Erich Zenger
Erneuerung der christlichen Liturgie nach der Schoa
1. »Aber aufgekündigt worden ist uns nicht«
Im Januar 1933 hat Martin Buber bei dem öffentlichen Religionsgespräch, das zwischen
ihm und dem Neutestamentler Karl Ludwig Schmidt im Jüdischen Lehrhaus in Stuttgart
stattfand, denkwürdige Sätze gesprochen, die in den letzten Jahrzehnten oft zitiert
wurden:
»Ich lebe nicht fern von der Stadt Worms, an die mich auch eine Tradition meiner Ahnen
bindet; und ich fahre von Zeit zu Zeit hinüber. Wenn ich hinüberfahre, gehe ich immer
zuerst zum Dom. Das ist eine sichtbar gewordene Harmonie der Glieder, eine Ganzheit, in
der kein Teil aus der Vollkommenheit wankt. Ich umwandle schauend den Dom mit einer
vollkommenen Freude. Dann gehe ich zum jüdischen Friedhof hinüber. Der besteht aus
schiefen, zerspellten, formlosen, richtungslosen Steinen. Ich stelle mich darein, blicke
von diesem Friedhofgewirr zu der herrlichen Harmonie empor, und mir ist, als sähe ich von
Israel zur Kirche auf. Da unten hat man nicht ein Quentchen Gestalt; man hat nur die
Steine und die Asche unter den Steinen. Man hat die Asche, wenn sie sich auch noch so
verflüchtigt hat. Man hat die Leiblichkeit der Menschen, die dazu geworden sind. Man hat
sie. Ich habe sie. Ich habe sie nicht als Leiblichkeit im Raum dieses Planeten, aber als
Leiblichkeit meiner eigenen Erinnerung bis in die Tiefe der Geschichte, bis an den Sinai
hin.
Ich habe da gestanden, war verbunden mit der Asche und quer durch sie mit den Urvätern.
Das ist Erinnerung an das Geschehen mit Gott, die allen Juden gegeben ist. Davon kann mich
die Vollkommenheit des christlichen Gottesraums nicht abbringen, nichts kann mich
abbringen von der Gotteszeit Israels.
Ich habe da gestanden und habe alles selber erfahren, mir ist all der Tod wiederfahren:
all die Asche, all die Zerspelltheit, all der lautlose Jammer ist mein; aber der Bund ist
mir nicht aufgekündigt worden. Ich liege am Boden, hingestürzt wie diese Steine. Aber
aufgekündigt ist mir nicht.
Der Dom ist, wie er ist. Der Friedhof ist, wie er ist. Aber aufgekündigt ist uns nicht
worden.«1
Nach der Schoa ist der Satz »Aber aufgekündigt ist uns nicht worden«, gesprochen gegenüber
einer monumentalen Kirche, Anklage und Gebot zugleich. Und es hat viel zu lange gedauert,
bis die Kirchen nach 1945 begonnen haben, die Wahrheit dieses urbiblischen Satzes neu zu
buchstabieren.
Immerhin: Es war wie ein Echo auf Martin Buber, als Papst Johannes Paul II. am 17.
November 1980 in Mainz, also auch in der Nähe von Worms und von Bubers seinerzeitigem
Wohnort Heppenheim, die Juden das »Gottesvolk des von Gott nie gekündigten Alten Bundes«
nannte.2 Damit beendete er die Jahrhunderte lange
kirchliche Lehrtradition von Israel als dem verworfenen Gottesvolk. Er tat dies bekanntlich
in ausdrücklicher Aufnahme der von Paulus in Röm 9-11 (vgl. besonders Röm 11,29)
entfalteten Lehre und in Anknüpfung an die vom Zweiten Vatikanum am 28. Oktober 1965
verabschiedete Erklärung »Nostra Aetate« über das Verhältnis der Kirche zu den
nichtchristlichen Religionen. Die Bedeutung des 4. Artikels dieser Erklärung sah der Papst
bei seinem historischen Besuch der Synagoge in Rom am 13. April 1986 darin, dass »mit
diesem kurzen, aber prägnanten Abschnitt die entscheidende Wende im Verhältnis der
katholischen Kirche zum Judentum und zu den einzelnen Juden eingetreten«3
ist. Dass das Konzil nach ungeheuer dramatischen Diskussionen sich schließlich doch zu
dieser Erklärung durchrang, hing nicht zuletzt mit der Erkenntnis zusammen, dass es bei
dieser Frage um das biblisch grundgelegte und geschichtlich zu verantwortende Selbstverständnis
der Kirche geht.
2. Die neue Sicht des Zweiten Vatikanums
Genau dies ist auch der Einstiegspunkt des 4. Artikels von »Nostra Aetate«: »Mysterium
Ecclesiae perscrutans, Sacra haec Synodus meminit vinculi, quo populus Novi Testamenti cum
stirpe Abrahae spiritualiter coniunctus est«. Das heißt: Indem und wenn die Kirche sich
auf ihr ureigenes Geheimnis besinnt, stößt sie unweigerlich auf ihre Bindung zum Judentum.
Um es mit den Worten Johannes Pauls II. (aus seiner Rede in der Synagoge von Rom) zu sagen:
»Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas ›Äußerliches‹, sondern gehört in
gewisser Weise zum ›Inneren‹ unserer Religion. Zu ihr haben wir somit Beziehungen wie
zu keiner anderen Religion. Ihr seid unsere bevorzugten Brüder und, so könnte man
gewissermaßen sagen, unsere älteren Brüder.«4
Das Gespräch der Kirche mit den Juden und mit der jüdischen Tradition, das seit dem
Konzil auf vielen Ebenen begonnen hat und das trotz der immensen »Sprachprobleme«
fortgesetzt werden muss, ist als konstitutives Element kirchlichen Lebens ein Akt der Rückkehr
zu den Wurzeln und eine Suche nach Weggemeinschaft mit dem zeitgenössischen
Judentum. Wer hier oberflächlich, unverständig oder zynisch von theologischem
Philosemitismus reden oder nur das schlechte Gewissen der Kirche am Werk sehen würde, hätte
die Tiefendimension des Bandes nicht erfasst, das die Kirche und das Judentum unauflöslich
verbindet (das Konzil gebraucht mit »vinculum« einen Begriff des Eherechts!) und das die
Kirche »zum Dialog mit der jüdischen Gemeinschaft verpflichtet«, wie Johannes Paul II. am
28. Oktober 1985 vor den Teilnehmern der Jahresversammlung der internationalen Kommission für
die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum formulierte.5
Mit der Konzilserklärung von 1965 hat die Kirche mutig begonnen, Schutt und Schmutz aus
der Geschichte ihres Verhaltens gegenüber dem Judentum abzutragen und neue Wege des
Respekts, ja der theologischen Hochschätzung des jüdischen Volkes zu bahnen. Das plakative
Wort von der ecclesia semper reformanda ist gerade hier angemessen, wie der Papst in der
eben zitierten Rede erkennen lässt:
»Es wurde wiederholt gesagt, dass der Inhalt dieses Abschnitts ... bahnbrechend war, die
bestehende Beziehung zwischen der Kirche und dem jüdischen Volk verändert und eine neue
Ära in dieser Beziehung eröffnet hat. Es freut mich, zwanzig Jahre später hier
versichern zu können, dass die Früchte, die wir seit damals geerntet haben ..., die
diesen Behauptungen zugrunde liegende Wahrheit bestätigen. Die katholische Kirche ist
immer bereit, mit Hilfe der Gnade Gottes alles in ihren Haltungen und Ausdrucksmöglichkeiten
zu revidieren und zu erneuern, von dem sich herausstellt, dass es zu wenig ihrer Identität
entspricht ... Sie tut das nicht aus irgendeiner Zweckmäßigkeit, noch um irgendeinen
praktischen Vorteil zu gewinnen, sondern aus einem tiefen Bewusstsein von ihrem eigenen
›Geheimnis‹ und aus einer erneuerten Bereitschaft, dieses Geheimnis in die Tat
umzusetzen.«6
Die Hauptaussagen des Konzils sind eine Abkehr von dem, was jahrhundertelang im Mund
christlicher Theologen, in den Verordnungen kirchlicher und staatlicher Institutionen, in
liturgischen Texten und kirchlichen Liedern, aber auch im Denken und Reden des sogenannten
einfachen Volkes zu finden war. Die »neuen« Aussagen über die Juden und über das Verhältnis
der Kirche zu den Juden lassen sich in zwei Grundthesen zusammenfassen:
- Kirche und jüdisches Volk sind vielfältig miteinander verbunden bis heute!
Insbesondere hat die Kirche jüdische Wurzeln: Sie darf nie vergessen, dass sie »genährt
wird (Präsens!) von der Wurzel des guten Ölbaums, in den die Heiden als wilde Schößlinge
eingepfropft sind.«
- In ausdrücklicher Absage an falsche Lehren der Christentumsgeschichte, vor allem in
Katechese und Predigt, wird ausdrücklich eingeschärft, es widerspreche der biblischen
Wahrheit, wenn gesagt wird, die Juden seien »von Gott verworfen oder verflucht«. Im
Gegenteil bekräftigt das Konzil mit Zitat von Röm 11,28, dass die Juden »weiterhin
von Gott geliebt werden«, der sie mit einer »unwiderruflichen Berufung« erwählt hat.
3. Stellungnahmen der evangelischen Kirchen
Im Raum der evangelischen Kirchen kündigte sich die Revision des theologischen und
kirchlichen Denkens schon früher an. Die EKD-Synode in Berlin-Weißensee formulierte
bereits 1950 wegweisend: »Wir glauben, dass Gottes Verheißung über dem von ihm erwählten
Volk Israel auch nach der Kreuzigung Jesu Christi in Kraft geblieben ist.«7
Auf diesem Weg sind seither zahlreiche Gliedkirchen der EKD gefolgt. Und die EKD selbst hat
zwei von ihrer Studienkommission »Kirche und Judentum« verfasste Studien »Christen und
Juden I« (1975) sowie »Christen und Juden II« (1991) publiziert, die über den bislang
erreichten Konsens hinaus den Fragehorizont abstecken, in dem künftig weiter gearbeitet
werden muss.
Der weite Weg, den die evangelischen Kirchen in Deutschland in ihrer theologischen Sicht
des Judentums in den letzten fünfzig Jahren gegangen sind, wird besonders erkennbar, wenn
man den beiden Studien »Christen und Juden« den überhaupt ersten theologischen Text zum
Verhältnis von Christen und Juden gegenüberstellt, der je von einem kirchlichen Gremium in
Deutschland veröffentlicht wurde. Dieses »Wort zur Judenfrage« wurde am 8. April 1948 vom
sogenannten Bruderrat der evangelischen Kirche in Deutschland verabschiedet, einem Gremium,
dem Theologen angehörten, die in der Bekennenden Kirche Widerstand gegen die Nazis
geleistet hatten - und die vor dem Hintergrund der Jahrhunderte langen theologischen und
kirchlichen Verachtung der Juden offensichtlich nicht anders sprechen konnten: »Indem
Israel den Messias kreuzigte, hat es seine Erwählung und Bestimmung verworfen ... Die Erwählung
Israels ist durch und seit Christus auf die Kirche aus allen Völkern, aus Juden und Heiden,
übergegangen.«8 Unabhängig von der Frage, dass es
historisch falsch ist, »die Juden« bzw. »Israel« für die Kreuzigung Jesu verantwortlich
zu machen, wird hier dogmatisch behauptet, was der biblischen Grundbotschaft von der
Unwiderrufbarkeit der Erwählung Israels widerspricht.
4. Positionen der katholischen Theologie
Das dies auch die Position der katholischen Kirche Deutschlands war, zeigen zwei Zitate
prominenter Theologen während und nach der Nazizeit. Das erste Zitat stammt aus einer
seinerzeit viel beachteten Predigt, die Kardinal Michael Faulhaber am 3. Dezember 1933 in
St. Michael zu München unter dem Thema »Das Alte Testament und seine Erfüllung im
Christentum« gehalten hat. Dabei sagte er u.a.:
»Wir müssen unterscheiden zwischen dem Volke Israel vor dem Tode Christi und nach dem
Tode Christi. Vor dem Tode Christi, die Jahre zwischen der Berufung Abrahams und der Fülle
der Zeiten, war das Volk Israel Träger der Offenbarung ... Nach dem Tode Christi wurde
Israel aus dem Dienst der Offenbarung entlassen. Sie hatten die Stunde der Heimsuchung
nicht erkannt. Sie hatten den Gesalbten des Herrn verleugnet und verworfen, zur Stadt
hinausgeführt und ans Kreuz geschlagen. Damals zerriss der Vorhang im Tempel auf Sion und
damit der Bund zwischen dem Herrn und seinem Volk. Die Tochter Sion erhielt den
Scheidebrief, und seitdem wandert der ewige Ahasver ruhelos über die Erde.«9
Als Folge der Verwerfung Israels habe die Kirche aus der Hand Jesu Christi das Alte
Testament als göttliche Offenbarung erhalten und sogar alttestamentliche Texte in ihre
Liturgie aufgenommen. Doch, so betont der Kardinal,
»wurde das Christentum durch Übernahme dieser Bücher keine jüdische Religion. Diese Bücher
sind nicht von Juden verfasst, sie sind vom Geiste Gottes eingegeben und darum Gotteswort
und Gottesbücher. Diese Geschichtsschreiber waren Schreibgriffeln Gottes, diese Sänger
von Sion waren Harfen in der Hand Gottes, diese Propheten waren Lautsprecher der
Offenbarung Gottes. Darum bleiben diese Bücher glaubwürdig und ehrwürdig auch für spätere
Zeiten. Abneigung gegen Juden von heute darf nicht auf die Bücher des vorchristlichen
Judentums übertragen werden.«10
Das zweite Zitat stammt von Karl Rahner, der in dem von ihm 1961 (zusammen mit Herbert
Vorgrimler) herausgegebenen »Kleinen Theologischen Wörterbuch« im Kontext des Artikels »Altes
Testament, Alter Bund« lapidar feststellte: »Jesus erfüllt das Gesetz und hebt den Alten
Bund in seinem Blut auf«.11 In der 10., völlig neu
bearbeiteten Auflage von 1976 lautet dieser (nun von H. Vorgrimler formulierte) Satz: »Jesus
erfüllt das Gesetz und schließt den Neuen Bund in seinem Blut«.12
5. Mitverantwortung und Schuld
Dass es bei diesen theologischen Positionen nicht um ein Gelehrtenproblem ging und geht,
hat allerspätestens die Schoa in erschreckender Weise offenkundig gemacht. Wir erkennen
heute sehr deutlich, dass die Jahrhunderte lange theologisch motivierte Judenfeindschaft eine
der Wurzeln des rassistischen Antisemitismus war. Die kirchliche Praxis der Judenverachtung
und die theologischen Verdammungsurteile gegenüber den Juden waren ein Element auf
dem Weg zur Schoa. An dieser Mitverantwortung und Schuld kommen wir nicht vorbei. Das
Bekenntnis dieser Schuld ist die Voraussetzung für eine echte Erneuerung auf allen Feldern
kirchlichen Lebens.
Dies haben die deutschen katholischen Bischöfe klar erkannt, wenn sie in ihrer Erklärung
zum 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1995 festgestellt haben, dass
die theologische Judenfeindschaft und die auch im kirchlichen Bereich weit verbreiteten
antijüdischen Klischees mit dazu beigetragen haben,
»dass Christen in den Jahren des Dritten Reiches nicht den gebotenen Widerstand gegen den
rassistischen Antisemitismus geleistet haben. Es hat unter Katholiken vielfach Versagen
und Schuld gegeben. Nicht wenige haben sich von der Ideologie des Nationalsozialismus
einnehmen lassen und sind bei den Verbrechen gegen jüdisches Eigentum und Leben gleichgültig
geblieben. Andere haben dem Verbrechen Vorschub geleistet oder sind sogar selber
Verbrecher geworden. Unbekannt ist die Zahl derer, die beim Verschwinden ihrer jüdischen
Nachbarn entsetzt waren und doch nicht die Kraft zum sichtbaren Protest fanden. Jene, die
bis zum Einsatz ihres Lebens halfen, blieben oft allein. Es bedrückt uns heute schwer,
dass es nur zu Einzelinitiativen für verfolgte Juden gekommen ist und dass es selbst bei
den Pogromen vom November 1938 keinen öffentlichen und ausdrücklichen Protest gegeben
hat, als Hunderte von Synagogen verbrannt und verwüstet, Friedhöfe geschändet, tausende
jüdischer Geschäfte demoliert, ungezählte Wohnungen jüdischer Familien beschädigt und
geplündert, Menschen verhöhnt, misshandelt und sogar ermordet wurden. Der Rückblick auf
die Geschehnisse vom November 1938 und die zwölfjährige Gewaltherrschaft der
Nationalsozialisten vergegenwärtigt die schwere Last der Geschichte. Er erinnert daran,
›dass die Kirche, die wir als heilig bekennen und als Geheimnis verehren, auch eine sündige
und der Umkehr bedürftige Kirche ist (Wort der deutschsprachigen Bischöfe aus Anlass des
50. Jahrestages der Novemberpogrome 1938).‹
Versagen und Schuld der damaligen Zeit haben auch eine kirchliche Dimension. Daran
erinnern wir mit dem Zeugnis der gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik
Deutschland: ›Wir sind das Land, dessen jüngste politische Geschichte von dem
Versuch verfinstert ist, das jüdische Volk systematisch auszurotten. Und wir waren in
dieser Zeit des Nationalsozialismus, trotz beispielhaften Verhaltens einzelner Personen
und Gruppen, aufs Ganze gesehen doch eine kirchliche Gemeinschaft, die zu sehr mit dem Rücken
zum Schicksal dieses verfolgten jüdischen Volkes weiterlebte, deren Blick sich zu stark
von der Bedrohung ihrer eigenen Institutionen fixieren ließ und die zu den an Juden und
Judentum verübten Verbrechen geschwiegen hat... Die praktische Redlichkeit unseres
Erneuerungswillens hängt auch an dem Eingeständnis dieser Schuld und an der
Bereitschaft, aus dieser Schuldgeschichte unseres Landes und auch unserer Kirche
schmerzlich zu lernen‹ (Beschluss ›Unsere Hoffnung‹, 22. November 1975).«13
Zwar fallen die jüngsten vatikanischen Erklärungen mit ihrer Unterscheidung von der
heiligen Kirche, die nicht sündigen kann, und den Söhnen und Töchtern der Kirche, die
schuldig geworden sind an Israel und darin vor Gott, hinter diese Positionen wieder zurück,14
doch haben immerhin die Schuldbekenntnisse von Johannes Paul II. am 1. Fastensonntag
2000 und insbesondere in Jad Vashem am 28. März 2000 während seiner Israelreise deutlich
gemacht, dass die Kirche durch ihre Amtsträger und damit als Institution Schuld auf sich
geladen hat und zur Umkehr bereits ist.
6. Umdenken und Umkehr gerade in der Liturgie
Wenn das »neue« Denken, das in einem in den letzten Jahrzehnten gewachsenen ökumenischen
Konsens ein für allemal alle Varianten (auch die subtilen und »frommen«!) der kirchlichen
Lehre von der Verwerfung Israels positiv überwinden will, zugegebenermaßen etwas
pathetisch, als »Wende«, »Umdenken« und »Umkehr« bezeichnet wird, kommt in der Tat zum
Ausdruck, dass sich heute diesbezüglich ein Bruch in der Christentumsgeschichte vollziehen
muss, ein Paradigmenwechsel. Wer sich hier a priori und aus welchen Gründen auch immer dem
Gedanken eines »Bruchs« widersetzt, sollte sich bewusst machen: Die Lebendigkeit des
Christentums hat sich nicht zuletzt in ihren kleinen und großen Unterbrechungen, Brüchen
und Abbrüchen erwiesen.
Was das Verhältnis der Kirche zum Judentum betrifft, stehen wir damit vor einem
theologischen Neuanfang: Die »Wiederentdeckung« der bleibenden theologischen Würde
Israels fordert gegenüber der traditionellen Lehre von der Kirche (Ekklesiologie) einen
gewaltigen Perspektivenwechsel, den R. Rendtorff treffend so charakterisiert hat:
»Es gilt ..., die Identität Israels unverkürzt festzuhalten. Das theologische Problem
kehrt sich damit um: Es geht nicht mehr darum, von der christlichen Theologie aus Israel
zu definieren und damit einen Platz für Israel im christlichen Denkgebäude zu finden,
sondern vielmehr darum, angesichts des Weiterbestehens des biblischen Israels die Kirche
zu definieren, ohne dabei mit den biblisch begründeten, unverändert gültigen Aussagen
über Israel in Konflikt zu kommen.«15
Das »neue« Denken über das Judentum und über das Verhältnis der Christen zu den
Juden, das im Grunde nur eine Rückkehr zu den urbiblischen Aussagen ist, muss in allen
Vollzügen kirchlichen Lebens zu Erneuerung führen, insbesondere in der Liturgie. Die
Liturgie ist ja der Ort und die Zeit, in denen die Kirche das Geheimnis ihrer Stiftung und
Erneuerung durch den lebendigen Gott, der zuallererst der Gott Israels war und bleibt,
realisiert. Deshalb kann und muss die Liturgie die Zeit sein, in der die Kirche ihre
heilsgeschichtliche Zeitgenossenschaft mit dem Judentum erinnert und feiert – zum
Heil der ganzen Welt. Deshalb muss die Jahrhunderte lange Epoche der kirchlichen
Israelvergessenheit endlich zu Ende gehen, und zwar gerade dadurch, dass die Liturgie (die
ja ohnedies faktisch ihre jüdischen Ursprungselemente bewahrt hat) zu einem
produktiven Ort christlicher Israeltheologie wird, die eben nicht mehr von Substitutions-
oder gar Damnations- gedanken geprägt sein darf, auch nicht von den für die Juden in der Vergangenheit so
fatale christlichen Superioritätsgefühlen .
Christliche Liturgie muss so erneuert werden, dass die bleibende heilsgeschichtliche
Weggemeinschaft von Juden und Christen zum Ausdruck kommt.
»Jedem, der heute am Gottesdienst partizipiert, müsste deutlich werden können, dass er
in eine Prozession des Gotteslobs eingereiht ist, die aus den Tiefen der Jahrhunderte von
Abel bis Abraham herkommt ... Die Kraft der Liturgie liegt darin, dass sie Gedächtnis
ist. Sie soll heilsgeschichtliche Tiefe nicht nur besitzen, sie muss sie auch ins Zeichen
und ins Wort bringen, damit sie ›identisch‹ wird und Leben hervorbringt.«16
Diese liturgische Öffnung christlichen Lebens für die theologische Würde Israels und
die christlich-jüdische Zeitgenossenschaft muss gerade nach der Schoa bewusst vollzogen
werden – aus theologischem Respekt vor den jüdischen Opfern. Was J.B.Metz von der
christlichen Theologie fordert, gilt in besonderem Maße von der Liturgiewissenschaft und
von der gelebten Liturgie: »Was christliche Theologen für die Ermordeten von Auschwitz und
damit auch für eine zukünftige christlich-jüdische Ökumene ›tun‹ können, ist in
jedem Fall dies: keine Theologie mehr zu treiben, die so angelegt ist, dass sie von
Auschwitz unberührt bleibt bzw. unberührt bleiben könnte.«17
Fussnoten
- M. Buber, Kirche, Staat, Volk, Judentum, in: ders., Der Jude und sein
Judentum. Gesammelte Aufsätze und Reden (bibliotheca judaica) Gerlingen 21993, 569.
- R. Rendtorff/ H.H. Henrix (Hrsg.), Die Kirchen und das Judentum:
Dokumente von 1945-1985, Paderborn/ München 2. 1989, 75.
- Vgl. ebda. 108f.
- Vgl. ebda. 109.
- Vgl. ebda. 106.
- Vgl. ebda. 104.
- Vgl. ebda. 549.
- Vgl. ebda. 542.
- M. Faulhaber, Das Alte Testament und seine Erfüllung im Christentum,
München 1933, 4f.
- Vgl. ebda. 13.
- K. Rahner/ H. Vorgrimler, Kleines Theologisches Wörterbuch,
Freiburg 1961,16.
- K. Rahner/ H. Vorgrimler, Kleines Theologisches Wörterbuch,
Freiburg, 10.Aufl., 1976,15.
- Pressemitteilungen der Deutschen Bischofskonferenz vom 24. Januar
1965.
- Vgl. besonders das Dokument der »Päpstlichen Kommission für die
religiösen Beziehungen zu den Juden« von 1998: »Wir erinnern: Eine Reflexion über
die Shoah.«
- R. Rendtorff, Hat denn Gott sein Volk verstoßen? Die evangelische
Kirche und das Judentum seit 1945. Ein Kommentar, München 1989,114.
- N. Lohfink, Altes Testament und Liturgie: LJ 47,1997,5.
- J.B. Metz, Jenseits bürgerlicher Religion, Mainz 1980,42
Dr. Erich Zenger ist Professor an der Universität in Münster. © Copyright 2000 Koordinierungsausschuss
für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit |