60 Jahre Thesen von Seelisberg

Dass wir von den Themen der Seelisberger Thesen – im Unterschied zu den 70er und 80er Jahren – heute nichts mehr hören, kann mehrere Ursachen haben: Zum Einen, dass ihre Forderungen in Theologie und Verkündigung selbstverständlich geworden sind. Zum Anderen, dass sich unter anderen Zeitumstände andere Bereiche des Dialogs in den Vordergrund getreten sind.

60 Jahre Thesen von Seelisberg

Grußwort

Prof. P. John Pawlikowski OSM (Präsident des Internationalen Rates der Christen und Juden ICCJ)

Der Internationale Rat der Christen und Juden führt sein Bestehen auf die Thesen von Seelisberg zurück. Die Männer und Frauen, die einander in Seelisberg getroffen haben, gründeten in der Folge eine Plattform für regelmäßigen Austausch in der christlich-jüdischen Zusammenarbeit: den Internationalen Rat der Christen und Juden.

Dass wir von den Themen der Seelisberger Thesen – im Unterschied zu den 70er und 80er Jahren – heute nichts mehr hören, kann mehrere Ursachen haben: Zum Einen, dass ihre Forderungen in Theologie und Verkündigung selbstverständlich geworden sind. Zum Anderen, dass sich unter anderen Zeitumstände andere Bereiche des Dialogs in den Vordergrund getreten sind.

Vielleicht aber fällt es 60 Jahre nach Seelisberg und 42 Jahre nach Nostra Aetate schwer zuzugeben, dass möglicherweise nicht genug getan wurde, um die Ausgrenzung des Judentums in den Kirchen zu beenden. Da ist es unverfänglicher, dem Antisemitismus generell eine Absage zu erteilen, wie es heute in kirchlichen Stellungnahmen – fast schon routinemäßig – geschieht. Grundsätzlich ist dies ja zu begrüßen: Wie sehr hätten wir uns das doch nach 1938 gewünscht!

Es entsteht jedoch der Eindruck, dieses entschlossene Auftreten gegen Antisemitismus heute sollte von den eigenen Hausaufgaben ablenken. Obwohl längst klar ist, dass Pharisäer nicht die Bösewichte schlechthin sind, obwohl klar ist, dass die Anrede Gottes als „Vater“ kein Exklusivbesitz der Christenheit ist, finden diese Stereotype in Predigt und Religionsunterricht immer noch Eingang. Einerseits geht es also darum, endlich nachhaltig richtig zu stellen, was an Falschem und Abwertendem über das Judentum gelehrt und gepredigt wird.

Andererseits ist für die Kirche die Beziehung zum Judentum noch kein Identität stiftender Teil geworden. Es fehlt, wenn sie über sich selbst nachdenkt. Mit der diskutierten Zulassung des tridentinischen Ritus in der römisch-katholischen Kirche soll sogar ein Selbstverständnis wiederbelebt werden, das meint, praktisch ohne Altes/ Erstes Testament auszukommen. Dabei wurde diese Irrlehre des Markion bereits im 2. Jahrhundert verworfen. Ohne das Wort Gottes, das wir mit dem Judentum teilen, ohne diese Quelle können Christinnen und Christen nicht zu Gott finden.

Die Kirchen müssen ihre Identität an der Seite des Judentums finden – und zwar an der Seite des Judentums, wie es sich selbst versteht. Fernab der jüdischen Folklore, die bei Christinnen und Christen so beliebt ist, müssen wir die Anfragen unseres Gegenübers zum Eingottglauben ernst nehmen, wir müssen den Wert der Tora positiv aufnehmen und es gilt, die Bedeutung des Staates Israel zu erkennen. Wir müssen die christliche Brille beim Blick auf das Judentum abnehmen. Das bedeutet keineswegs, dass Christen ihren spezifischen Zugang zu den Verheißungen Israels und der Person Jesu beiseite legen müssen. Doch wir müssen unser Selbstverständnis von allem Antijudaismus reinigen, so wie auch Jesus nie daran gedacht hat, das Judentum als solches zu verdammen.

Die Thesen von Seelisberg richten Forderungen an die christliche Erziehung. Aus heutiger Sicht möchte ich drei Sätze ergänzen. So werden statt der Zehn Gebote die Dreizehn Sätze des Maimonides das Vorbild – auch keine schlechte Gesellschaft.

  • Es ist hervorzuheben, dass die Tora Geschenk der Liebe Gottes ist und daher ist zu vermeiden, sie als Gegensatz zur Verkündigung Jesu darzustellen.
  • Es ist hervorzuheben, dass Christinnen und Christen über die Person Jesu an den Verheißungen Gottes mit seinem erwählten Volk Israel Anteil nehmen und daher die Missionierung von Jüdinnen und Juden kein christlichen Programm sein kann.
  • Es ist hervorzuheben, dass der Staat Israel für die jüdische Identität grundlegende Bedeutung hat und als solches in seinem Wert von christlicher Seite anerkannt werden muss.

In einem gemeinsamen Programm überprüfen zurzeit der Ökumenische Rat der Kirchen und der Internationale Rat der Christen und Juden die Einsichten des christlich-jüdischen Dialogs auf ihre Konsequenzen für das Selbstverständnis der Kirchen. Dabei begleiten uns auch jüdische Beobachterinnen und Beobachter, denn es stellt sich heute die Frage, ob das Judentum durch die christlichen Erneuerungsbemühungen unberührt bleiben kann. Echter Dialog beruht auf Gegenseitigkeit.

Genau darauf hat uns Dabru Emet hingewiesen, die bislang wohl bekannteste jüdische Antwort auf christliche Bemühungen um eine erneuerte Beziehung. Im Arbeitsprogramm des Internationalen Rats der Christen und Juden stellen wir bei der Standortbestimmung des christlich-jüdischen Dialogs Anfragen an beide Seiten: die Kirchen und das Judentum. Wir hoffen, dass unsere Überlegungen einmal ebenso Richtung weisend sein werden wir jene aus Seelisberg im Jahr 1947.