Interreligiöses Lernen im Lehramtsstudium der Katholischen Theologie

Katharina Welling untersuchte in ihrer Dissertation[1] im Rahmen einer Lehrveranstaltung im Lehramtsstudium der katholischen Theologie an der TU Dortmund, wie sich ein direktes interreligiöses Lernen in die Praxis umsetzen lässt und was es dabei zu beachten gilt.

Für dieses Lernsetting wird auf die Methode des Scriptural Reasoning (SR) zurückgegriffen, bei der Personen aus unterschiedlichen Religionen mithilfe religiöser sowie philosophischer Texte eine Form des interreligiösen Dialogs führen. Sie setzte sich mit der Forschungsfrage auseinander, wie sich der interreligiöse/‚interweltanschauliche‘ Dialog, angebahnt durch das SR, für die Lehramtsausbildung – insbesondere der katholischen Theologie – fruchtbar machen lässt.[2]

Forschungsort war eine dreitägige Blockveranstaltung, die auch für Studierende aus dem Studiengang der Philosophie zugänglich war. Dadurch sollten weltanschauliche Pluralität bzw. religionskritische sowie nichtreligiöse Positionen in der Untersuchung ebenfalls ihren Platz finden.

Ausgangspunkt der Forschungen ist die Feststellung Wellings, dass Religionslehrkräfte im Schulalltag vermehrt mit religiöser Pluralität konfrontiert seien und interreligiös handeln sowie kooperieren müssen. Dennoch sei der interreligiöse Dialog in der universitären Ausbildung kaum etabliert, obwohl die Deutsche Bischofkonferenz bereits 2011 in den Kirchlichen Anforderungen an die Religionslehrbildung eine explizite „interreligiöse Dialog- und Diskurskompetenz“[3] als Ziel der Ausbildung formulierte. Sie arbeitet zusätzlich heraus, dass es an einer entsprechenden Reflexion bezüglich einer religionsübergreifenden Zusammenarbeit im universitären Kontext mangle, gleichwohl im religionspädagogischen Diskurs der interreligiöse Dialog in Begegnung als der ‚Königsweg‘ interreligiöser Bildung gehandelt werde.[4] Sie formuliert demnach zusammengefasst den Anspruch an das katholische Lehramtsstudium, berufliche Handlungsfähigkeit im Bereich des interreligiösen Dialogs auszubilden. Denn: Studien zeigen, dass sinnvoll umgesetzte religionskooperative Lernsituationen kompetente Lehrkräfte voraussetzen. Pädagogische sowie didaktische Ansätze, wie sich Dialoge in Lernsettings umsetzen lassen, fehlen dennoch weitgehend.

Um im Studium auf die oben genannten Herausforderungen vorzubereiten und dabei das Potenzial des interreligiösen bzw. ‚interweltanschaulichen‘ Dialogs zu nutzen, entschied sich Welling – wie bereits oben erwähnt – für die Untersuchung der Anwendung der Methode des Scriptural Reasoning in einer Lehrveranstaltung. Das Scriptual Reasoning erwuchs aus dem Textual Reasoning, eine textbasierte jüdische Praxis, um dem jüdischen Denken nach der Shoah eine neue Form zu verleihen. Dabei diskutierten jüdische Schriftgelehrte mit jüdischen Philosophen und Theologen gemeinsam bedeutende Texte aus verschiedenen Schriften (hebräische Bibel, Talmud, westliche Philosophie) mit dem Ziel, dialogische und exegetische Antworten auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen zu formulieren. Durch den zunehmenden Religionsplural und auch bedingt durch die Anschläge am 11. September 2001 kam dem Austausch mit anderen Religionsgemeinschaften immer mehr Bedeutung zu und es etablierte sich das Scriptual Reasoning. Dabei werden Personen des jüdischen, christlichen und muslimischen Glaubens zu Gästen in den jeweiligen anderen schriftbasierten Traditionen und der interreligiöse Austausch wird dabei durch Textausschnitte aus den Heiligen Schriften fundiert. Welling meint dazu: „ […] das Konzept des SR […] zielt auf die Fundierung einer reflektierten Kommunikation und gewährt den Teilnehmer/inne/n verschiedener Religionen hierbei Raum, ihre grundlegenden Weltanschauungen in der Konfrontation mit der/dem religiös Anderen zu explizieren“ (S. 126). Ziel ist die Anerkennung der Einzigartigkeit der anderen Religionen. Die praktische Umsetzung der SR-Methode unterliegt keinen expliziten Regeln, da es keine theoretische Basis gibt, was dem Grund geschuldet ist, dass Begegnungen unvorhersehbar sowie unkontrollierbar sind. Welling führt infolgedessen literaturbasiert Leitlinien an, die als Orientierungspunkte für die Gestaltung eines fruchtbaren Dialogs dienen können, aber nicht als verbindlich anzusehen sind. Dazu gehören unter anderem eine offene Grundhaltung, die Bereitschaft, mit heiligen Texten zu arbeiten, und auch die Anerkennung, dass es sich um besondere Texte für eine Religionsgruppe handelt, sowie die Akzeptanz, dass keine letztgültige Bedeutung des Textes unfehlbar definiert werden kann.

In ihren Forschungen öffnete Welling den Dialog auch für Teilnehmer*innen mit nichtchristlichen Weltanschauungen und integrierte philosophische Textausschnitte, die den religiösen Ansätzen gegenübergestellt wurden, in das SR-Format, um die Wirkungsweisen dieser Erweiterung ebenfalls zu berücksichtigen. Deshalb charakterisiert sie den Dialog auch als einen ‚interweltanschaulichen‘. Um sich vom universitären Kontext zu lösen, der durch institutionelle Rahmenbedingungen sowie einem Hierarchiegefälle zwischen Lehrpersonen und Lehrenden geprägt ist, entschied sie sich dafür, die Umsetzung des SR in Räumlichkeiten der Katholischen Hochschulgemeinde zu verlegen. Dies diente dem Zweck, eine vertrauensvolle Atmosphäre herzustellen, die einem ehrlichen sowie ungehemmten Dialog dienlich schien. Grundlage des Dialogs bildete die Thematik ‚Gott und Mensch‘. Es wurden sowohl Texte aus dem Koran als auch aus der Bibel zu den jeweiligen Schöpfungserzählungen gewählt, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Mensch und Gott implizieren. Mit dem Textausschnitt „Das Wesen des Christentums“ von Ludwig Feuerbach setzte sie den Ansätzen aus den Heiligen Schriften einen religionskritischen entgegen.

Für die Datenerhebung entschied sich Welling für das Forschungsdesign der ‚Lab-in-the-Field-Forschung‘. Das heißt, sie erforschte die SR-Treffen mithilfe einer Kombination aus teilnehmender ethnographischer Feldforschung, Videografie und Interviews mit Dialog-Teilnehmenden. Diese Methodenkombination schafft einen mehrperspektivischen Zugang zum Forschungsgegenstand und dient einer validen Überprüfung der Ergebnisse.

Ihre Studie hat unter anderem gezeigt, dass das Lernen in der Gegenwart des religiös Anderen einen Reflexionsprozess auslöst, der sowohl den eigenen als auch den anderen religiösen oder weltanschaulichen Standpunkt betrifft. Aus der Ergebnisanalyse entwickelte Welling anschließend einen Leitfaden für die fruchtbare Umsetzung des SR in der Lehramtsausbildung im universitären Kontext. Dieser setzt sich aus folgenden drei Bestandteilen zusammen: 1. diskursive Einführung, 2. performatives Erleben und 3. diskursive Reflexion. Eine angemessene Vorbereitung ist laut Welling notwendig, da eine direkte Konfrontation mit unterschiedlichen (religiösen) Positionen die Ausnahme darstellt und eine angemessene Grundhaltung nicht automatisch gegeben ist. Eine diskursive Reflexion sei, so Welling, sinnvoll, in homogenen Gruppen vorzunehmen. Es sei wichtig, den Teilnehmenden nach dem Dialog die Möglichkeit zu bieten, nicht nur positive Eindrücke zu teilen, sondern auch Raum zu geben, in dem Irritationen offen angesprochen werden können. Dies sind ebenfalls spannende Ergebnisse in Hinblick auf interreligiöse Lernprozesse in Begegnung, auf die in zukünftigen Forschungen aufgebaut werden kann. Der qualitative Forschungsansatz scheint zielführend zu sein, um dem flexiblen Charakter des Forschungsgegenstands ‚Dialog‘ gerecht zu werden. Der Leitfaden enthält didaktisch sinnvolle Umsetzungsvorschläge für die Methode des SR im universitären Kontext. Um die Forschungsergebnisse zu überprüfen, lohnt es sich gewiss, den Leitfaden an anderen Universitäten in vergleichbaren Settings einzusetzen und zu überprüfen. Dadurch könnte dieser evaluiert, erweitert sowie korrigiert und verbessert werden.

[1] Welling, Katharina: Interreligiöses Lernen im Lehramtsstudium der Katholischen Theologie. Empirische Untersuchungen des Scriptural Reasoning als Basis dialogischer Lernprozesse, Münster / New York: Waxmann 2020 (=Religious diversity and education in Europe 44).
[2] Ebda., 16.
[3] Die Deutsche Bischofskonferenz: Kirchliche Anforderungen an die Religionslehrerbildung, Bonn 2011 (=Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz), 21.
[4] Vgl. Leimgruber, Stephan: Interreligiöses Lernen, München: Kösel 22012, 101.

Editorische Anmerkungen

Mag.a Eva Wenig ist wissenschafltiche Mitarbeiterin im FWF-Projekt "Christlich-Islamischer Religionsunterricht im Teamteaching" an der Universität Graz und und Lehrerin für die Fächer Katholische Religion und Deutsch an der Modellschule in Graz.
Quelle: Österreichisches Religionspädagogisches Forum, 2022, 30(1), S. 272-275. https://doi.org/10.25364/10.30:2022.1.17

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