Kirchen suchen nach Wegen im Mittleren Osten

Die angestrebte mittelöstliche Bischofssynode hat ein doppeltes Ziel: Die Christen der Region im Glauben und in der Identität zu stärken, damit sie Zeugnis geben können von christlichem Leben in einer „authentischen, freundlichen und gewinnenden Weise“ (§2).

Kirchen suchen nach Wegen im Mittleren Osten

Auslandsgemeinden im Mittleren Osten stehen vor großen Herausforderungen. Das gilt für alle Kirchen. Die evangelische Kirche versucht, die Auslandsarbeit zu stabilisieren und weiterzuentwickeln trotz eklatanter Finanzrückgänge. Zu diesem Zweck werden die Freiwilligkeitsstruktur, das Ehrenamt und die Selbstfinanzierung von Gemeinden angestrebt. Das Ziel fuer die historischen deutschsprachigen Migrantengemeinden ist dabei die völlige Integration in die lokalen Partnerkirche, wobei manche Gemeinden, wie etwa die in Dubai und Teheran erhalten bleiben mögen. Man sucht nach karitativen, edukativen und ökumenischen Projekten, um die Gemeinden für die Zukunft vorzubereiten und Potentiale für größere finanzielle Eigenständigkeit zu schaffen. Die Entscheidungen dafür werden für die Leitungsgremien der EKD von den entsprechenden Oberkirchenräten vorbereitet.

Andere Kirchen gehen andere Wege. Die orthodoxen Kirchen im Mittleren Osten beantworten die Herausforderung mit dem Bau neuer Kirchen in der Region. Besonders der Bau der orthodoxen Kirche in Qatar, wo vor einem Millennium die letzte der damaligen reichen Qatarkirchen zerstört wurde, beeindruckt. Anglikaner und Katholiken machten es den Orthodoxen in Qatar nach.

Alle Christen in dem Gebiet zwischen Idonesien und Sudan, zwischen der Türkei und Saudi Arabien stellen die Frage nach dem Überleben. Den Orthodoxen mit ihrer 1500jährigen Lebenserfahrung in muslimisch eroberten Gebieten stehen etwa die Protestanten mit einer 150jährigen Erfahrung gegenüber. Die Überlegung allerdings, sich aus diesen Gebieten zurückziehen und die entstandenen Gemeinden entweder zu schließen oder sie einheimischen Parntern zu überlassen, ist singulär und hiesigen Kirchen wie einheimischen Christen fremd. Weder pekuniäre Gründe überzeugen noch Integrationsüberlegungen. Im Mittleren Osten entstand das Christentum und dieser Pfingstgeist hat nie aufgehört zu wirken.

Auch die katholische Kirche sucht nach Wegen des Überlebens. Auch ihr geht es um die Stärkung und Erhaltung der Gemeinden im Mittleren Osten. Um dieses Ziel zu erreichen, hat sie eine historisch erstmalig Besondere Versammlung für den Mittleren Osten der Bischofssynode angesetzt, die für den 10.-24. Oktober 2010 in Rom unter dem Titel Die Katholische Kirche im Mittleren Osten: Gemeinschaft und Zeugnis.“Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele“ (Apg. 4,32) stattfinden soll. Zu diesem Zweck haben die Östlichen Patriarchen und Erzbischöfe ein Vorbereitungsdokument (Lineamenta) in Auftrag gegeben, das die Situation der Christen im Mittleren Osten darstellt. Dieses 92paragraphige Dokument ist auf Arabisch erstellt von arabischen Katholiken für Katholiken. Es wird aber inzwischen auch von nicht-Katholiken in der ganzen Region diskutiert, weil es die Lage in vielen Punkten ausführlich beschreibt und zugleich nach Lösungen im Rahmen der christlichen Tradition sucht. Auch der Pfingstgeist kommt nicht zu kurz. Es soll im Folgenden dargestellt werden.

Die angestrebte mittelöstliche Bischofssynode hat ein doppeltes Ziel: Die Christen der Region im Glauben und in der Identität zu stärken, damit sie Zeugnis geben können von christlichem Leben in einer „authentischen, freundlichen und gewinnenden Weise“ (§2). Die Synode will die soziale und religiöse Lage analysieren, um Christen eine klare Vision ihrer Präsenz in muslimischen (arabisch, israelisch, türkisch, iranisch) Gesellschaften und ihrer Rolle und Mission in diesen Ländern zu geben und sie so zu einem authentischen Zeugnis von Christus vorzubereiten. Das Wort der Heiligen Schrift und seine rechtes Hören sei dabei die Richtschnur (§4).

In drei Kapiteln wird die Arbeit der Synode vorbereitet. Kapitel 1:„Die Katholische Kirche im Mittleren Osten“ betrachtet in drei Unterabschnitten die gegenwärtige Situation der Christen im Mittleren Osten (A), die Herausforderungen, denen sich die Christen stellen müssen (B) und die christliche Verantwortung im täglichen Leben (C).

Angesichts der bestehenden Herausforderung (A) wird betont, daß die Unterteilung der drei großen Osttraditionen, nämlich in „Nestorianer“, „Jakobiten“ und „Melkiten“ nicht dogmatisch, sondern politisch-kulturell begründet sei (§8). Käme die nach sieben Riten lebende katholische Kirche im Mittleren Osten zum Ende, dann wäre das ein großer Verlust für die ganze Kirche (§11). Deswegen trage die jetzigen Christen in dieser Gegend eine große Verantwortung, den christlichen Glauben nicht nur in diesen Ländern aufrechtzuerhalten, sondern auch den Geist des Evangeliums und die Erinnerung an die christlichen Anfänge (§13). Islamisch-fundamentalistische Gruppen breiteten sich aus und Medien seien kontrolliert, aber die Mehrheit der Bevölkerung sehnte sich nach Demokratie.

Eine hohe Aufmerksamkeit in der Beschreibung des politischen Konflikts (B) bekommt aus der Sicht der arabischen Autoren der palästinensische Konflikt, der auf der Besetzung palästinensischen Landes durch Israel beruhe (§18). Die Probleme für Christen im Iraq, dem Lebanon und der Türkei werden erwähnt. Verschiedene Apekte der im Islam institutionalisierten Verdrängung der Christen aus der Gesellschaft werden in den drei Hauptkapiteln jeweils beschrieben (§§21.24.25-35.68-79.83). Christlich Positives wird dem entsprechend gegenübergestellt, besonders die Beiträge der Christen im Alltag zum ethischen Leben und zur Bildung von civitas (§§30-35), die Kirchengemeinschaft als Zeichen der Hoffnung und Stabilität für die Gemeinden und Stärkung der Gemeindeführung (§§36-45) oder das christliche Zeugnis (§§46-60). Während im Islam Religion als eine Nationalzugehörigkeit verstanden und eine Konversion vom Islam als Staatsverrat gesehen wird, stehen Christen unter islamischem Proselytismusdruck (§§ 22-23). Diese Herausforderung wird ebenso wie soziale und ungerechte Ausbeutung christlicher Gastarbeiter, der sexuelle Mißbrauch von Frauen und die Verletzung internationaler Rechte als Wahrnehmungsaufgabe und pastorale Verantwortung der Kirche gesehen (§§28-29).

Die Haltung der Christen in den Ländern des Mittleren Ostens (C) solle nicht von Angst und Sorge um die Verletzung ihrer Rechte bestimmt sein, sondern auf Glauben beruhen, bei dem das christliche Vorleben eine wichtige Rolle in der Gemeindeführung spiele (§§30-35).

Das 2. Kapitel „Kirchengemeinschaft“ ist das kürzeste der drei, unterstreicht aber die Bedeutung der Einheit der Kirchengemeinschaft gerade in dieser Region in dieser Zeit, die auf der Eucharistiegemeinschaft und der Gemeinschaft mit Rom beruhe (§38). Schulen, Universitäten und karitative Einrichtungen dienten Christen aller Kirchen (§39), sollten aber spirituell und moralisch verantwortlich von den Geistlichen der Kirchengemeinschaft geleitet werden (§42).

Das längste ist das 3. Kapitel „Christliches Zeugnis“, in dem geht es um den Aufbau und die Stärkung der Kirchen und Gemeinden in den mittelöstlichen Ländern. Hierbei spielen besonders die katechetische Erziehung der Jugend eine Rolle (§§47-51), das Mitienander mit anderen Kirchen in der Region (§§53-57) und die Lösung von vier gemeinsamen Projekten, die der Rat der Katholischen Patriarchen des Mittleren Ostens und die Orthodoxen Patriarchate von Libanon und Syrien gemeinsam angehen, nämlich interkonfessionelle Ehe, Erstkommunion, gemeinsamer Katechismus und gemeinsame Daten für Weihnachten und Ostern. Die ersten drei Projekte seien bereits gelöst (§58). Das Studium von Aramäisch und Arabisch solle gefördert (§59) und die Liturgie auf der Grundlage der Tradition modernen spirituellen und pastoralen Bedingungen angeglichen werden (§60).

Die Paragraphen über „die spezielle Beziehung mit dem Judentum“ (§§61-67) betonen, daß aufgrund des Konflikts zwischen den Palästinensern und der arabischen Welt einerseits und dem Staat Israel andererseits der Dialogue in den Kirchen der Region sehr wenig entwickelt und die Beziehungen mit dem Judentum das Vorrecht der Kirchen in Jerusalem sei (§61). Die politische Ebene ist auch in diesem Abschnitt bestimmt durch den Hinweis auf die in den mittelöstlichen Ländern bestehende Feindschaft zu Israel, die von dessen Besatzung palästinensischer Gebiete und einigen libanesischen und syrischen Territorums herrühre (§63). Frieden müsse aber gefördert werden zwischen Juden, Christen und Muslimen (§66). Theologisch wird auf Nostra Aetate no.4 verwiesen, das die Verbindung zwischen Juden und Christen hervorhebt (67).

Die „Beziehungen mit den Muslimen“ basieren auf zwei Prinzipien, so die Autoren. Einserseits seien Christen und Muslime Bürger desselben Landes mit derselben Sprache und Kultur, andererseits betrachteten Muslime sie oft als nicht-Bürger, was für Christen zu gefährlichen Situationen führen könne (§68). Aufgrund der generellen Situation seien darum die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen nicht immer leicht (§71).

Im Hinblick auf den Beitrag der Christen in den moslemischen Gesellschaften gäbe es zwei Herausforderungen. Mehrere Länder (Palästina, Irak) befänden sich im Krieg und die ganze Region leide darunter. Zum anderen gäbe es das Mißverständnis in der arabischen Welt, die Christen im Osten mit dem Westen gleichzusetzen, obschon dessen Regierungen mehrheitlich säkular und nicht christlich seien. Diese Verwirrung komme von der Tatsache, daß die muslimische Welt versäume, eine Unterscheidung zwischen Politik und Religion zu machen (§76). Es sei wichtig zu erklären, was „säkular“ wirklich bedeute und daß es keine „Liga Christlicher Staaten“ im Unterschied zu der existierenden „Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) gäbe (§76).

Die „Beziehungen von Staat und Kirche“ in den mittelöstlichen Ländern sei davon bestimmt, daß normalerweise der Islam die Staatsreligion sei. Die prinzipielle Quelle der Legislative sei der Islam, inspiriert vom Sharia Gesetz. Religiöse Erziehung sei nicht immer garantiert für Christen (§83). Religions- und Gewissensfreiheit seien der muslimischen Mentalität fremd (§84).

Am Schluß hebt das Dokument den spezifischen und unersetzbaren Beitrag der Christen in ihren jeweiligen Gesellschaften hervor, der auf den Werten des Evangeliums beruhe (§85). Hieraus schöpften Christen die Hoffnung und das Vertrauen auf die Gabe des Heiligen Geistes, den auch die Apsotel zu Pfingsten bekommen haben (§§89-92).

Dieses Arbeitspapier entstand in relativ kurzer Zeit. Es enthält eine Fülle wichtiger Anregungen und benennt die Situation klarer als viele andere Dokumente. Dennoch ließen sich die Lineamenta durch drei Dinge mit Gewinn erweitern: 1. Eine positive Reflexion der Bedeutung des Heiligen Landes, das durch das Pilgerwesen die weltweiten Kirchen mit dem „Taufbecken des Christentums“ verbindet. 2. Eine nähere Beschreibung der Beziehung mit dem Judentum, die nur in Israel erfahren werden kann. 3. „Der Konflikt“ kann nicht der einzige Ausgangspunkt der christlichen Beziehungen zu Israel sein. Auch ist das Judentum und die israelische Gesellschaft dasselbe und doch nicht Dasselbe. Gerade dieser letzte Punkt, daß Israel allein aus der arabischen Perspektive beschrieben wird, ist bereits von katholischen Geistlichen aus anderen Ländern als korrekturnotwendig angezeigt.

Diese Beispiele zeigen, wie alle Kirchen nach Wegen suchen, Kirche verantworlich im Horizont von Geschichte und Gemeindeaufgaben angesichts großer Herausforderungen im Mittleren Osten zu gestalten. Einfach wird die Sache nicht.

Editorische Anmerkungen

Dr. Petra Heldt ist evangelische Pastorin, Dozentin an der Hebräischen Universität, Rothberg International School, für frühe und orientalische Kirchengeschichte sowie Leiterin der Ökumenischen Theologischen Forschungsgemeinschaft in Israel. In gedruckter Fassung erschien ihr vorliegender Beitrag in: Jerusalem. Gemeindebrief – Stiftungsjournal der Erlöserkirche in Jerusalem, Heft 2, Juni-August 2010.