilation des deutschen und österreichischen Judentums an die Kultur und Lebensweise der Mehrheitsgesellschaft führte der zunehmende Antisemitismus im 19. Jahrhundert, obwohl auch oft ignoriert, den Jüd:innen ihre zugeschriebene Außenseiterrolle deutlich vor Augen. So auch in Frankreich, wofür die Dreyfus-Affäre steht.

Hauptmann Alfred Dreyfus wurde zu Unrecht und aus antisemitischer Motivation wegen Landesverrats durch ein Militärgericht verurteilt. Ein Justizskandal, der 1894 ganz Frankreich erschütterte und den massiven Antisemitismus in Frankreich zu Tage brachte. Theodor Herzl verfolgte den Prozess als Auslandskorrespondent der „Neuen Freien Presse“ in Paris mit. Der Justizskandal, aber noch viel mehr der Antisemitismus von Karl Lueger ließen Herzl massiv an der Möglichkeit der Assimilation der Jüd:innen zweifeln.[17] Lueger wurde im Mai 1895 zum Bürgermeister von Wien gewählt. Von ihm stammt der Satz: „Wer ein Jude ist, bestimme ich.“[18] Die politische Situation bestärkte Herzl in der Umsetzung seines politischen Zionismus, den er mit seinem Buch „Der Judenstaat“ 1896 verfolgte.

Assimilation auf Kosten der jüdischen Identität – Absage an Weihnachten

Für viele Jüd:innen änderte sich mit der jüdischen Aufklärung (Haskala) die Einstellung zur traditionellen jüdischen Bildung und Erziehung. Die nicht-jüdische Kultur nahm immer mehr Raum ein. So trat im 19. Jahrhundert nach teils erfolgreichen Emanzipationsbestrebungen eine tiefgreifende Assimilation an die jeweilige Mehrheitskultur ein. Durch Urbanisierung und Verbürgerlichung erfolgte ein sozialer Aufstieg, oder anders formuliert eine „Transformation eines schlichten Juden in einen jüdischen Parvenue mit Weihnachtsbaum“.[19]

Die zum Ende des 19. Jahrhunderts und mit Beginn des 20. Jahrhunderts stärker werdenden antisemitischen Tendenzen stellen die Assimiliationsbestrebungen immer mehr in Frage und führen mit der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten zu einem unvorstellbaren Ende eines deutsch-jüdischen bzw. österreichisch- jüdischen Zusammenlebens.

Zunächst aber soll der Blick auf jüdische Zeugnisse des frühen 20. Jahrhunderts geleitet werden, die die Assimilation kritisch bewerten, weil diese vom traditionellen Judentum wegführte, obwohl meist an einem Rest jüdischer Identität festgehalten wurde. „Gerade an der Gestaltung und auch Ablehnung des Weihnachtsfestes läßt sich nicht nur die Heterogenität und der Grad jüdischer Emanzipation, sondern auch die innere Zerrissenheit weiter Teile der jüdischen Bevölkerung sowie die tiefe jüdische Identitätskrise des deutsch-österreichischen Judentums ablesen.“[20] So empfand es auch der spätere renommierte Erforscher der jüdischen Mystik Gershom Scholem (1897–1982). Er bezeichnet diesen Weg der Assimilation als ein „Durcheinander“ und wollte eine jüdische Identität gestärkt sehen, die ohne Weihnachten auskommt, da es ohnehin Chanukka gibt. Es sei kurz seine Erfahrung mit Weihnachten beschrieben und wie er dabei nach eigenen Worten auf „sonderbare Weise zu dem Bild Theodor Herzls“ kam:

„In unserer Familie wurde schon seit den Tagen der Großeltern, in denen dieses Durcheinander einsetzte, Weihnachten gefeiert, mit Hasen- und Gänsebraten, behangenem Weihnachtsbaum, den meine Mutter am Weihnachtsmarkt an der Petrikirche kaufte, und der großen ‚Bescherung‘ für Dienstboten, Verwandte und Freunde. Es wurde behauptet, dies sei ein deutsches Volksfest, das wir nicht als Juden, sondern als Deutsche mitfeiern. Eine Tante, die Klavier spielte, produzierte für die Köchin und das Zimmermädchen ‚Stille Nacht, heilige Nacht‘. Als Kind ging mir das natürlich ein, und 1911, als ich gerade begonnen hatte, Hebräisch zu lernen, nahm ich das letztemal daran teil. Unter dem Weihnachtsbaum stand das Herzl-Bild im schwarzen Rahmen. Meine Mutter sagte: ‚Weil Du Dich doch so für Zionismus interessierst, haben wir Dir das Bild ausgesucht.‘ Von da an ging ich Weihnachten aus dem Hause.“[21]

Gershom Scholems Erinnerungen an Weihnachten kulminieren in Unzufriedenheit über ein zu stark assimiliertes Judentum und hatten als persönliche Konsequenz eine Absage an das von der Familie assimiliert gefeierte Weihnachtsfest zur Folge. Mit dem „Durcheinander“ bezeichnet Scholem eine übertriebene Emanzipation, indem das Weihnachtsfest säkularisiert als „deutsches Volksfest“ vor den Kindern und christlichen Erwachsenen gerechtfertigt wurde. Dass er aber just zu Weihnachten ein Bildnis von Theodor Herzl bekam, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, denn dieser stellte ja selbst einen Christbaum auf. Das Herzl-Bild bekam auf viele Jahre hin in Scholems Zimmer in Berlin und München seinen Platz.[22]

München ist auch das Stichwort für Schalom Ben-Chorin. Er wurde dort 1913 als Fritz Rosenthal in eine alteingesessene assimiliert-jüdische Familie geboren. Bereits im Haus seines Großvaters wurde Weihnachten gefeiert, natürlich ohne den religiösen Sinn des Festes dahinter. Bevor Ben-Chorin überhaupt die jüdischen Traditionen einübte, lernte er zunächst, „an der Hand“[23] des christlichen Dienstmädchens, die katholische Frömmigkeit kennen. Zwei Dinge warfen Schalom Ben-Chorin in München auf sein Judentum zurück. Zuerst von außen der Hitlerputsch im Jahr 1923 und das familiäre Weihnachtsfest im Jahr 1928. Ben-Chorin liebte nach eigenen Worten das Weihnachtsfest, aber er ertrug mit 15 Jahren die Paradoxie nicht mehr, als jüdische Familie Weihnachten zu feiern, und zog die Konsequenzen. Er erklärte seiner Familie am Weihnachtsabend: „Ich mache diesen Klimbim nicht mehr mit.“[24] Daraufhin zog er von zuhause aus und stapfte bei Schnee und Eis zu einer orthodoxen jüdischen Familie, die ihn aufnahm. Vorerst fand er dort eine eindeutige Antwort auf den „Klimbim“ seiner Kindheit. Sie lag in einem orthodoxen Lebensstil. Mit der Einführung des sogenannten „Arierparagraphen“ im Jahr 1934 brach Ben-Chorin seine Studien in München ab und emigrierte 1935 nach Palästina.[25] „Der Weihnachtsbaum war nur ein Symbol, er leuchtete in der Nacht unserer Verwirrung, sein Licht war mild und schön, aber – für uns – ein Irrlicht. Im Schimmer seiner Kerzen fühlten wir uns geborgen, meinten wir, zugehörig zu sein, fraglos eingetan in unsere Umwelt. Noch ahnten wir nicht die tödliche Gefahr dieser Illusion […], die mit diesem Baum und diesem Fest im jüdischen Haus verbunden waren.“[26]

Das Weihnachtsfest wurde vor dem 2. Weltkrieg nicht nur von vielen Jüd:innen gefeiert, sondern führte ihnen, wie anhand von Gershom Scholem und Schalom Ben-Chorin berichtet, damals eine innere jüdische Zerrissenheit vor Augen. Als Konsequenz kehrten sie dem Weihnachtsfest und Deutschland noch rechtzeitig den Rücken zu und emigrierten nach Palästina. Das „Irrlicht“ erlosch.

Mit der Shoah endete überwiegend die Weihnukkatradition der meisten deutschen und österreichischen Jüd:innen

Natürlich gab es auch assimilierte Jüd:innen, die das Weihnachtsfest nicht feierten, wie in der Familie des in Wien aufgewachsenen israelischen Historikers Walter Grab (1919–2000). Weihnachten wurde nie gefeiert und eher befremdlich auf jene geblickt, die es taten. Es gab aber auch Jüd:innen wie Gad Röthler, der nach seiner Emigration schöne Erinnerungen an alte Weihnachtsbräuche behielt, diese sich aber nicht von einer Ambivalenz trennen ließen. Er schrieb:

„Womöglich hatte mich, bevor ich selbst das Lied vom ‚Kuckuck aus dem Walde‘ oder ‚Alle Vöglein sind schon da‘ zu singen vermochte, das Weihnachtslied ‚Oh du fröhliche‘ entzückt. Ich konnte es sogar auf meiner kleinen Papp-Ziehharmonika spielen. Warum sich aber nur die Christenheit freuen durfte, wollte mir damals absolut nicht einleuchten. Es war mir völlig unverständlich, welche Unterschiede hier bestehen könnten. […] Viele Jahre später haben mich dann die Worte aus eben diesem schönen alten Lied gerührt und erschüttert. ‚Welt ging verloren!‘ Die von uns geliebte Welt mit ihren Menschen, Städten und Dörfern, Bergen und Tälern – die unsere Heimat war – ging verloren.“[27]

Gad Gerhard Röthler (1920–1999) war Musikprofessor am Mozarteum in Salzburg. In Breslau geboren, emigrierte er 1939 nach Palästina. Seine Weihnachtserinnerungen lagen zwischen schönen besinnlichen Momenten, die ihn in eine unbeschwerte Zeit versetzten, sich aber gleichzeitig mit dem schmerzhaften Gefühl vermischten, dass, wie im Weihnachtslied angetönt, die „Heimat verloren ging“. Helga Embacher analysiert dies treffend: „Nach der Shoah konnten die schönen Erinnerungen an Weihnachten kaum mehr ausgekostet werden, denn diese verschmolzen unweigerlich mit den grauenvollen Bildern vom jähen Ende jüdischen Lebens in Deutschland und Österreich, von der Vernichtung dieser – ihrer Welt.“[28]

Für Cordelia Edvardson (1929–2012) aus München, spätere Schriftstellerin und Journalistin, bestand das erste Weihnachten nach Theresienstadt und Auschwitz in einem unauslöschlichen Gedenken, dem gleichwohl jegliche Feierstimmung fehlte. Sie wurde von einer schwedischen Familie aufgenommen und schrieb über ihr erstes Weihnachten nach dem Konzentrationslager: „[W]eder die Lieder noch der Tannen- und Hyazinthenduft oder der Schein der Kerzenflammen vermochten in sie einzudringen, ihr Dunkel und ihre Stummheit zu erhellen. Wie ein böses, schwarzes Bündel, wie häßlicher Klecks in dem lichten Carl- Larsson-Milieu, hockte das Mädchen in einer Ecke und verdarb und zerstörte die Weihnachtsstimmung der Familie. Nein, dachte ich haßerfüllt, so leicht geht das nicht, die ausgespielte Karte bleibt liegen, die Gebeine der Toten bleiben und rasseln im Wind, und das, was genommen worden ist, kann nicht wiedergegeben werden, nicht einmal in der Weihnachtsnacht.“[29]

Weihnachten im Exil

Den deutsch-österreichischen Emigrant:innen, die später nicht nach Palästina/ Israel emigrierten, blieben besonders in den USA gewisse Weihnachtsbräuche erhalten. Diese erhielten in den 2000er Jahren den Begriff Chrismukka. Wie aber oben Gad Röthler schildert, wurden in den ersten Jahren nach der Schoah die schönen Erinnerungen an das Weihnachtsfest mit einer traurigen oder melancholischen Stimmung überlagert, wofür exemplarisch das Zeugnis der Familie Nathorff steht. Hertha Nathorff leitete von 1923–1930 die Kinderklinik in Charlottenburg und emigrierte 1939 in die USA. In ihrem Tagebuch schreibt sie über das erste Weihnachten 1940 in New York:

„Weihnachten. Gestern Abend brachte uns eine deutschamerikanische Bekannte, eine der wenigen, die wir hier bis jetzt kennengelernt haben, einen Kranz mit Lichtern. So leuchtete uns doch wieder Licht nach all den dunklen, trüben Tagen. Wir saßen still und friedlich daheim, alle drei auf dem schmalen Bett, fest aneinandergeschmiegt, und wir versuchten, die alten Weihnachtslieder anzustimmen. Und die Gedanken wanderten weit, weit hinüber in die alte Heimat. […] Wir wollen nicht von drüben sprechen, wir wissen, es tut uns so weh, und heute ist Weihnachten. Feiertag. Wir gingen durch den Central Park.“[30]

Auch in den USA hielten die Nathorffs als assimilierte Jüd:innen durch einen Lichterkranz und durch Lieder an Weihnachten fest. Sie wollten sich Weihnachten nicht von den Nationalsozialisten nehmen lassen, aber eine Festtagsstimmung konnte nicht wirklich aufkommen.

Weihnachtserinnerungen eines deutschen Literaturwissenschaftlers und Schriftstellers

Das Grauen der Shoah lässt kein „wie damals“ mehr zu. Die nachfolgenden Generationen sehen sich mit der Realität konfrontiert, die für deutschsprachige und europäische Jüd:innen alle vorherigen Gewissheiten im Zusammenleben mit der christlich geprägten Mehrheitsgesellschaft zerstörten. Wie beurteilen und betrachten im 21. Jahrhundert jüdische Menschen das Weihnachtsfest? Dazu soll der Blick gleich in die Zentren jüdischen Lebens, den USA und nach Israel gerichtet werden, zuvor sei aber noch eine jüdische Stimme aus dem deutschsprachigen Raum wiedergegeben. Daniel Hoffmann (Jg. 1959) lässt durch das Beispiel seiner Eltern erahnen, dass unterschiedliche religiöse Traditionen, auch nach der Konversion seiner Mutter zum Judentum, in der Ehe seiner Eltern ausverhandelt werden mussten. Dieses Beispiel nimmt die Situation vorweg, wie es heute vielfach in den USA der Fall ist.

Daniel Hoffmann lehrt an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. In derselben Stadt aufgewachsen, lebt er heute in Köln. Sein Vater, Paul Hoffmann, war 25 Jahre lang Verwaltungs-Chef der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf. In dem Buch „Lebensspuren meines Vaters“ (Wallsteinverlag 2007) hat Daniel Hoffmann das Holocaustschicksal seines Vaters rekonstruiert. Wie Daniel Hoffmann das Weihnachtsfest als Kind eines jüdischen Vaters und einer Mutter, die evangelisch getauft war, nach ihrer Heirat jedoch zum Judentum konvertierte, wahrnahm und welche Relevanz es für ihn heute hat, sei hier wiedergegeben.

„In meiner Kindheit und Jugend sind wir zu den Weihnachtstagen immer von Düsseldorf nach Bielefeld (die Stadt meiner Geburt) gefahren, um mit den Eltern meiner Mutter und Johanne Peppmöller, die meinem Vater mit illegal zugeschickten Päckchen das Überleben in Monowitz ermöglicht hatte, die Festtage zu verbringen. Johanne Peppmöller war eine gläubige Protestantin, die Eltern meiner Mutter nur nominell evangelisch. Das Zusammensein an den Weihnachtstagen hatte keine religiösen Inhalte, sondern war von der Form her vom Brauchtum bestimmt: deutsche Weihnachten. Für uns Kinder waren der Tannenbaum, die Weihnachtslieder, die Geschenke und das Festessen wichtig. Die Weihnachtsgeschichte der Evangelien wurde weder verlesen noch spielte sie eine Rolle. Sie war uns Kindern auch nicht bekannt. Für uns war stattdessen der TV-Mehrteiler wichtig, den das „Deutsche Fernsehen“ jedes Jahr an den Weihnachtstagen ausstrahlte. Zur Weihnachtsstimmung gehörten die Sissi-Filme und/ oder die Verfilmung von Lederstrumpf (J. F. Cooper). Insofern hatte das gemeinsame Feiern eine starke kulturelle Prägung.

Von Mitte der 80er Jahre an hatten meine Eltern in ihrer neuen Wohnung während der Weihnachtstage ein Weihnachtsgesteck oder einen Adventskranz. Das geschah auf Wunsch meiner Mutter und hatte sentimentale Gründe. Die Verbundenheit mit der deutschen Weihnachtstradition sollte auf diese Weise aufrechterhalten werden. Nach ihrem Tode im Jahr 2000 haben mein Vater und ich in unserem Zusammenleben diesen Bezug jedoch vollständig aufgegeben. In meinem Leben hat das Weihnachtsfest seither auch kulturell keine Bedeutung mehr.“[31]

USA – der Beginn von Chrismukka

Die Zentren jüdischen Lebens befinden sich heute in Israel und in den USA. Deshalb schildern in diesem Artikel beispielhaft jüdische Menschen aus diesen Ländern ihren Blick auf Weihnachten im 21. Jahrhundert. Festgehalten sind jüdische Aussagen, an deren Beginn meist zufällige Begegnungen mit dem Autor standen. Diese kurzen Interviews erheben nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Untersuchung, eröffnen in ihrer Breite aber den Umgang bzw. die Bedeutung, die Jüd:innen dem Weihnachtsfest geben.

Was im 19. Jahrhundert in gutbürgerlich assimilierten jüdischen Familien in den deutschsprachigen Ländern als Weihnukka begann, wurde in den USA nach der Shoah teilweise weitergeführt und heute als Chrismukka (Christmas and Chanukka) begangen.

Von den heute 15 Millionen Jüd:innen weltweit leben nach Israel (6,8 Millionen) die meisten in den USA (6 Millionen).[32] In den von 2010 bis 2020 geschlossenen jüdischen Ehen war in 6 von 10 Ehen ein Partner nichtjüdisch. Die Tendenz ist steigend.[33] Diese Ehen werden als „intermarriage“ bezeichnet.

Durch die Serie „The O. C.“ (Teenager Drama Serie), die von 2003 bis 2007 äußerst erfolgreich ausgestrahlt wurde, etablierte sich der Begriff Chrismukka in der breiten Öffentlichkeit. Die Serie spielt in Kalifornien (O. C. steht für Orange County) und wurde von Josh Schwartz entworfen. Er lässt in der Serie den jüdischen Jungen Seth als Sechsjährigen das Fest Chrismukka erfinden. Dabei spielen persönliche Erfahrungen von Schwartz eine Rolle, wie er in einem Interview 2013 bekanntgab:

„[M]y experience as a Jewish kid from the East Coast coming to USC [University of South California] […] and being surrounded by all these kids from Newport Beach who were water-polo players, and these very blonde girls who only wanted to date them. I felt very much like an outsider. Even trying to talk about Hanukkah with some of them was like coming from an alien planet and talking about life there. The show is really about outsiders.“[34]

Die Figur Seth Cohen hat also einen Außenseiterstatus, weil er einen jüdischen Vater und eine protestantische Mutter hat. Doch mit seiner Erfindung von „Chrismukka“ wird der Außenseiterstatus inklusiv gefeiert und positiv hervorgehoben.[35] Hier nicht nur tiefgehender über Bezüge auf jüdisches Leben in Film und Fernsehen zu Weihnachten, sondern auch über populäre Weihnachtslieder von Jüd:innen zu schreiben, würde ein ganz neues Kapitel eröffnen. Es sei in Erinnerung gerufen, dass z. B. der Song „White Christmas“, ein Evergreen von Irving Berlin (1888–1989) aus dem Jahr 1941, nicht nur die Assimilationserfahrung jüdischer Einwanderer in den USA zum Ausdruck bringt, sondern neben seiner bis heute anhaltenden Popularität „auch zur moralischen Stärkung Amerikas während des Zweiten Weltkriegs [beitrug] und zur Säkularisierung der amerikanischen Weihnachtstraditionen in der Nachkriegszeit.“[36] Weitere Weihnachtslieder von Jüd:innen sind beispielsweise „Rudolph The Red Nosed Reindeer“ von Jonny Marks, „Let it Snow“ von Sammy Cahn, oder „The Little Drummer Boy“ von Katherine K. Davis und natürlich „Feliz Navidad“ von José Feliciano.[37] Wie der Journalist Hannes Stein schreibt, sind diese Lieder „… uramerikanisch. Und es ist gute jüdische Musik.“[38]

Drei junge jüdische Stimmen aus den USA

Vom jüdischen Konvertiten aus Seattle über den Sohn eines Israelis in Los Angeles hin zu einer rekonstruktionistischen Rabbinerin in New Jersey, sollen nun drei unterschiedliche Ansichten zu Weihnachten und Chanukka die Pluralität des US-amerikanischen Judentums unterstreichen, bevor der Blick nach Israel, die Schweiz und abschließend nach London gelenkt wird. Die erste stammt von Akiva Gray Adva York, (Jg. 2000), jüdischer Konvertit aus Seattle, der im Sommer 2023 in Tel Aviv Modernhebräisch lernt, um danach Rabbiner zu werden. Seine Gedanken zu Weihnachten und Chanukka zeichnen sich durch eine klare Wertung der beiden Feste wegen ihrer ökonomischen Aufladung aus.

„Before becoming Jewish, Christmas was an opportunity for my family to spend time together. We didn’t like how commercial and expensive it had become but we still bought gifts so that our extended family wouldn’t judge us. Now that I am Jewish and I’m married to a Jew, we have so much more flexibility. My family is still non-Jewish but they have been very understanding. Every year, my Mom and sister join my family and we all celebrate with Latkes and Donuts and light Hanukkah candles together. I still give other people Christmas gifts and mail Christmas cards, but there’s less pressure to spend money just to ‘prove’ that I care about my family. I like it a lot better.“[39]

Was Akiva hier besonders heraushebt, ist eine Abneigung gegenüber der Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes. Natürlich gibt es auch eine solche beim Feiern von Chanukka, aber da nur die Familie seines Ehemannes jüdisch ist, fehlt ihm der Druck etwas zu Weihnachten verschenken zu müssen. Die zweite junge Stimme stammt von Ben Gruen[40] (Jg. 2003). Sein Vater ist Israeli und seine Mutter wurde katholisch erzogen. Bevor er geboren wurde, konvertierte die Mutter zum Judentum.

„I did not celebrate Christmas until my stepmother came into my life, at which point we celebrated Christmas and Hanukkah. This experience was typical of American Christmas celebrations having a large pine tree with presents lying underneath it. The family would come together for a big meal on Christmas Eve, and the following morning, in pyjamas, we would open up presents going around in a circle until we finished opening them all.”[41]

Für Ben war die Erfahrung in einem jüdischen Zuhause mit dem jüdischen Festkreis aufzuwachsen die ursprünglichere Weise, eine religiöse Tradition kennen zu lernen. Erst durch seine Stiefmutter kam das Weihnachtsfest in säkularisierter Form in sein Zuhause.

An dritter Stelle kommt die junge US-Rabbinerin, die Chrismukka feiert, zu Wort: Rabbi Allyson Zacharoff (Long Island/NY). Rabbinerin Zacharoff aus Long Island leitet eine Gemeinde in New Jersey und wurde am Reconstructionist Rabbinical College zur Rabbinerin ausgebildet. Wie viele jüdische US-Amerikaner:innen stammt sie aus einer interreligiösen Familie. Die Mutter ist jüdisch und der Vater katholisch. Sie betreibt einen eigenen Blog mit dem Namen Of Christmas and Kreplach[42], darin führt sie beide religiösen Traditionen zusammen.

“Growing up as the Jewish child in an interfaith family, I have always been fortunate to celebrate many different holidays from both Judaism and Christianity – including Christmas. I love that even in the darkest time of the year here in North America, people use this holiday as a reason to find joy and to wish peace and blessings to one another; to celebrate and toast a happy occasion. It is a holiday I celebrate not as part of my own tradition but rather alongside my Christian family and friends, and yet it has been a part of my life from the very beginning and I am so happy to get to celebrate it still today. My experience in my interfaith family and interfaith community means that I get to celebrate many parts of different traditions, while also honoring the distinct pieces of them, learning from my loved ones about their practices and beliefs as well as sharing my own. It is a true gift to be in the type of respectful relationship where diversity is a given, helping us create a world ever closer to olam ha’bah, the world to come, when peace and harmony will reign.”[43]

Für Rabbinerin Zacharoff steht klar der soziale Charakter des Weihnachtsfests im Vordergrund. Wie auch Ben kennt sie die Erfahrung in einer interreligiösen Familie aufgewachsen zu sein und daraus einen Respekt gegenüber den anderen religiösen Traditionen gepflegt zu haben. Anders als das Reform- und Konservative Judentum, die ihre Wurzeln in Europa haben, gehört sie mit dem rekonstruktionistischen Judentum einer Bewegung an, die in den USA gegründet wurde. Ihre Haltung zum Weihnachtsfest entspricht auch den Grundsätzen des Gründers Mordechai Menahem Kaplan (1881–1983), nur jene religiösen Gebräuche zu pflegen, die das Leben bereichern und das jüdische Volk stärker aneinanderbinden.[44] Rabbinerin Zacharoff hat diese Haltung um die christliche Tradition erweitert und verbindet auf diese Weise viele ihrer nicht-jüdischen Familienmitglieder mit dem Judentum.

Israel – eine säkulare Sicht auf Weihnachten

Adi Marer (Jg. 1998) ist in Givat Schmuel, unweit von Tel Aviv aufgewachsen. Sie studiert an der Hebräischen Universität in Jerusalem im Master Religionswissenschaft. Sich selbst bezeichnet sie als säkulare jüdische Frau und Israelin. In einem Telefonat hat sie mir am 20. August 2023 ein Interview zum Thema Weihnachten und Chanukka gegeben. Chanukka zählt seit ihrer Kindheit zu ihrem Lieblingsfest, besonders das Spiel mit dem Dreidel steigerte sich von Schokoladeneinsätzen mit zunehmendem Alter hin zu kleinen Geldbeträgen. Es ist das Familienfest, die Festtagsspeisen, besonders Latkes, die sie an diesem Tag liebt. In ihrer Familie wurde nie ein Weihnachtsbaum aufgestellt, aber ihre Eltern haben ihr und ihren Geschwistern angeboten, zu Weihnachten nach Jaffo oder nach Haifa zu fahren, um einen Weihnachtsbaum zu sehen. Zwei Mal machten sie dies in ihrer Kindheit. Mittlerweile sind Weihnachtsbäume auch in israelischen Einkaufszentren keine Seltenheit mehr und die genannten populären Weihnachtslieder ertönen im Dezember im Radio. Was ihr an beiden Festen wichtig erscheint, ist die Bedeutung des Lichts und der Wärme. Selbst als sie ihren Militärdienst absolvierte wurde ein Weihnachtsbaum aufgestellt und Geschenke an die neuen Soldat:innen verteilt.[45]

Jerusalem: ein oft unliebsames Fest, aus messianisch-jüdischer Perspektive

Je weniger Weihnachten mit den christlichen Wurzeln verbunden ist, desto eher wird es von Jüd:innen in einer säkularisierten Form „gefeiert“, wie es die „Weihnukka“ und „Chrismukka“ Traditionen zeigen. Erstaunlich ist jedoch, dass es in der vielschichtigen messianisch-jüdischen Bewegung, die innerhalb der jüdischen Strömungen des gegenwärtigen Judentums mehrheitlich abgelehnt wird, eine unerwartete Distanz zum Weihnachtsfest gibt. So lehnen prominente Jerusalemer Gemeindeleiter wie auch ein Interviewpartner aus der Schweiz, die sich allesamt als messianische Juden bezeichnen, das Weihnachtsfest ab.[46] Dies ist insofern nicht erstaunlich, als sich im Neuen Testament kein Datum der Geburt Jesu finden lässt und sich diese Bewegung als „bibeltreu“ versteht. Das Chanukkafest, das sich nicht in der hebräischen Bibel findet, wird hingegen gefeiert. Erstaunlicherweise wird das Tempelweihfest im Johannesevangelium (10,22) erwähnt, oder zumindest übersetzt Luther in seiner Bibelübersetzung 1545 die Stelle dementsprechend. „Es ward aber Kirchweih in Jerusalem und Winter.“[47] Auch Franz Delitzsch übersetzt in seiner Übertragung des NT ins Hebräische die Stelle ebenso: Chag Chanukath. Der Schweizer Interviewpartner stammt ursprünglich aus den USA und heiratete eine Katholikin aus der Innerschweiz. Er feiert bewusst Chanukka und, weil es die Familie so will, auch Weihnachten. Die Begründung es nicht zu feiern, liegt neben der „bibeltreuen“ Interpretation, die kein Datum nennt, in der vermeintlichen Datierung des Festes. Kaiser Konstantin habe den Tag der Geburt Christi auf den römischen Tag der Wintersonnwende, den 25. Dezember gelegt, der dem Gott Sol invictus geweiht gewesen sei.[48] Es muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass die hier vertretene und weit verbreitete Hypothese einer Christianisierung des heidnischen Geburtsfestes Sol invicitus (lat. unbesiegter Sonnengott) vor dem Hintergrund aktueller Forschung nicht standhalten kann. Die metaphorische Deutung Christi als Sonne der Gerechtigkeit (Mal 3,20) oder als Licht (Joh 1,9; 8,12; Lk 1,78) erlauben den Vergleich zu paganen Vorstellungen der Sonnenverehrung. Da aber die Quellenlage für ein breit gefeiertes paganes Geburtsfest zu Ehren des Sol invictus in Rom, wo das Geburtsfest Christi zum ersten Mal im Jahr 354 n. Chr. erwähnt wird, völlig unzureichend ist, entbehrt die erwähnte religionswissenschaftliche Hypothese jeglichen Fundamentes. So lässt sich die Festlegung des Weihnachtsfestes viel mehr vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit dem Arianismus und dem Dogma des Konzils von Nizäa verstehen.[49]

Glaube und Flüchtlinge: Rabbiner Wittenberg und der Weihnachtsbaum

Am 27. Juni 2023 fand im Londoner JW3 (dem Jewish Community Centre) ein interreligiöses Gespräch über die Situation der ukrainischen Flüchtlinge in London statt. Beteiligt waren daran der Ukrainisch-Katholische Bischof Kenneth Nowakowski und Rabbiner Jonathan Wittenberg (Senior Rabbi, Masorti Judaism). Als die ersten ukrainischen Flüchtlinge in London ankamen, griff Rabbiner Wittenberg zum Telefon und rief Bischof Nowakowski an, ob seine Gemeinde ihn unterstützen kann. Unterkünfte wurden gebraucht und der Rabbiner stellte sein eigenes Zuhause zur Verfügung und bat seine Gemeindemitglieder Gleiches zu tun. Er und auch der Bischof waren beim Gespräch über die Offenheit der Gemeinde sichtlich gerührt. Als Weihnachten vor der Tür stand, kaufte Rabbiner Wittenberg einen Weihnachtsbaum für die ukrainische Familie, die er aufnahm. Sie sollten sich zu Hause fühlen. Er bat auch seine Gemeinde, einen Weihnachtsbaum aufzustellen. Zu Weihnachten wurde in Rabbiner Wittenbergs Haus das Heimweh angesichts des Weihnachtsbaums nicht kleiner. Ukrainische Weihnachtslieder wurden unter Weinen und Schluchzen angestimmt, sie vermischten sich mit Tränen der Dankbarkeit.

Rabbiner Wittenberg und die jüdischen Mitglieder seiner Londoner Gemeinde nivellierten mit dem Aufstellen eines Christbaums keineswegs die religiösen Unterschiede. Sie blieben ihrer eigenen jüdischen Tradition, der Nächstenliebe, auf sichtbare Weise treu, um Geflüchteten fern der Heimat mehr als ein Gefühl zu schenken, dass sie willkommen sind. Hier darfst du sein, so wie du bist. Rabbiner Wittenbergs Eltern mussten einst aus Nazideutschland fliehen und fanden dort ein Zuhause, wo sie nun andere Geflüchtete aufnahmen.[50]

Zum Abschluss

Neben den literarischen Nachweisen zum Umgang mit dem Weihnachtsfest sind Jüd:innen selbst zu Wort gekommen, bei denen sich der Autor für ihre persönlichen Stellungnahmen sehr bedankt.

Jüd:innen haben bis ins 20. Jahrhundert hinein im deutschsprachigen Raum Weihnachten als kulturelles und nicht als religiöses Fest um die Zeit des Chanukkafestes gefeiert. Daher stammt auch der Begriff Weihnukka. Die jüdische Übernahme von Weihnachtsbräuchen, wie besonders das Aufstellen eines Weihnachtsbaumes, stand dabei im Mittelpunkt. Mit der Schoah hat dieser jüdische Umgang mit Weihnachten mehr oder weniger geendet und ist nur noch in religiös- gemischten Familien anzutreffen oder heute bei säkularen Jüd:innen, die in einer Mehrheitsgesellschaft leben, in der Weihnachten als kulturelles Fest gefeiert wird. Besonders in den USA wird die Tradition von Weihnukka weitergeführt, und zwar unter dem Begriff Chrismukka. Weihnukka und Chrismukka sind religionsübergreifende Formen des Feierns.

Weihnukka entstand also aus der Assimilation an die deutsche bzw. österreichische oder auch ungarische Kultur. Chrismukka hingegen ist ein Fest, das dagegen eher durch interreligiöse Partnerschaften ein Fest aus Christmas und Chanukka wurde. Verliefen vormals die Trennlinien zwischen jüdischer Familie und christlich geprägter Mehrheitsgesellschaft, so gibt es heute in den USA keine Trennlinien mehr, da die religiös gemischten Familien mit Chrismukka einen Weg gefunden haben, beide Traditionen zu verbinden.


Talmud und Bibelausgaben

Babylonische Talmud: nach der ersten zensurfreien Ausgabe unter Berücksichtigung der neueren Ausgaben und handschriftlichen Materials, neu übertragen durch Lazarus Goldschmidt, Berlin 1930-1936, in: Judaica Frankfurt (https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/content/titleinfo/11603608 [Zugriff: 15.08.2023]).
The Hebrew New Testament of the British and Foreign Bible Society, by Prof. Franz Delitzsch, Leipzig 1883.
Luther, Martin, Biblia. Die gantze heilige Schrifft: Deudsch (Luther 1545), Euangelion Sanct Johannis, Capitel 10 (http://www.lutherdansk.dk/LutherBiblia1545/biblia2/B043K010.htm [Zugriff:18.08.2023]).

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Internetquellen

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ORF.at, „Klobürsten“-Nachfolger: Wirbel um neuen Christbaum in Rom, vom 03.12.2018, in: https://orf.at/stories/3102984/ (Zugriff: 17.08.2023).
Schuster, Josef, Was machen Juden eigentlich zu Weihnachten?, in: Zentralrat der Juden in Deutschland vom 15.12.2017 (https://www.zentralratderjuden.de/aktuelle-meldung/artikel/news/was-machen-juden-eigentlich-an-weihnachten/ [Zugriff: 18.08.2023]).
Statista, Jüdische Bevölkerung weltweit (https://de.statista.com/statistik/daten/ studie/37092/umfrage/anzahl-der-juden-in-ausgewaehlten-laendern/ [20.08.2023]).
Zacharoff, Allyson, Blog (www.christmasandkreplach.blogspot.com [Zugriff: 18.08.2023]).

Interviews

Anonym, Interviewpartner von Martin Steiner am 06.06.2023.
Gruen, Ben, unveröffentlichte E-Mail an Martin Steiner vom 19.07.2023 (mit ausdrücklicher Zustimmung zur Veröffentlichung).
Hoffmann, Daniel, unveröffentlichte E-Mail an Martin Steiner vom 15.06.2023 (mit ausdrücklicher Zustimmung zur Veröffentlichung).
Marer, Adi, unveröffentlichtes Telefonat mit Martin Steiner vom 20.08.2023 (mit ausdrücklicher Zustimmung zur Veröffentlichung).
York, Akiva, unveröffentlichte E-Mail an Martin Steiner vom 15.08.2023 (mit ausdrücklicher Zustimmung zur Veröffentlichung).
Wittenberg, Jonathan, Faith and Refugees, Evening programme at JW3, Emerging Leadership Conference (25th-29th June 2023, Oxford), am 27 06 2023 (mit ausdrücklicher Zustimmung zur Veröffentlichung).
Zacharoff, Allyson, unveröffentlichte E-Mail an Martin Steiner vom 07.07.2023 (mit ausdrücklicher Zustimmung zur Veröffentlichung).

[1] Zit. n. Ben-Chorin, Jugend an der Isar, 8.
[2] Vgl. Richarz, Der jüdische Weihnachtsbaum, 275–289.
[3] Vgl. Kel, Interkonfessionelles Fest.
[4] Blue / Rose, Ein Vorgeschmack des Himmels, 26.
[5] Schuster, Was machen Juden eigentlich zu Weihnachten.
[6] BT, Traktat Sabbath II, 21b.
[7] Kugelmann, O Chanukka, 12.
[8] Spiel, Fanny von Arnstein, 434.
[9] Siehe: Der Heiligenkalender, Adam und Eva (24.12.)
[10] Vgl. Bistum Regensburg, Der Weihnachtsbaum, 2.
[11] Vgl. ORF.at, „Klobürsten“-Nachfolger.
[12] Vgl. Richarz, Der jüdische Weihnachtsbaum, 282.
[13] Richarz, Der jüdische Weihnachtsbaum, 284.
[14] Lupowitch, Transleithanian Paradise, 168.
[15] Bulletin des Leo Baeck Instituts, Erinnerungen Güdemanns, 164.
[16] Herzl, Zionistisches Tagebuch 1895–1899, 288.
[17] Vgl. Penslar, Theodor Herzl, 82.
[18] Zit. n. Pauley, Österreichischer Antisemitismus, 82.
[19] Richarz, Der jüdische Weihnachtsbaum, 285.
[20] Embacher, Weihnukka, 290.
[21] Scholem, Von Berlin nach Jerusalem, 41f.
[22] Scholem, Von Berlin nach Jerusalem, 41.
[23] Ben-Chorin, Ich lebe in Jerusalem, 6.
[24] Ben-Chorin, Jugend an der Isar, 9.
[25] Näheres zu der Zeit während Ben-Chorins Buchhändlerausbildung und als Student in München siehe: Ben-Chorin, Jugend an der Isar, 75–87.
[26] Ben-Chorin, Jugend an der Isar, 8.
[27] Zit. nach Embacher, Exil, 425.
[28] Embacher, Weihnukka, 287.
[29] Edvardson, Gebranntes Kind, 103.
[30] Benz, Das Tagebuch, 187.
[31] Hoffmann, unveröffentlichte E-Mail an Martin Steiner vom 15.6.2023 (mit ausdrücklicher Zustimmung zur Veröffentlichung).
[32] Statista, Jüdische Bevölkerung weltweit.
[33] Pewresearach, Intermarriage.
[34] Gopalan, Josh Schwartz on The O.C.
[35] Vgl. ebd.
[36] Hamberlin, White Christmas.
[37] Vgl. Brüggemann, Weihnachtslieder.
[38] Stein, Weihnachtslieder.
[39] York, unveröffentlichte E-Mail an Martin Steiner vom 15.08.2023 (mit ausdrücklicher Zustimmung zur Veröffentlichung).
[40] Name geändert.
[41] Ben, unveröffentlichte E-Mail an Martin Steiner vom 19.07.2023 (mit ausdrücklicher Zustimmung zur Veröffentlichung).
[42] Zacharoff, Blog.
[43] Zacharoff, unveröffentlichte E-Mail an Martin Steiner vom 07.07.2023 (mit ausdrücklicher Zustimmung zur Veröffentlichung).
[44] Vgl. Steiner, Zwischen Kirche und Synagoge, 22f.
[45] Marer, unveröffentlichtes Telefonat mit Martin Steiner vom 20.08.2023 (mit ausdrücklicher Zustimmung zur Veröffentlichung).
[46] So Benjamin Berger von der charismatischen „Gemeinde des Lammes am Berge Zion“ an der Christ Church, Oded Shoshani von der pentekostalen Kings of Kings Gemeinde und Joseph Shulam von der synagogal-strukturierten Gemeinde Roeh Israel. Vgl. Steiner, Zwischen Kirche und Synagoge, 84.92.117.
[47] Luther, Biblia 1545, Joh 10,22 (http://www. lutherdansk.dk/LutherBiblia1545/biblia2/B043K010. htm.
[48] Anonym, Interviewpartner von Martin Steiner am 06.06.2023.
[49]S. Wallraff, Christus Verus Sol, 174–195.
[50] Wittenberg, Faith.

Editorische Anmerkungen

Martin Steiner, Dr. theol., Professurvertretung am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.

Quelle: transformatio; Bd. 2 Nr. 2 (2023): Weihnachten - Grenzen überschreiten. Nov 17, 2023. DOI: https://doi.org/10.35093/tf.v3i2.1061. Hier wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung von transformatio und des Autors.