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Lust am Gesetz - Freude an den Geboten!
Roland Werneck
1 Halleluja! Wohl dem, der den HERRN fürchtet,
der große Freude hat an seinen Geboten!
2 Sein Geschlecht wird gewaltig sein im Lande;
die Kinder der Frommen werden gesegnet sein.
3 Reichtum und Fülle wird in ihrem Hause sein,
und ihre Gerechtigkeit bleibt ewiglich.
4 Den Frommen geht das Licht auf in der Finsternis
von dem Gnädigen, Barmherzigen und Gerechten.
5 Wohl dem, der barmherzig ist und gerne leiht und
das Seine tut,
wie es recht ist!
6 Denn er wird ewiglich bleiben;
der Gerechte wird nimmermehr vergessen.
7 Vor schlimmer Kunde fürchtet er sich nicht;
sein Herz hofft unverzagt auf den HERRN.
8 Sein Herz ist getrost und fürchtet sich nicht,
bis er auf seine Feinde herabsieht.
9 Er streut aus und gibt den Armen; seine
Gerechtigkeit bleibt ewiglich.
Seine Kraft wird hoch in Ehren stehen.
10 Der Gottlose wird's sehen und es wird ihn verdrießen;
mit den Zähnen wird er knirschen und vergehen.
Denn was die Gottlosen wollen, das wird zunichte.
Die Psalmen sind das älteste jüdische Gebetbuch.
Die Psalmen sind das älteste christliche Gebetbuch.
Jesus hat selbstverständlich wie jeder fromme Jude Psalmen gebetet.
Die Geschichte seines Leidens
und Sterbens ist in den Evangelien in der Sprache der Psalmen
beschrieben worden.
Jesu letztes Wort vor seinem Tod am Kreuz war die Klage aus Psalm 22:
„Mein Gott, mein Gott, warum
hast Du mich verlassen?"
Die Psalmen sind das älteste christliche Gebetbuch und sie konnten es
nur werden und sein, weil
ursprünglich Juden und Jüdinnen in diesen Gebeten den Gott Israels
anrufen, loben und ihm ihr Leid
klagen.
Manchen Christen ist es nicht bewusst, dass sie diesen Schatz an
Gebeten dem Volk Israel verdanken.
Es gibt christliche Ausgaben von Bibeln, in denen nur das Neue
Testament und die Psalmen enthalten
sind. Die Psalmen werden so als Teil der christlichen Tradition
angesehen, die Tora und die
Propheten hingegen als „jüdisch", was nach dieser Meinung so viel
heißt wie überholt,
unwichtig. Was für ein theologischer Unsinn! Was für eine Häresie!
In unserem Psalm 112 heißt es:
Halleluja!
Wohl dem Mann, der den Herrn fürchtet und ehrt
und sich herzlich freut an seinen Geboten.
Die Psalmen lassen sich nicht von der Tora und den Geboten Gottes
trennen. Im Gegenteil: Es ist
ja auch kein Zufall, dass schon im ersten Psalm der gepriesen wird,
der Lust am Gesetz des Herrn
hat.
Lust am Gesetz, Freude an den Geboten!I
Ich werde nie vergessen, wie ich vor Jahren in einer Synagoge in
Jerusalem zum Fest Simchat Tora
diese Lust am Gesetz und die Freude an den Geboten gesehen und gespürt
habe! Es wurde laut
gesungen, geklatscht und mit den Torarollen im Kreis getanzt. Auch ich
wurde dazu eingeladen und
durfte eine Runde mit einer Torarolle tanzen.
Für einen lutherischen Theologen ist ein solcher Zugang zum Gesetz
Gottes höchst ungewöhnlich und
fremd. In der theologischen Tradition der lutherischen Kirche wird dem
Gesetz, das dem Menschen
seine Sündhaftigkeit und seinen Mangel zeigt, immer das Evangelium
gegenüber gestellt, das den
Menschen erlöst. Gesetz und Evangelium – sehr häufig wurde dieses
Begriffspaar umgelegt auf das
Alte und das Neue Testament.
Das Problem, von dem wir sprechen, ist aber kein historisch
überholtes, es ist in der Tat höchst
aktuell. Vor fast sieben Jahren haben Vertreter des Lutherischen
Weltbundes und des Päpstlichen
Rates zur Förderung der Einheit der Christen eine gemeinsame Erklärung
zur Rechtfertigungslehre
feierlich unterschrieben. In der These 8 dieser Erklärung heißt es:
„Im Alten Testament hören
wir das Wort Gottes von der menschlichen Sündhaftigkeit und vom
menschlichen Ungehorsam und vom
Gericht Gottes."1)
Der vor vier Jahren verstorbene Berliner evangelische Theologe
Friedrich-Wilhelm Marquardt hat in
einem seiner letzten Vorträge darauf aufmerksam gemacht, dass sich die
Lutheraner und die
Katholiken hier konsequent am Judentum vorbei geeinigt hätten:
Marquardt wörtlich:
- „In dem, was als Gemeinsamkeit in der Rechtfertigungslehre dargetan
wird, spielt das Gesetz
keine essenzielle, nur eine ganz beiläufige Rolle, wird aber dennoch
... ausdrücklich von beiden
Kirchen verworfen. Das heißt: Im Antijudaismus einigen sich die
christlichen Kirchen. ...
- Die evangelisch-katholische Einigung will nur
Vergangenheitsbewältigung, nicht Gegenwarts- und
Zukunftshilfe. Gegenwart und Zukunft der Kirche aber hängen an der
Wahrnehmung Jesu von Nazaret,
der sagte und sagt: ‚Das Heil kommt von den Juden.'(Joh.4,22)"2)
Marquardt hat versucht, wie er es nannte, beim „Stuhl des Mose" in die
Schule zu gehen. Es ging
ihm darum, ein neues Verhältnis der Heidenchristen zur Tora vom Sinai
zu entwickeln. Wir können
uns heute, 60 Jahre nach der Schoa, nicht damit begnügen, wie Luther
zu sagen: „Das Gesetz des
Mose gehet die Juden an, welches uns forthin nicht mehr bindet; denn
das Gesetz ist allein dem Volk
Israel gegeben, und Israel hat es angenommen für sich und seine
Nachkommen, und die Heiden sind hie
ausgeschlossen."3)
Wie dringend notwendig ein neues Verhältnis der christlichen
Theologie zur Tora ist, zeigt sich
nicht zuletzt in unseren Gottesdiensten.
Untersuchungen von evangelischen Predigten haben gezeigt, dass das
Judentum immer noch sehr oft als
Beispiel für eine „gesetzliche Religion" dient.4) Wer sich gegen
Machtstrukturen in der Politik
oder in der Kirche stellen will, demonstriert das gerne an der
neutestamentlichen Kritik an der
pharisäischen Praxis oder verwendet dafür entsprechende Stellen des
Apostel Paulus. Sehr schnell
kann hier die Grenze zum Antijudaismus überschritten werden.
Der berühmte Schweizer protestantische Theologe Karl Barth hat 1935
einen Vortrag mit dem Titel „Evangelium
und Gesetz" verfasst. Er kehrte damit die traditionelle Reihenfolge
dieser Begriffe in der
lutherischen Theologie um. Dort heißt es immer „Gesetz und
Evangelium", also zuerst steht der
sündhafte Mensch unter dem Gesetz, deshalb braucht er die Erlösung
durch das Evangelium.
Karl Barth hat sich an der biblischen Reihenfolge orientiert: zuerst
steht die Befreiung des Volkes
Israel aus der ägyptischen Sklaverei, dann kann Mose die Tora am Sinai
empfangen. Erst das Leben in
der Freiheit ermöglicht die Freude an den Geboten Gottes.
In Psalm 111, der mit unserem Psalm 112 eng zusammengehört, wird
ebenfalls zuerst an die Werke
Gottes erinnert:
Was er tut, das ist herrlich und prächtig,
und seine Gerechtigkeit bleibt ewiglich. (V3)
Er sendet eine Erlösung seinem Volk;
er verheißt, dass sein Bund ewig bleiben soll. (V9)
Dann, in unserem Psalm 112, folgt als nächstes die Freude an den Geboten.
Alle Verheißungen, die dann erwähnt werden, haben etwas mit dieser
Freude zu tun: der Segen der
Nachkommenschaft, der Wohlstand, aber auch die Sorge um die Armen.
Gott wird als der Gnädige, Barmherzige und Gerechte gepriesen.
Keine Imperative werden aneinandergereiht, kein Forderungskatalog wird
hier aufgestellt, sondern das
Vertrauen auf den befreienden Gott wird durch Freude an seinen Geboten
ausgedrückt
Ist das keine gute Nachricht, keine frohe Botschaft, kein Evangelium?
Ich meine, wenn wir als Christinnen und Christen diesen Psalm heute
mit unseren jüdischen
Geschwistern beten, dann können wir vor allem lernen, was das heißt:
Freude an den Geboten. Die
Gebote Gottes wollen uns frei machen und den Weg ins Leben zeigen, uns
aufrichten und nicht: uns
niederdrücken und unsere Sündhaftigkeit zeigen.
Das Geschenk des Sabbats ist nur ein Beispiel dafür, wie ein Gebot zum
Zeichen von Gottes Befreiung
für uns Menschen werden kann.
Ich wünsche mir, dass wir uns von der Freude des Psalmbeters an Gottes
Geboten anstecken lassen.
Ich wünsche mir, dass diese Freude in unseren protestantischen und
katholischen Gottesdiensten zu
spüren ist, in unseren Gebeten, in unseren Predigten, in unseren Liedern:
In dem Lied des berühmten evangelischen Liedtexters Paul Gerhardt „Die
güldne Sonne" heißt es
in der fünften Strophe am Schluss: „Lass mich auf deinen Geboten bestehn."
Ich wünsche uns, dass uns das gelingen möge, ob wir Juden oder
Christen sind.
- Veröffentlicht in: Lutherischer Weltbund/
Päpstlicher Rat zur Förderung der
Einheit der Christen (Hg.), Gemeinsame Erklärung zur
Rechtfertigungslehre. Gemeinsame offizielle
Feststellung; Anhang (Annex) zur Gemeinsamen offiziellen Feststellung,
Frankfurt a.M./ Paderborn
1999.
- Vom Rechtfertigungsgeschehen zu einer Evangelischen
Halacha, in : H.M. Dober/
D.Mensink (Hg.), Die Lehre von der Rechtfertigung des Gottlosen im
kulturellen Kontext der
Gegenwart, Stuttgart 2002, 43-75, 44
- Martin Luther, Eine Unterrichtung, wie sich die
Christen in Mosen sollen schicken,
MA 4, 182 = WA 24,6
- Vgl. dazu E. Volkmann, „Gesetz" und „Evangelium" in
der Predigt, in: H.M.
Dober/ D. Mensink (Hg.), Die Lehre ..., 106-123, bes. 118ff.
Der Autor ist Studienleiter der Evangelischen
Akademie Wien und
Generalsekretär der Europäischen Lutherischen Kommission Kirche und
Judentum LEKKJ
Quelle: Koordinierungsausschuss
für Christlich-Jüdische
Zusammenarbeit
 2007-10-01
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