Die unverzichtbare Mitte
Neil Gillman
Die Konservative Strömung des Judentums gilt gemeinhin als liberale Reaktion auf die Orthodoxie. Tatsächlich aber entstand sie Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland aus dem Protest gegen die Bestrebungen des Reformjudentums, das Hebräische als Sprache des Gottesdienstes zu verwerfen und die Beschneidungen und andere Rituale in Frage zu stellen. Diese Reaktion führte zur Gründung einer Schule, dem Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau. Dieses war der Aufgabe verpflichtet, sich bei der Rabbiner-Ausbildung vorsichtiger und disziplinierter mit den Folgen der Aufklärung für das Judentum auseinander zu setzen.
Dieser Prozess wiederholte sich dreißig Jahre später in Amerika. Hier lief die Rechte Sturm gegen die zunehmende Radikalisierung der Reformbewegung, nachdem diese 1885 ihr Pittsburgher Programm veröffentlicht hatte. Darin wurde das Judentum im Kern als Glaube an einen monotheistischen Gott und an die moralischen Prinzipien der Propheten definiert. Ein Großteil der Rituale wurde als der Spiritualität abträglich verworfen. Dass die Juden eine für die Rückkehr nach Zion betende Nation seien, wurde mit der Begründung abgelehnt, dass dadurch die Bindung an Amerika geschwächt werde. (In den letzten Jahren hat sich die Reformbewegung wieder mehr zurück in die Mitte des religiösen Spektrums bewegt).
Als Reaktion darauf gründeten die eher traditionell orientierten Mitglieder der amerikanischen Reformbewegung ebenfalls eine Lehranstalt zu einer Ausbildung von Rabbinern nach konservativen jüdischen Prinzipien. Diese, zunächst The Jewish Theological Seminary of New York genannt, nahm ihre Arbeit im Jahr 1887 auf. Sie wurde später in The Jewish Theological Seminary of America umbenannt und brachte die Strömung hervor, die wir heute Konservatives Judentum nennen – mit all ihren Synagogen-Gemeinden, dem Verband seiner Rabbiner, den Jugendgruppen, Schulen und den Ramah-Sommercamps mit ihren Erziehungsprogrammen.
Der Konservativen Bewegung wird gemeinhin die zentrale Stellung innerhalb des religiösen Judentums zugeschrieben – nicht etwa, weil sie diese einnehmen wollte: Diese Position fiel ihr einfach zu. Ihre Gründer wollten, dass es den rechten Flügel eines amerikanischen Judentums bildet, dass aus zwei Strömungen bestand: Der Reform und – mangels eines besseren Begriffs – der „Nicht-Reform“. Allmählich jedoch näherte sich der rechte Flügel der Konservativen dem wachsenden orthodoxen Judentum an, dessen Ränge durch die Einwanderer aus Osteuropa anschwoll. So blieb den Konservativen der Platz in der Mitte.
Es ist stets schwierig, zentristische Bewegungen zu definieren. Sie sind immer Koalitionen, die sich um den Ausgleich zwischen ihren rechten und linken Flügeln bemühen. Dem Konservativen Judentum ist es aber gelungen, seinen Zusammenhalt über mehr als ein Jahrhundert zu bewahren – einige seiner charakteristischen Eigenschaften lassen sich daher benennen.
Erstens vertritt es, wie sein Name schon sagt, eine deutlich konservativere Haltung, was Veränderungen der rituellen Praxis des Judentums angeht. Es sieht den umfangreichen Corpus an Jüdischen Gesetzen als bindend an. In Fragen des Personenstandes hat es die patrilineare Weitergabe der religiösen Identität und gemischtreligiöse Ehen und damit zwei bedeutende Positionen der Reform entschieden abgelehnt. Aber es hat auch bestimmte Neuerungen abgesegnet, zuletzt die Gleichberechtigung von Frauen im Synagogen-Ritus. Seit 1986 weiht das Seminary Frauen als Rabbiner und Kantoren.
Konservative Synagogen haben zudem an der zentralen Stellung des Hebräischen als Sprache des Gottesdienstes festgehalten und ihre Gebetsbücher enthalten weiterhin vor allem die traditionelle Liturgie.
Auch seine Haltung zum Studium der Judaistik ist ganz eigenständig. Das American Seminary hat von seinem Vorläufer die Verpflichtung zur Pflege der „Wissenschaft des Judentums“ übernommen, die für eine historisch-kritische Lesart der klassischen jüdischen Texte, der jüdischen Geschichte und des Denkens steht. Diese Methodik befürwortet die Verwendung aller wissenschaftlicher Instrumente – eingeschlossen fortgeschrittener biblischer Textkritik – um so die ursprüngliche Bedeutung dieser Schriften in ihrem historischen Zusammenhang herausarbeiten zu können.
Zwischen diesen beiden grundsätzlichen Verpflichtungen – hier die konservative Haltung gegenüber der Veränderung traditioneller Formen, dort die Aufgeschlossenheit gegenüber der modernen Wissenschaft, die diese Formen nur als Ergebnis kulturellen und historischen Wandels verstehen kann – besteht offensichtlich ein Spannungsverhältnis. Diese Spannung wurde etwa im Zusammenhang mit der langwährenden Debatte über die Gleichberechtigung der Frau deutlich. Die Vergangenheit lehrt uns, dass die Rolle der Frau auf ihr Wirken im Heim beschränkt ist. Dem aber widersprach der Feminismus, der auch in Amerika Einzug gehalten hat. Es bedurfte einer internen Debatte, die mehr als ein Jahrzehnt währte, ehe dieser Konflikt beigelegt werden konnte. An dessen Ende beschloss die konservative Strömung schließlich, dem neuen kulturellen Impuls zu folgen.
Momentan ist die Debatte über den Status der schwulen und lesbischen Juden das heißeste Thema unter den Konservativen. Gleichgeschlechtlicher Sex ist (zumindest unter Männern) traditionell ebenso untersagt, wie die Heirat von zwei Angehörigen des gleichen Geschlechts, aber wir erleben derzeit auch eine rapide Wandlung in der allgemeinen Einstellung der Amerikaner gegenüber dieser Bevölkerungsgruppe. Vor mehr als einem Jahrzehnt führte die erste ausführliche Debatte über diese Problematik zu einem unbequemen Kompromiss: Das Seminary lässt homosexuelle Männer oder Frauen nicht zu seiner Rabbiner- und Kantoren-Ausbildung zu. Gleichwohl steht es den einzelnen Gemeinden frei, in diesen Dingen nach eigenem Gutdünken zu entscheiden. Darüber hinaus hat das mit Fragen des Gesetzes und der Regeln befasste Komitee formell beschlossen, Zeremonien zur Segnung gleichgeschlechtlicher Bindungen nicht zu gestatten. Allerdings haben einige Konservative Rabbiner aber eben diese vorgenommen. Diese Frage soll im kommenden Jahr erneut diskutiert werden.
Das Konservative Judentum hat sich seit jeher in einem Spannungsverhältnis zwischen den Forderungen der Tradition und denen der Moderne gefunden. Aber Spannung ist immer auch eine Quelle der Lebenskraft. So gesehen, hat das Konservative Judentum davon mehr als genug!

