Janusz Korczak, ein jüdischer Lehrer und Erzieher
Das Lebenswerk von Janusz Korczak entzieht sich auch noch 60 Jahre nach seinem Tod durch
viele „Unschärfen“ einer raschen Interpretation. Diese „Unschärfen“ beginnen schon
mit dem Geburtsjahr (Warschau 1878 oder 1879) und enden mit dem Datum der Ermordung (Anfang
August 1942) in Treblinka. Viele Berufe übte Korczak aus, teilweise gleichzeitig:
Nachhilfelehrer, Bibliotheksassistent, Schriftsteller, Kinderarzt, Sanitätsoffizier,
Erzieher, Sozialpolitiker, Journalist, Hörfunkautor, Radiosprecher, Gerichtsgutachter,
Hochschullehrer, vor allem aber war er „Vater“ vieler Waisenkinder. Er selbst
bezeichnete sich in dem „Fragebogen zur erstmaligen Meldung der Heilberufe“ (1940) als
„Pädologen und Pädiater“. Zu diesen „Unschärfen“ zählt auch seine jüdisch-polnische
Identität. Korczak war fraglos Pole, ein Patriot. An Warschau hing sein Herz. In den
dunklen Gettonächten streift er immer wieder in Gedanken durch die Gassen und Straßen
dieser Stadt oder setzt sich an die Ufer der Weichsel.
Korczak war aber ebenso fraglos Jude.
1. Korczaks jüdische Zugänge zur Pädagogik
Janusz Korczak wächst als Henryk Goldszmit in einer wohlhabenden, bürgerlichen,
assimilierten polnisch-jüdischen Familie auf, verwurzelt sowohl in jüdisch-aufgeklärter
Tradition, als auch im polnischen Volkstum. Er erinnert sich 1942 im Tagebuch: „Ich
war damals fünf Jahre alt [...] Unter dem Kastanienbaum lag - in Watte gebettet - in einer
metallenen Bonbondose mein erster geliebter, mir nahestehender Toter begraben, wenn es auch
nur ein Kanarienvogel war. Sein Tod warf die geheimnisvolle Frage nach dem Bekenntnis auf.
Ich wollte ein Kreuz auf seinem Grab errichten. Das Dienstmädchen sagte, das gehe nicht an,
denn es sei nur ein Vogel, etwas weit Niedrigeres als ein Mensch. Sogar um ihn zu weinen sei
Sünde [...]Und noch schlimmer war, daß der Sohn des Hausverwalters feststellte, der
Kanarienvogel sei Jude gewesen. Ich auch. Ich bin auch Jude, und er - Pole und Katholik. Er
würde ins Paradies kommen, ich dagegen, wenn ich keine häßlichen Ausdrücke gebrauchte
und ihm folgsam im Haus stibitzten Zucker mitbrächte, käme zwar nicht gerade in die Hölle,
aber irgendwohin, wo es ganz dunkel sei. Und ich hatte Angst in einem dunklen Zimmer. Tod -
Jude - Hölle. Das schwarze jüdische Paradies. Es gab genug Grund zum Grübeln“.1
Korczak modifiziert sein jüdisches Selbstverständnis mehrfach im Laufe seines Lebens,
nicht aus Opportunität, sondern infolge kritischen Denkens. Seine erste Stellungnahme zur jüdischen
Frage stammt aus dem Jahre 1905. In dem Zeitschriftenartikel Statt einer
Berichterstattung entlarvt er den Roman Juden 2 von Michal Muttermilch
als eine schäbige und sensationslüsterne Sudelei. „In ‘Juden‘ wird eine Tendenz
sichtbar: Die Juden sollten sich assimilieren. Herr Muttermilch hat offenbar vergessen, daß
die Menschen außer ihrer Nationalität, leider auch einen Magen besitzen. Er hat übersehen,
daß neben der zahlenmäßig geringen, mehr oder weniger widerlichen, bourgeoisen jüdischen
Schicht eine mehrere Millionen zählende Masse hungernder, herumgestoßener Juden
dahinvegetiert. Hätte Herr Muttermilch sich ein bißchen weniger zugetraut und lieber
vorher Erkundigungen eingeholt, ehe er sein schäbiges Machwerk mit dieser effektvollen Überschrift
versah, hätten ihn die Autoren Juszkiewicz, Rozenfeld, Perec, Abramowicz, Pinski und viele,
viele andere mehr Behutsamkeit im Umgang mit diesem Thema gelehrt.“ Korczak
solidarisiert sich mit dem jüdischen Proletariat, das „reift und sich erstaunlich
rasch entwickelt, sich bewußt organisiert und gezwungen ist, über sich zu reden.“ Dies
Proletariat wünsche „um jeden Preis jegliche, auch die loseste Verbindung zu seiner bürgerlichen
‚Oberschicht‘ abzubrechen.“ Es unterscheide sich „nicht nur in seinen Überzeugungen,
sondern sogar in seiner Sprache“ von der jüdischen Oberschicht.3
1910 beteiligt sich Korczak an der Diskussion über die Vereinbarkeit von jüdischer
Identität und fortschrittlichem Denken. Unter dem Titel Drei Strömungen 4
beschreibt er drei, wie er sagt, vertretbare Positionen einer sinnvollen Assimilation
innerhalb der polnischen Gesellschaft:
- die des polnischen Bürgers jüdischer Abstammung, der aus Gründen der Assimilation
sogar dem Übertritt zum polnischen Katholizismus zustimmt,
- die des fortschrittlichen, der aufklärerischen „Haskala“ verbundenen Juden, der
sich dem polnischen Volk eingliedert und
- die des religionsfreien, linksorientierten, sozialistischen Juden.
„Als polnischer Jude stehe ich mit meinem ganzen Herzen gerade dieser letzten Stimme am
nächsten, aber ich kann nicht umhin, auch die beiden ersten zu verstehen [...] Wir sind Brüder
eines Landes. Uns verbinden Jahrhunderte gemeinsamen Glücks und Unglücks - ein langer
gemeinsamer Weg - eine gemeinsame Sonne scheint auf uns, derselbe Hagel zerstört unsere
Getreidefelder, dieselbe Erde birgt die Gebeine unserer Vorfahren - es gab mehr Tränen als
Lachen, doch das ist weder unsere noch eure Schuld. Arbeiten wir also zusammen. Wir sind
arm, unterstützen wir einander, wir sind traurig, trotzen wir miteinander. Möge uns ein
gutes Geschick beschieden sein. Wir werden eure Wunden heilen, ihr die unseren - und da wir
Fehler haben, wollen wir uns gemeinsam bemühen, sie zu überwinden [...] Entfachen wir das
gemeinsame Feuer, öffnen wir in seinem Licht unsere Seelen; das Böse werfen wir in die
Flammen, das Gute - das Erhaltenswerte - das Ehrenhafte - in die gemeinsame Schatztruhe“.5
Eine solche jüdisch-sozialistische Position verband in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg
u. a. auch Martin Buber mit Gustav Landauer. Neuere Untersuchungen lassen die Vermutung zu,
daß Korczak über einen gemeinsamen Freund (Stanislaw Brzozowski) Martin Buber sogar
kannte.
Zum Problem des Zionismus äußerte sich Korczak (1925) in einem Gespräch mit Jerachmil
Wajngarten: „Was die zionistische Bewegung betrifft, so machte ich mich mit ihr während
des II. Kongresses (Basel 1898) 6 bekannt, an dem ich als Gast
teilgenommen habe. Ich war zu dieser Zeit jung und es riß mich der ‚Sturm und Drang‘
(deutsch im Original) hin; ich empfand Abscheu vor der zionistischen Bewegung, die mir bürgerlich
erschien, nur für Besitzer von weißen Handschuhen, obwohl ich auch den Eindruck hatte, daß
es eine Versammlung von Sophisten und Enthusiasten gewesen ist. Seit dieser Zeit
interessiere ich mich für alles, was unter den Zionisten geschieht.“ In eben diesem
Gespräch teilt Korczak dann auch seine Eindrücke über den XIV. Kongreß (Wien 1925) mit: „Er
hat mich interessiert, obwohl ich in ihm fast nichts von diesem Enthusiasmus gefunden habe,
der während des II. Kongresses herrschte. Es ist aber meines Erachtens kein Untergang,
sondern ein Übergang von der Etappe der Utopie zur Etappe der Praxis, der Rechnungen, der
Fakten. Die Poesie des Enthusiasmus ist verlorengegangen, es ist die Prosa der Arbeit
gekommen“.7
Angesicht der antisemitischen Pogrome in Rußland und in Polen beschäftigt sich Korczak
seit der 4. Alija (1924-1931) und der 5. Alija (seit 1932) intensiv mit der Vorbereitung von
Jugendlichen für die Auswanderung nach Palästina. Seit 1929 ist er Stellvertretendes
Mitglied im Rat der Jewish Agency for Palestine. Er sammelt Informationen über die
Lebensverhältnisse in Palästina, möglichst „aus erster Hand“ und nicht aus allerorten
in Polen angebotenem „Werbematerial“. In dieser Zeit verfaßt Korczak auch Einführungsbroschüren
für Kinder und Jugendliche, die nach Erez Israel auswandern wollen. Den intensiven Kontakt
zu den „Palästinapionieren“ (vorwiegend zur demokratisch-zionistischen
Jugendorganisation Dror) wird er bis in die Gettozeit hinein aufrechterhalten.8
Zumindest ab den dreißiger Jahren werden im jüdischen Waisenhaus „Dom Sierot“ in
Warschau die großen jüdischen Feste (Pesach, Schavuot, Chanukka, Purim und Neujahrsfest)
begangen. Dort gab es außerdem einen „Gebetsraum“, einen Raum der Stille, in dem auch
Korczak immer wieder angetroffen wurde. Für das Morgengebet trug man sich (Mädchen und
Jungen getrennt) in Listen ein. Der ehemalige Zögling Korczaks und spätere Vertraute Józef
Arnon schreibt in seinen Erinnerungen: „Das Verhältnis Korczaks zur Religion hatte
mystische Züge. Korczak lehnte jeglichen institutionellen Kult im Sinne irgendeiner Kirche
ab. Er anerkannte weder eine Hierarchie noch eine verpflichtende Dogmatik in den Religionen.
Er sah in der Religion einen Teil des geistigen Lebens des Menschen, ein subjektives Bedürfnis
in jedem Alter und in jeder Situation. So kann ich das entschieden bestätigen“.9
Ein anderer Zögling erinnert sich: „Die Sorgen der Kinder waren seine Sorgen. Zum
Beispiel war er den elternlosen Buben gegenüber besonders zartfühlend. Morgens und abends
sprachen sie im Haus in der Krochmalna das Kaddisch. Sooft er im Haus war, ging er zu ihnen,
setzte die Jarmulke auf und betete zusammen mit den Jungen. Wie eine Wolke verdunkelte das
Leiden seinen Blick, sein Gesicht drückte unendliche Trauer aus. Wenn ein Kind das Kaddisch
beendet hatte, trat er hinzu und küßte es auf die Stirn ,Mein Lieber! Mein liebstes Söhnchen!‘
flüsterte er. Denn er spürte, was in diesem Augenblick in der Seele eines verwaisten
Kindes vor sich geht“.10
2. Korczaks mystische Zugänge zum Land Israel
Korczaks wichtigste Mitarbeiterin, Stefania Wilczynska, hatte Erez Israel erstmals 1931
bereist. „Frau Stefa“ riet Korczak dringend, dorthin zu reisen und „auszuspannen“.
Nach Wochen grüblerischen Zweifelns und Suchens entschließt er sich dann auch im Sommer
1934 zu einer ersten mehrwöchigen Reise nach Palästina. „Wenn das Schicksal es fügte
und ich nach Palästina reiste, dann nicht zu den Menschen, sondern zu den Gedanken, die
dort in mir geboren würden. - Was würde mir der Berg Sinai sagen, was der Jordan, was das
Grab Christi, was die Universität, was die Höhlen der Makkabäer, Tiberias - erst dann
vielleicht Purim in Tel Aviv, die Pardesse. Und wie würde ich in diesem Lichte die
zweitausend Jahre der Geschichte Europas, Polens und der Wanderschaft der Juden erleben.
[...]
Dort ist mehr zu erwägen: zwanzig Jahrhunderte Christentum und gewiß mehr als eine
Generation Kontakt mit den Arabern und den Indern 11. - Nicht nur Palästina,
sondern auch Griechenland und Rom, nicht nur Export und Import, sondern die Fragen des
Geistes“( März 34, Brief an Arnon12).
Korczak reist mit der Bahn bis Konstanza (rumänische Schwarzmeerküste) und von dort auf
dem Schiff nach Haifa. In Palästina hält er sich drei Wochen auf. Er wohnt im Kibbuz Ejn
Harod. Zwischendurch bereist er das Jordan-Tal und Galiläa. An den Abenden hält er Vorträge
und leitet Diskussionen über seine „Hauptthemen: die Schlafgewohnheiten der Kinder, die
Vererbung, die Ernährung, die verschiedenen Kindertypen, kindliche Sexualität und die
Aufgabe des Erziehers“.13
Im Sommer 1936 unternimmt Korczak eine zweite Palästinareise Er schreibt: „ [...]
indem man durch die Wüste irrt - durch Hunger und Sünde und durch die Verwirrung der
Sprachen - gelangt man ins Gelobte Land“ (August 35, Brief an Joskowicz). „Was
ich in Palästina tun werde, weiß ich noch nicht. Nach dem ,Kennenlernen’ der Chaluzim,
möchte ich mir das Leben der Schomers ansehen - das zum einen. Die
Einzelwirtschaft (Moschawa) interessiert mich sehr und das Leben der Orthodoxen (das Dorf
des Zaddik von Jabëonna). Soweit möglich, eine Woche in Nazareth und eine Woche in
Jerusalem“ (Juni 36, Brief an Lichtenbaum).
Korczak möchte als kritischer Beobachter und Berichterstatter möglichst viel von Land
und Leuten kennenlernen. Sein Interesse gilt vor allem der Geschichte und dem Geist der
alten „Symbiose“ von Israel / Griechenland / Christentum und der neuen Symbiose von
Juden / Arabern / Indern.
Korczak plante dann noch eine 3. Reise (ab 1937). Diese wurde dann allerdings nicht mehr
realisiert.
Eine kritische Bewertung dieses Materials zeigt, daß Korczak in Palästina (auch gegen
Widerstände) seine uneingeschränkte Solidarität mit den Schwachen und Ausgegrenzten
bekundet und daß er eine bis dahin noch nicht so explizit gewordene chassidisch-mystische
Weltschau vertritt. Er ist alles in allem nicht so sehr an speziell jüdischen Fragen (Land
der Väter, Orte der Schrift, orthodoxe oder liberale Strömungen) in Palästina
interessiert, sondern vielmehr an den sozialen Lebensbedingungen aller Menschen dort, vor
allem der Kinder. (Dies gilt auch für seine Kibbuz-Studien.) Überspitzt formuliert könnte
man sagen, dass Korczak den Sinai als einen faszinierenden Berg in der Wüste
(Naturerlebnis), als einen Ort der Gottesbegegnung (Religion), vor allem aber als den
Ursprungsort der jüdischen Ethik betrachtet, einer Ethik, die die Sorge um „die Witwe,
den Waisen und den Fremden“ ins Zentrum ihres Denkens und Handelns rückt. In diesem Sinne
sucht Korczak dann auch die Begegnung mit den Schwachen und Elenden, den Kindern, den enttäuschten
und verzweifelten Siedlern und oft auch mit den „Arabern“ und Indern.) Korczak verankert
sein „Judesein“ in eben dieser ethischen und nicht in einer nationalen oder kultischen
Tradition. Wie radikal Korczak denkt, mag seine Stellungnahme zur „Araberfrage“
verdeutlichen. Die Palästinenserfrage stellt er von vornherein in einen größeren
Zusammenhang: “Was die Juden betrifft, so wurde ihnen eine schwere Aufgabe aufgebürdet
- sie stellen die Vorhut, die bei der Aufwertung der farbigen Rassen vorausgeht“ (März
37, Brief an Arnon). Auch Jerusalem sollte für ihn das Zentrum eines weiteren „Völkerbundes“
sein. Zur „Araberfrage“ im Speziellen formuliert Korczak einen radikalen Vorschlag für
das friedliche Zusammenleben von Arabern und Juden in Palästina: „ [...] alles, was
groß ist, hat sich in den Bergen zugetragen. Der Ararat, der Sinai, der Berg der
Seligpreisungen, nun - der Scopus. Das ist keine Phrase: wenn die Juden der in
Unwissenheit tollgewordenen Welt garantieren könnten, daß sie ihren Weg finden, könnte
man den Arabern die fruchtbaren Täler und das Meer zurückgeben, sie würden die Juden ernähren,
wie die Klöster die Verirrten und die Versager ernährten“ (April 38, Brief an
Arnon). Korczak verweist mit dieser Position auf das seinerzeit für Palästina
geltende türkische Gesetz, das demjenigen nach Sonnenuntergang das Land zusprach, welches
er tagsüber bewirtschaftet hatte. Die Briefe aus dieser Zeit zeigen eindrucksvoll, daß
eine existentielle Krise in Korczak eine intensive Sinnsuche auslöst. Von Allein mit
Gott. Gebete derer, die nicht beten 14 abgesehen, finden wir in keiner
Lebensphase Korczaks eine derartig bohrende Gottsuche. Allenfalls im Tagebuch (1942)
finden wir noch einmal ein solch intensives Fragen. Gott wird hier aber nicht, das mag zunächst
verwundern, im Umfeld einer etablierten Religion gesucht - das hätte ja nahegelegen.
Korczak kannte fraglos nicht nur das Judentum, sondern auch das Christentum, vor allem in
der Form des polnischen Katholizismus, sehr genau. Statt dessen begegnen wir eher einer
mystischen Gottsuche.
Diese Mystik hat bei Korczak gleichermaßen asketische wie sinnenfrohe Züge. Asketisch
zu nennen sind: „Wüste“, „Dürre“, „Hunger“ als „Wege“ ins „gelobte
Land“, der willentliche „Verzicht auf eine verbindende Sprache“, die Bejahung der
„Sprachverwirrung“. Für sinnenfroh, weltlich, fast pantheistisch (ein Kriterium für
echte Mystik) stehen: die Sehnsucht nach Schönheit („bittere Schönheit“), nach Licht,
das Verschwinden im Sternenhimmel. „Ich brauche ganz einfach, sowohl den Himmel als
auch die Landschaft, den Jordan und den Sand.“ Neben der „Sprachverwirrung“ auch
die „Suche nach dem schlichten und magischen Wort“ (März 37, Brief an Markuze).
Korczak strebt nach dem „Einvernehmen mit Tier und Pflanze“, er möchte mit den „Steinen
reden; sie reden wenig und leise, aber sie lügen nicht - und mit den Sternen.“
Intendiert wird die „freie Verbindung mit dem Gras und den Sternen - mit Gott.“ Die
Seele „muß von der Sonne durchglüht, vom Seewind durchlüftet, von der Hitze gedämpft
werden, die zu grellen Farben müssen vom Sand abgeblendet werden“ (Sept. 37, Brief
an Kutalczuk). Werden in der Welt - Verschmelzung mit dem Kosmos: diese Art von Mystik
ist zum einen fraglos vom „Zeitgeist“ mitgeprägt. Es sei nochmals an den frühen Martin
Buber und an Gustav Landauer erinnert. Ich vermute zum anderen aber auch eine Beeinflussung
durch mystische Elemente innerhalb der „Kibbuz-Bewegung“. Korczak begegnete ihr vor Ort
und ließ sich offensichtlich von dieser großen „mystischen Leidenschaft“, die „mit
der ‚Erlösung‘ des Landes (bei Korczak: ‚Erlösung der Welt‘) verknüpft wurde,
anstecken.
Trotz all dieser offensichtlichen „Unschärfen“ im Bezug auf Korczaks „jüdische
Identität“ lassen sich aber doch wesentliche Elemente seiner Pädagogik auf genuin jüdisches
Gedankengut zurückführen.
3. Korczaks Wertung des Kindes
(1) Jüdisches Erbe ist fraglos die außerordentliche Hochschätzung des Kindes.
Diese Achtung erklärt sich keinesfalls allein aus der Aufwertung des Kindes, wie sie in
vielen Bevölkerungsminoritäten zu finden ist, auch nicht aus der Dominanz jüdischer Ärzte
in der sich etablierenden Kinderheilkunde in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Das Kind
ist in der jüdischen Lebenswelt wesentlicher Orientierungspunkt. (Im Christentum ist es der
„Bruder“.) Als Beispiel sei die Exponierung des Kindes am Sederabend erwähnt.
(2) Die jüdische Religion ist eine Religion der Schrift / Verschriftlichung -
nicht nur der Heiligen Schrift. Korczaks Leben ist vom täglichen Umgang mit Schriften geprägt.
Von seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erwartete er eine kontinuierliche
Verschriftlichung der pädagogischen Arbeit (Erziehungs-Journal). Er versteht das Kind als
einen zu lesenden Text.15 Auch sein wöchentliches Wiegen und Messen der Kinder
gehört in diesen Kontext. Im Warschauer Getto beklagt er nicht den Verlust üblichen Hab
und Guts, sondern den Verlust dieser Messdaten. Messen und Wiegen als objektive Daten und
zugleich das von vielen Kindern erinnerte Streicheln über den Kopf: Distanz und Zärtlichkeit,
diese „Be-hand-lungen“ kennzeichnen Janusz Korczak.
(3) Die Schriften / Texte (Korczak: das Kind als „Hieroglyphe“) lassen sich nicht
systematisieren, sondern allenfalls kommentieren (Talmudkommentar). Korczaks Pädagogik ist
eine ‚kommentierende Pädagogik‘. Daher der radikale Verzicht auch auf subtile
Machtansprüche.
(4) Korczak Sorge gilt einer ganzheitlichen Bildung des Kindes. Hierher gehören bei ihm
so wichtige Projekte wie Schule des Lebens 16, als die Sorge um eine
optimale schulische Bildung, Weiterbildung, Arbeitsvermittlung, aber auch die Förderung
kreativer Aktivitäten (im Waisenhaus wurde wöchentlich eine „Kinderzeitung“ erstellt).
Abraham Jehoschua Heschel spricht in diesem Zusammenhang vom „Luxus des Lernens“.
(5) Die jüdische Religionswelt ist geprägt von Geschichte und Geschichten. Wesentliche
Elemente werden „narrativ“ vermittelt. Ein Blick auf Korczaks Werk bestätigt
auch bei ihm diesen Vermittlungsmodus. Weite Teile könnte man bei ihm einer „narrativen
Pädagogik“17 zuordnen.
(6) Die jüdische Ethik wird in starkem Maße von „gerechtem Handeln“ bestimmt. Gerechtigkeit,
nicht Mitleid, soll die Sorge um „die Witwe, den Waisen und den Fremden“ bestimmen, - Nächstenliebe
als Gerechtigkeit. In diesem Sinne spricht auch Korczak immer wieder von den „Rechten“
des Kindes. Das „Kameradschaftsgericht“ im Warschauer Waisenhaus zielt auf Gerechtigkeit
- und so dies nicht zu erreichen ist: auf Verzeihen.
(7) Jüdisches Ethos wird, pointiert formuliert, durch das „heute“ definiert
und determiniert. Franz Rosenzweig schreibt in Bildung und kein Ende (1937): „Das
Fernste läßt sich nur ergreifen beim Nächsten, beim jeweils Nächsten des nächsten
Augenblicks. Jeder Plan ist hier schon von vornherein falsch, weil er - ein Plan ist. Denn
das Höchste läßt sich nicht planen. Ihm gegenüber ist Bereitsein alles [...] Nur den
leisen Ruck des Willens, - schon im Wort Willen - liegt beinahe zuviel; wirklich nur jenen
leisen Ruck, ein Umsich- und Insichschauen. Was der einzelne schauen wird, wer wollte ihm
das voraussagen. Nur soviel wage ich ihm vorauszusagen: er wird das Ganze erschauen“ 18.
Eines der elementaren Kinderrechte formuliert Korczak als das „Recht des Kindes auf den
heutigen Tag“.19
Zusammenfassung
Korczaks jüdische Wurzeln verankern sein pädagogisches Denken und Handeln in einer
Ethik, die vom „Anderen“ ausgeht: von der Witwe, vom Waisen und vom Fremden. Für diesen
„Anderen“, insbesondere für das Kind, war Korczak in radikaler Weise offen. Von ihm
erhoffte, ja versprach er sich die Rettung der Welt. Durch jedes einzelne Kind, ganz
besonders aber durch seine Warschauer Sozialwaisen. In seinen Briefen aus dieser Zeit lesen
wir: „ Die einzige Rettung: das Kind“ (1937). „Den Glauben an das künftige
Leben mit dem Kind als einer Hoffnung verbinden“ (1933). „Als Ausgangspunkt das
Kind wählen“ (1934). „Hin zu den Kindern - zu den Kindern“ (1936).
„Das Kind spielt die führende Rolle bei der geistigen Gesundung des Menschen“ (1936).
„Ich glaube daran [...] als Kind wieder zu euch zu kommen“ (1937).
Im Tagebuch finden wir einen Eintrag, der diesen Brückenschlag von der alten jüdischen
Tradition zum Kind in einer bewegenden Szene verdeutlicht: „In Myszyniec war ein alter,
blinder Jude zurückgeblieben. Er schlurfte an seinem Stock zwischen Wagen, Pferden, Kosaken
und Kanonen umher. Welche Grausamkeit, einen blinden Greis allein zurückzulassen. ‚Sie
wollten ihn schon mitnehmen‘, sagte Nascia., ‚aber er wollte um keinen Preis fort, weil
einer doch die Synagoge bewachen müsse‘. Ich lernte Nascia kennen, als ich ihr half, ein
Eimerchen zu suchen, das ein Soldat ihr weggenommen hatte, der sich weigerte, es zurückzugeben.
Ich bin beides - der blinde Jude und Nascia.“20
Wie weit Korczak für einen solchen „Brückenschlag“ steht, mag seine fast häretische
Interpretation der Schrift belegen.
In Das Kind Moses beschreibt Korczak die Einrichtung der Sozialreformen des
„Sabbatjahres“ und des „Jobeljahres“ auf seine Weise. Gemäß der Tora sollen
in jedem siebten Jahr die Felder brach liegen, die Weinstöcke nicht beschnitten werden und
die israelitischen Sklaven freigelassen werden. Auf jedes 7. Sabbatjahr folgt dann ein
Jobeljahr mit allgemeiner Sklavenbefreiung, dem generellen Schulderlaß und der Pfandrückgabe.
Dieses zentrale Gebot in der jüdischen Ethik gründet für Korczak nicht in einem Gebot
Gottes, sondern in dem Traum eines Kindes ( „Mose“ ist gleich „Kind“). Korczak
schreibt: „Der Lehrer sitzt in dem königlichen Innenhof und lehrt die alte Geschichte
(vom Pharao und der Enteignung der Bauern, ‚bis er das ganze Volk zu seinen Sklaven
machte’, M.K.), und die Kinder, die zu seinen Füßen sitzen, hören aufmerksam zu [...]
Moses sagte: ‚Es ist nicht gut, den Boden auf ewig zu verkaufen; im Jobeljahr gibt es die
Einlösung, dann kehrt jeder auf seinen Besitz zurück und wird kein Joch und keine Unterdrückung
erfahren’. Darauf sagte der Lehrer: ‚Nicht die Kinder machen hier die Gesetze.’ Aber
Mose erwiderte: ‚Jeder, der heute ein Kind ist, wird morgen ein Mann seines Volkes sein“.21
Korczak vertraute zeitlebens der „schöpferischen Kraft“ des Kindes. Deshalb durften
in seinen Warschauer Waisenhäusern die Kinder nicht nur ihren Alltag selbst regeln, sondern
auch die Gesetze machen. Auch für den „dritten Neuanfang“ in Palästina hatte er sich
eben dieses „Schöpfertum des Kindes“ in Wort und Tat gewünscht. Doch es kam alles
anders. Viele geplante Projekte mußten als Fragmente liegen bleiben.
Korczak kehrte aus Palästina „ohne Wenn und Aber“ als der „alte Doktor“ nach
Warschau zu seinen Kindern zurück. Er schreibt 1939 an Józek Arnon: „Der Juli war
bezaubernd. Zwanzig neue Kinder zu entziffern, wie zwanzig Bücher, geschrieben in einer
halbbekannten Sprache, im übrigen beschädigt, mit fehlenden Seiten. Ein Bilder-, ein
Kreuzworträtsel. - Wieder, wie vor Jahren wichtig: ein Paar verbummelte Latschen, ein
Splitter im Fuß, ein Streit um eine Schaukel, ein abgebrochener Ast.“
Diese zauberhafte Zeit währte nur kurz. Korczak wurde schon bald mit den Kindern ins
Warschauer Ghetto „umgesiedelt“. Vor dem Abtransport in die Gaskammern von Treblinka
notiert er in sein Tagebuch einen Wunsch-Traum: „Ich werde über unbegrenzte
Mittel verfügen und einen Wettbewerb für den Bau eines großen Waisenhauses in den Bergen
des Libanon, in der Nähe von Kfar Geladi, ausschreiben. Dort wird es große Speisesräume
geben [...] und kleine Einsiedlerhäuschen. Für mich gibt es auf der Terrasse eines flachen
Daches ein kleines Zimmer mit durchsichtigen Wänden, damit ich keinen Sonnenaufgang und
keinen Sonnenuntergang versäume, damit ich immer wieder die Sterne sehen kann, wenn ich
nachts schreibe. Das junge Palästina bemüht sich angestrengt und redlich um eine Verständigung
mit der Welt. Aber es muß auch an den Himmel denken. Sonst wäre das ein Mißverständnis
und ein Fehler.“22
Anmerkungen
- Janusz Korczak, Erinnerungen, in: Das Recht des Kindes auf Achtung, Göttingen
1972, 250. (Diese Erinnerungen werden - korrekter betitelt - als Tagebuch
in: Janusz Korczak, Sämtliche Werke (= S. W.), Bd.15 (in Vorbereitung) in
einer Neuübersetzung veröffentlicht.
- Michal Muttermilch, Juden, Warschau 1905.
- Janusz Korczak, S. W., Bd. 7, Gütersloh 2002, 204 ff.
- Janusz Korczak, S. W., Bd. 7, 269 ff.
- Janusz Korczak, S. W., Bd. 7, 269 ff
- Es muß heißen: III. zionistischer Kongreß Basel 1899.
- Janusz Korczak, S. W., Bd. 5, Gütersloh 1997, 244.
- Vgl. Michael Kirchner, „Wenn die Wälder brennen, muß man sich an die Rosen
erinnern“ in: Korczak-Bulletin 1/2001.
- F. Beiner / S. Ungermann (Hrsg.), Janusz Korczak in der Erinnerung von Zeitzeugen,
Gütersloh 1999, 232.
- Ebd.: 322.
- Gemeint sind die Palästinenser und die sogenannten Gastarbeiter.
- Die Zitate aus den Briefen Korczaks sind zum Großteil im Deutschen noch nicht
publiziert. Sie sind für S. W., Bd. 15 (noch nicht erschienen) vorgesehen.
- Betty Jean Lifton, Der König der Kinder, München 1988, 271.
- Janusz Korczak, S. W., Bd. 5, Gütersloh 1997, 29 - 68.
- Vgl. hierzu: Michael Kirchner, Janusz Korczak: Das Kind als ‚Hieroglyphen-Text’,
Korczak-Bulletin 2/2002.
- Janusz Korczak, Die Schule des Lebens, in: Sämtliche Werke, Bd. 7, Gütersloh
2002.
- Vgl. hierzu: Michael Kirchner, Die Geschichten des Janusz Korczak. Gedanken zu
einer ‚narrativen Pädagogik’, in: M. K., Von Angesicht zu Angesicht. Janusz
Korczak und das Kind, Heinsberg 1997.
- Franz Rosenzweig, Kleine Schriften, Berlin 1937, 88.
- Korczak postuliert als die drei Grundrechte des Kindes: „1. Das Recht des Kindes
auf den Tod. 2. Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag. 3. Das Recht des Kindes, das
zu sein, was es ist.“ In: Sämtliche Werke, Bd. 4, Gütersloh 1999, 45.
- Janusz Korczak, Das Recht des Kindes auf Achtung, Göttingen 1972, 244.
- Janusz Korczak, S. W., Bd.5, Gütersloh 1997, 208.
- Janusz Korczak, Das Recht des Kindes auf Achtung, Göttingen 1972, 259 f.

|