Die »Lehre der Verachtung« – zur Tradition des christlichen Antisemitismus

1. Begriffsklärungen

Der Ausdruck »Lehre der Verachtung« geht auf den mit Papst Johannes XXIII. befreundeten französisch-jüdischen Historiker Jules Isaac zurück, der damit den spezifisch christlichen Antisemitismus bezeichnen wollte. »In ihrer großen Mehrheit sind die Christen – ob bewusst oder unterbewusst – Antisemiten. Denn sogar unter den besten, sogar jenen, die gegen den Nazi-Antisemitismus den edelmütigsten Kampf geführt haben, ist es nicht schwer, Spuren eines irgendwie unterbewussten Antisemitismus aufzudecken« (Isaac 1962,14). Der christliche Antisemitismus sei bereits in der Antike von den Kirchenvätern entwickelt worden, um jüdische Menschen verhasst zu machen. Er diene der Theologie und werde von ihr genährt, indem er seine Argumente einer bestimmten Bibelexegese gegen das auserwählte Volk entlehne (ebd., 24).

In den Sozialwissenschaften, aber auch im theologischen Diskurs wird begrifflich gerne zwischen Antisemitismus und Antijudaismus unterschieden: Der Begriff Antisemitismus wird dann enggeführt auf die pseudowissenschaftliche Rassentheorie des späten 19. Jahrhunderts, die in der Zeit des Nationalsozialismus zum millionenfachen Mord an den europäischen Juden geführt habe. Davon werden dann ältere Formen des Judenhasses, insbesondere die theologisch begründete kirchliche Verachtung der Juden, begrifflich unterschieden und als Antijudaismus bezeichnet. Gegen eine scharfe Unterscheidung der Begriffe Antisemitismus und Antijudaismus spricht jedoch die Tatsache, dass kulturgeschichtlich zahlreiche fließende Übergänge zwischen verschiedenen Formen der Judenfeindschaft zu beobachten sind, sodass man von einer Transformation des früheren Antijudaismus in den modernen Antisemitismus ausgehen muss.

Im Übrigen besteht die Gefahr, dass die begriffliche Unterscheidung zur Verharmlosung der christlichen Judenfeindschaft beiträgt. Daher plädiere ich mit dem israelischen Antisemitismusforscher Yehuda Bauer für einen weiten Begriff: Antisemitismus bezeichnet Judenhass in jeder Form und mit jeder Begründung. Es handelt sich um »eine geschichtliche, kulturelle Erscheinung«, um einen »integralen Bestandteil der europäischen Kultur«, der sich durch alle Veränderungen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umgebung hindurch gehalten hat. So hat sich der Antisemitismus auch durch die Säkularisierung hindurch als »einer der wenigen Überreste christlicher Ideologie […] weiter vererbt« (Bauer 1992, 79).

Zwar gab und gibt es in Geschichte und Gegenwart immer wieder Formen des Antisemitismus, die sich anderer als christlich-theologischer Argumente bedienen. So wurden Juden in der Antike schon bereits vor der Entstehung des Christentums gelegentlich diffamiert, diskriminiert und verfolgt. Und auch im Islam hat sich eine spezifische antisemitische Tradition entfalten können, die heute durch den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern weiter befeuert wird. Dennoch gilt es festzuhalten: Antisemitismus ist im Kern christlicher Antisemitismus. Er ist nicht so sehr als eine neue Ideologie des späten 19. Jahrhunderts zu betrachten, sondern eher als ein Relikt christlicher Theologie innerhalb der säkularisierten Gesellschaft.

2. Die »Lehre der Verachtung« bei den Kirchenvätern

Folgt man Isaac, dann ist der christliche Antisemitismus nicht so sehr eine Sonderform der allgemein verbreiteten Judenfeindschaft; vielmehr muss der Antisemitismus als im Wesentlichen christlich motiviert gelten. Erst mit der Theologie der Kirchenväter wurde die Feindschaft gegen die Juden systematisch begründet und zu einer theologischen Lehre entwickelt. »Keine Waffe erwies sich als bedrohlicher fu¨r das Judentum und seine Anhänger als die ›Lehre der Verachtung‹ […]; innerhalb dieser Lehre war nichts verderblicher als die Theorie vom ›Gottesmördervolk‹. […] Die Lehre der Verachtung ist ein Werk der Theologie« (Isaac 1969, 241). Und spätestens mit dem Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion im 4. Jahrhundert sei mit dieser »militanten Theologie« eng verbunden »ein System von Einschränkungen, Ausschließungen und Demütigungen« gewesen, »das es verdient, ›System der Erniedrigung‹ genannt zu werden« (ebd., 241).

Ein frühes Beispiel für den Vorwurf des Gottesmordes an die Juden findet sich in einer Osterpredigt des Melito von Sardes (vor 180), wo das Volk Israel angeklagt wird, den Erlöser in Jerusalem ermordet zu haben. »Was für ein beispielloses Verbrechen hast du begangen, o Israel? […] [D]u hast den getötet, der dich lebendig gemacht hat. […] Gott ist ermordet worden; der König Israels ist zu Tode gebracht worden durch die Hand eines Israeliten. O beispielloser Mord! Beispielloses Verbrechen!« (vgl. Pangritz 2023, 42 f.). Bereits hier wird die Zerstörung Jerusalems durch die Römer und das gegenwärtige Leiden des jüdischen Volkes in der Zerstreuung als gerechte Strafe Gottes für den Gottesmord interpretiert. Im späten 4. Jahrhundert rechtfertigt dann Ambrosius, Bischof von Mailand, der kaiserlichen Residenz der westlichen Reichshälfte, die Zerstörung einer Synagoge im syrischen Kallinikon (heute: ar-Raqqah) durch eine vom örtlichen Bischof aufgehetzte christliche Volksmenge. »Auch in Mailand sei eine Synagoge ein Raub der Flammen geworden, wofür er gern die Verantwortung tragen wolle« (Kupisch 1973, 94).

Für die westliche Christenheit im Mittelalter wurde dann die Judenpredigt des Kirchenvaters Augustinus von Hippo prägend. Seine Einstellung gegenüber den Juden und insbesondere gegenüber dem jüdischen »Gesetz« war von einer tiefen Ambivalenz durchzogen, die er der paulinischen Dialektik von »Geist« und »Buchstabe« entnahm: Als »Weg zur Erlösung« war das Gesetz abgetan; in allegorischer Deutung auf Christus hin war es jedoch unverzichtbar auch für die Christen. Demgemäß galten ihm die Juden gerade in ihrer Zerstreuung als »lebende Buchstaben«, die durch ihre bloße Existenz die »Wahrheit des Gesetzes« garantierten. Nicht ihre physische Vernichtung wäre die angemessene Strafe für den Gottesmord, sondern ihr Überleben als unterworfenes Sklavenvolk am Rande der christlichen Mehrheitsgesellschaft (Pangritz 2023, 46 f., 52; Nirenberg 2015, 138 f.).

Im späteren Mittelalter schlug die Duldung der Juden als »geschützte Vertriebene « (Pangritz 2023, 55; Nirenberg 2015, 209) jedoch immer wieder in Verfolgungen und Vertreibungen um – wie etwa in den Massakern der Kreuzfahrer an den Juden im Rheinland, in Pogromen, die durch die Ritualmordlegende, angeblichen Hostienfrevel und Gerüchte über Brunnenvergiftungen angesichts der Pestepidemie provoziert wurden, und schließlich in der Vertreibung der Juden aus Spanien zur Feier des Siegs über die Muslime im Jahr 1492.

3. Martin Luther als »Kronzeuge des Antisemitismus«

Die Reformation des 16. Jahrhunderts führte nicht etwa zu einer Mäßigung der christlichen Judenfeindschaft, sondern eher zu ihrer Verschärfung. Zwar hegte Martin Luther zeitweilig die Hoffnung, dass Juden sich leichter von der christlichen Botschaft überzeugen und zur Taufe bewegen lassen würden, nachdem er das Evangelium von Jesus Christus neu zum Leuchten gebracht habe; so in der Schrift Dass Jesus Christus ein geborner Jude sei (1523). Gleichwohl hielt er auch in dieser Schrift an der überlieferten »Lehre der Verachtung« fest, von der er zeitlebens überzeugt war: die Juden hätten Jesus gekreuzigt und würden dafür von Gott gestraft. Mehr noch: Aufgrund der reformatorischen Unterscheidung von Gesetz und Evangelium erschienen ihm die Juden je länger, je mehr als eine tödliche Gefahr für die Christen, vor der die Christenheit nur durch Vertreibung der Juden gerettet werden könne. So ist Luther zum »Kronzeugen des Antisemitismus« (Pangritz 2023, 80; Ginzel 1985, 189) geworden.

Als Beispiel für Luthers theologisch begründeten Antisemitismus sei seine Auslegung von Psalm 109 in den Vier tröstlichen Psalmen für die Königin Maria von Ungarn genannt, nachdem König Ludwig in der Schlacht bei Mohács gegen die Türken 1526 den Tod gefunden hatte. Da heißt es, den Psalm habe »David im Geist gemacht von Christus, welcher redet den ganzen Psalm in seiner eigenen Person wider Judas, den Verräter, und wider das ganze Judentum […]«. Der Psalm rede vom Schicksal der Juden und davon, dass »ihr Gedächtnis gar aus« ist, weil »sie und ihre Kinder nicht wollen Christum annehmen«. Aufgrund ihrer Verstockung, die ihnen »zur Natur worden« ist, seien sie schlechterdings »nicht […] zu bekehren«, sondern sie müssten »in der Hölle zerschmolzen […] werden« (Pangritz 2023, 78).

In der Schrift Von den Juden und ihren Lügen (1543) ruft Luther schließlich ausdrücklich zu einer »scharfen Barmherzigkeit« auf, die darin bestehen soll, die Synagogen zu verbrennen und die Juden zu vertreiben: »Weil sie aber uns verfluchen, so verfluchen sie unsern HErrn auch; verfluchen sie unsern HErrn, so verfluchen sie auch Gott den Vater, Schöpfer Himmels und der Erden.« Daher sei es erforderlich, »dass man ihre Synagogen oder Schulen mit Feuer anstecke«, »dass man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre«, »dass man ihnen nehme alle ihre Gebetbücher und Talmudim«, »dass man ihren Rabbinen bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren. […] Sollen wir der Juden Lästerung rein bleiben und nicht teilhaftig werden, so müssen wir geschieden sein und sie aus unserm Lande vertrieben werden« (Pangritz 2023, 72 f.).

4. Antijudaismus und nationaler Antisemitismus

Auch die Aufklärung hat nichts Wesentliches an der überlieferten kirchlichen »Lehre der Verachtung« gegenüber den Juden geändert. Der Berliner Theologe Friedrich Schleiermacher etwa, der die liberale evangelische Theologie im 19. Jahrhundert prägte und bis heute prägt, vertrat eine Religionstheologie, die auf eine Verächtlichmachung des Judentums hinauslief. In seinen Reden Über die Religion (1799) heißt es über das Judentum: »[D]er Judaismus ist schon lange eine tote Religion, und diejenigen, welche jetzt noch seine Farbe tragen, sitzen eigentlich klagend bei einer unverweslichen Mumie und weinen über sein Hinscheiden und seine traurige Verlassenschaft.« Gläubige Juden unter seinen Zeitgenossen sind demnach aus Schleiermachers Sicht Anhänger einer längst abgestorbenen Religion. »Sie starb, als ihre heiligen Bücher geschlossen wurden, da wurde das Gespräch des Jehova mit seinem Volk als beendigt angesehen, die politische Verbindung, welche an sie geknüpft war, schleppte noch länger ein sieches Dasein, und ihr Äußeres hat sich noch weit später erhalten, die unangenehme Erscheinung einer mechanischen Bewegung, nachdem Leben und Geist längst gewichen ist.« Vorausgesetzt ist offenbar ein tiefer Gegensatz zwischen Christentum und Judentum, der darin begründet ist, dass Jesus Christus, in dem Schleiermacher den »Stifter« des Christentums sieht, der »alten Idee seines Volkes« durch die Erfüllung derselben die »Vernichtung« gebracht habe (Schleiermacher 1984, 314–321; Pangritz 2023, 97). Da war es nur konsequent, dass Schleiermacher trotz seines freundschaftlichen Umgangs mit Berliner Juden die rechtliche Gleichstellung der Juden in Preußen infrage stellte, solange sie an ihrer Messiaserwartung festhielten (Pangritz 2023, 105 f.). Auch konnte Schleiermacher mit dem Alten Testament als Bestandteil der Bibel nichts mehr anfangen, da »in Christo das alte vergangen ist und alles neu worden« (Pangritz 2023, 109).

Hatte der nationale Antisemitismus bereits in den sogenannten »Befreiungskriegen « gegen Frankreich Fahrt aufgenommen, etwa bei Schleiermachers Schwager Ernst Moritz Arndt, so schlug der traditionelle kirchliche Antijudaismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer deutlicher in völkischen Antisemitismus um. So muss die Lehre der Verachtung trotz aller konfessionellen Streitigkeiten zwischen katholischer und evangelischer Theologie als ökumenischer Konsens im Wilhelminischen Kaiserreich und darüber hinaus gelten. Der katholische Theologe August Rohling etwa ließ sich in seiner Schrift Der Talmudjude (1871) voller Verachtung über das Judentum aus. Auf evangelischer Seite ist insbesondere der Hofprediger Adolf Stoecker zu nennen, der die rechtliche Gleichstellung der Juden wieder rückgängig machen wollte. So heißt es in einer Grundsatzrede vom Mai 1881: »Israel ist ein fremdes Volk unter uns. […] Das Volk Israel ist […] zur Strafe für seinen Abfall von dem lebendigen Gott, zur Strafe für seinen Unglauben an Christum unter die Völker zerstreut; – doch gewiss nicht dazu, um nun die Völker auszuplündern und zu beherrschen? […] Aber das glaube ich in der Tat, dass mit der Verwerfung Christi das jüdische Volk seinen Beruf abgetreten hat an die christliche Kirche« (Stoecker 2004a, 110 f.). Es sind also theologische Gründe aus dem Arsenal der klassischen »Lehre der Verachtung«, die dafür herhalten müssen, die Rechte der Juden zu beschneiden.

Zu den religiösen Wurzeln von Stoeckers nationalem Antisemitismus zählte auch der Mythos vom »ewigen Juden« Ahasver, der seinerseits im kollektiven Vorwurf an die Juden als Volk von Christusmördern begründet war. Das macht eine Rede vom 3. Februar 1882 deutlich, in der Stoecker sich über das Judentum als »eine Gefahr für das Deutsche Reich« ausließ. »Die Judenfrage ist da, überall wo Juden in Gemeinschaft mit andern Völkern wohnen; sie ist immer und überall wie der ewige Jude.« So können Stoeckers Folgerungen nicht überraschen: »Das Judentum ist und bleibt uns fremd bis zu der jedenfalls noch fernen Zeit, dass es sich selbst aufgibt« (Stoecker 2004b, 133). Solange das Judentum sich nicht selbst aufgebe, müsse dieses Gefühl der Fremdheit aber praktische Konsequenzen nach sich ziehen: »Es ist nötig, dass wir von der Reaktion zu einer Aktion schreiten gegen diese Gefahr […]; wir hoffen, die Frage auf friedlichem Wege zu lösen, den fremden Geist, die Übermacht des Judentums zu brechen ohne Anwendung von Gewaltmitteln, ohne dass es zu einer Katastrophe kommt« (Stoecker 2004b, 137). So gipfelt Stoeckers christlicher Antisemitismus in der indirekten Androhung von Gewalt gegen jüdische Menschen.

Stoecker muss als der populärste Exponent des nationalen Antisemitismus in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gelten. Aufgrund seines großen Einflusses und seiner vielfältigen Rezeption kommt ihm eine zentrale Brückenfunktion zwischen Luthers primär theologisch begründetem Antijudaismus und dem rassisch begründeten Antisemitismus der Nazis zu. Insofern führt über Stoeckers antisemitischen Populismus tatsächlich ein Weg von Luther zu Hitler – und darüber hinaus.

5. Christlicher Antisemitismus und Nationalsozialismus

Die traditionelle »Lehre der Verachtung« hat die Kirchen weitgehend sprachlos gegenüber dem eliminatorischen Antisemitismus der Nazis gemacht, wenn sie diesen nicht gar befördert hat. Das lässt sich selbst bei denjenigen aufzeigen, die der Nazifizierung der evangelischen Kirche im Dritten Reich widerstanden. Als erschütterndes Beispiel muss hier Dietrich Bonhoeffer genannt werden, der sich in seinem Aufsatz »Die Kirche vor der Judenfrage«, mit dem er im Frühjahr 1933 der Einführung eines ›Arierparagraphen‹ nach staatlichem Modell in der evangelischen Kirche widersprach, doch dazu hinreißen ließ zu formulieren: »Niemals ist in der Kirche Christi der Gedanke verloren gegangen, daß das ›auserwählte Volk‹, das den Erlöser der Welt ans Kreuz schlug, in langer Leidensgeschichte den Fluch seines Tuns tragen muß […]. Aber die Leidensgeschichte dieses von Gott geliebten und gestraften Volkes steht unter dem Zeichen der letzten Heimkehr des Volkes Israel zu seinem Gott. Und diese Heimkehr geschieht in der Bekehrung Israels zu Christus« (Bonhoeffer 1997, 354 f.).

Alle Dämme brachen im sog. Sportpalastskandal vom 13. November 1933, wenige Tage nach Luthers 450. Geburtstag, als Reinhold Krause, der Berliner Gauobmann der »Deutschen Christen«, der nationalsozialistischen Mehrheitsströmung im deutschen Protestantismus, vor 20.000 begeisterten Zuhörern über die »völkische Sendung Luthers« sprach. Luther, so Krause, habe den Deutschen »ein kostbares Vermächtnis hinterlassen […]: die Vollendung der deutschen Reformation im Dritten Reich!« Im Sinne Luthers sei nunmehr die »Entjudung« der deutschen Volkskirche angesagt, die u. a. in der »Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen Lohnmoral, von diesen Viehhändler- und Zuhältergeschichten« bestehen solle, um zu einem »artgemäßen Christentum« voranschreiten zu können (Pangritz 2023, 138 f.).

Der »heldischen Frömmigkeit aus dem Geiste Luthers«, wie sie Krause vertrat, entsprach dann auch eine Arisierung Jesu, wie sie von dem deutsch-christlichen Neutestamentler Walter Grundmann in seiner Schrift Deutsche mit Gott (1941) vertreten wurde: »Jesus aus Nazareth in Galiläa erweist in seiner Botschaft und Haltung einen Geist, der dem Judentum in allen Stücken entgegengesetzt ist. Der Kampf zwischen ihm und den Juden wurde so unerbittlich, daß er zu seinem Kreuzestod führte. So kann Jesus nicht Jude gewesen sein. Bis auf den heutigen Tag verfolgt das Judentum Jesus und alle, die ihm folgen, mit unversöhnlichem Haß. Hingegen fanden bei Jesus Christus besonders arische Menschen Antwort auf ihre letzten und tiefsten Fragen. So wurde er auch der Heiland der Deutschen« (Pangritz 2023, 148).

Vor einer antisemitischen Kontaminierung der theologischen Tradition war aber auch die katholische Theologie nicht gefeit. So rühmte der Tübinger Dogmatiker Karl Adam in seinem Buch Jesus Christus (1933, 8. Aufl. 1945) das »Heldische«, das »zielklar Männliche«, das die »Herrennatur« Jesu auszeichne. Von hier aus war es nur ein kleiner Schritt zum Versuch, die arische Abstammung Jesu nachzuweisen, wie eine Äußerung aus dem Jahr 1943 belegt: »Es ist dieses Dogma von der immaculata conceptio [unbefleckten Empfängnis] Mariens, welches alle böswilligen Fragen und Klagen, als ob wir in Jesus trotz all seiner Vorzu¨ge einen ›Juden- Stämmling‹ erkennen mu¨ssten, in katholischer Sicht zu einer völlig abwegigen Frage macht. Denn es bezeugt uns, dass Jesu Mutter Maria in keinerlei physischem und moralischem Zusammenhang mit jenen hässlichen Anlagen und Kräften stand, die wir am Vollblutjuden verurteilen. Sie ist durch Gottes Gnadenwunder jenseits dieser ju¨dischen Erbanlagen, eine u¨berju¨dische Gestalt. Und was von der Mutter gilt, gilt umso mehr von der menschlichen Natur ihres Sohnes« (Häring 2023, 6 f.).

6. Bleibende Aufgabe

Im scharfen Kontrast zur dargelegten Tradition einer christlichen »Lehre der Verachtung « gegenüber dem Judentum stehen offizielle kirchliche Distanzierungen vom Antisemitismus, wie sie – wenn auch mit zeitlicher Verzögerung – nach der Schoa vorgenommen worden sind. Schon im Dezember 1938 hatte der schweizerische reformierte Theologe Karl Barth in Reaktion auf die Pogrome der »Reichskristallnacht « formuliert: »Wer ein prinzipieller Judenfeind ist, der gibt sich als solcher, und wenn er im Übrigen ein Engel des Lichtes wäre, als prinzipieller Feind Jesu Christi zu erkennen. Antisemitismus ist Sünde gegen den Heiligen Geist. Denn Antisemitismus heißt Verwerfung der Gnade Gottes« (Barth 1945, 89). Die katholische Kirche ging beim Zweiten Vatikanischen Konzil mit der in mancher Hinsicht erst halbherzigen Erklärung Nostra aetate (1965) deutlich auf Distanz zum Antisemitismus und widerrief den Vorwurf des Gottesmordes gegenüber dem jüdischen Volk. Auf evangelischer Seite wäre insbesondere der Beschluss der Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden (1980) zu erwähnen, in dem erstmals eine kirchliche »Mitverantwortung und Schuld am Holocaust« (Synodenbeschluss 1980, (1) und 4 (1)) eingestanden wird.

Trotz all dieser öffentlichen Erklärungen ist jedoch zu beklagen, dass die Jahrtausende alte Tradition der Judenfeindschaft auch heute noch nachwirkt. Es genügt nicht, dem Antisemitismus in Kirche und Gesellschaft eine Absage zu erteilen. Mit einem bloßen »Nein« ist es angesichts der immer wieder auflebenden »Lehre der Verachtung« nicht getan. Der Kampf gegen den Antisemitismus innerhalb der christlichen Theologie ist eine bleibende Aufgabe, die angesichts einer steigenden Welle des Antisemitismus in der Gesellschaft nichts an Dringlichkeit verloren hat. Die Umkehr und Erneuerung christlicher Theologie stehen in dieser Hinsicht erst am Anfang.


Literatur

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Synode der Evangelischen Kirche im Rheinland, Beschluss »Zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden« vom 11. Januar 1980, https://presse.ekir.de/presse/zur-erneuerung-des-verhaeltnisses-von-christen-und-juden-274 (Zugriff: 21.01.2025).

Editorische Anmerkungen

Dr. Andreas Pangritz ist Professor (em.) für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät und lehrt derzeit an der an Universität Osnabrück.

Quelle: Religion unterrichten, Band 6, Ausgabe 1, August 2025; Lizenz CC-BY-NC-SA